Es liegt diese ganz besondere, knisternde Spannung in der Luft, wenn Zehntausende in Schwarz gekleidete Menschen wie eine gut geölte Maschine auf ein Stadion pilgern. Der Freitagabend (22. Mai) in Frankfurt am Main war nicht einfach nur ein weiteres Konzert im Tour-Kalender einer Band. Es war der Startschuss zu einem wahrhaft gewaltigen Heavy-Metal-Wochenende. Im Rahmen ihrer epischen „M72 World Tour“ spielten Metallica die erste von zwei restlos ausverkauften Stadionshows im altehrwürdigen Deutsche Bank Park. Und wer die vier Metal-Legenden auch nur ein bisschen kennt, der weiß ganz genau: Sie machen keine halben Sachen.
Mit ihrem revolutionären „No Repeat Weekend“-Konzept haben die Kalifornier einen Weg gefunden, der selbst die hartgesottensten und weit gereisten Fans gleich zweimal hintereinander in dasselbe Stadion lockt. Die Prämisse ist ebenso einfach wie genial: Zwei Abende (Freitag, 22. Mai, und Sonntag, 24. Mai), zwei komplett unterschiedliche Shows. James Hetfield, Lars Ulrich, Kirk Hammett und Robert Trujillo spielen an diesem Wochenende keine einzige Note doppelt. Wer sich also Tickets für beide Abende gesichert hat, erlebt in der Summe ein völlig anderes, umfassendes musikalisches Programm. Doch was bedeutete dieses ehrgeizige Versprechen für die erste Show am Freitag? Ein unvergessliches Feuerwerk aus ewigen Klassikern, faustdicken Überraschungen und purer, ungefilterter Live-Energie.
Ein Support-Paket der Extraklasse: Knocked Loose und Gojira
Bevor die Headliner des Abends das Zepter übernahmen, wurde das Frankfurter Publikum ordentlich auf Betriebstemperatur gebracht. Und „aufgewärmt“ ist in diesem Kontext fast schon eine charmante Untertreibung. Mit Knocked Loose und Gojira hatten Metallica zwei Support-Acts im Gepäck, die keine Gefangenen machten.
Knocked Loose eröffneten den Abend noch bei Tageslicht mit brachialer Hardcore-Härte und brachten den Innenraum zum ersten Mal so richtig zum Beben. Die rohe, unbändige Energie der Band war der perfekte Weckruf für all jene, die gedanklich vielleicht noch in der Arbeitswoche feststeckten. Direkt im Anschluss übernahmen die französischen Tech-Death-Giganten Gojira die gigantische Bühne. Mit ihrer unglaublichen musikalischen Präzision, drückenden Riffs und einer wahnsinnigen Rhythmusfraktion zeigten sie eindrucksvoll, warum sie derzeit zu den besten und tightesten Live-Bands des Planeten gehören. Der Boden im Deutsche Bank Park vibrierte bereits bedrohlich, noch bevor der Hauptact überhaupt die ersten Akkorde angeschlagen hatte.
Die 360-Grad-Bühne: Mittendrin statt nur dabei
Ein absolutes Highlight dieser M72 World Tour ist – ganz neben der unvergleichlichen Musik – zweifellos die optische und technische Inszenierung. Wer gewöhnliche Stadion-Tourneen kennt, der kennt auch das Problem: Es gibt die große Hauptbühne an einem Ende des Stadions, und wer hinten auf den billigen Plätzen sitzt, braucht im Grunde ein Fernglas, um mehr als nur leuchtende Bildschirme zu erkennen.
Metallica drehen dieses alteingesessene Konzept komplett auf den Kopf. Die spektakuläre 360-Grad-Bühne wurde exakt mittig im Stadion, quasi auf dem Anstoßpunkt des Deutsche Bank Parks, aufgebaut. Das Resultat ist schlichtweg phänomenal: Kein Fan starrt den ganzen Abend auf den Rücken der Band, es gibt keine toten Winkel und schlichtweg keine schlechten Plätze mehr. Die vier Musiker bewegen sich ununterbrochen, bespielen jede Seite der Arena gleichberechtigt und sorgen für eine Intimität, die man bei einem Publikum von zehntausenden Menschen eigentlich für unmöglich halten würde. Umringt vom Publikum und auf Augenhöhe mit dem legendären „Snake Pit“ im inneren Ring der Bühne, schufen Metallica eine Verbindung zu den Fans, die fast schon greifbar war. Man fühlte sich nicht wie auf einem anonymen Massenevent, sondern als Teil einer gigantischen Heavy-Metal-Familie.
Gänsehaut, Hits und eine Hommage an Frankfurt
Gegen 20:45 Uhr war es dann endlich so weit. Das Licht erlosch, und wie es seit Jahrzehnten wunderbare Tradition ist, dröhnte AC/DCs „It’s a Long Way to the Top (If You Wanna Rock ’n‘ Roll)“ aus den gigantischen Boxentürmen, nahtlos gefolgt vom legendären Ennio-Morricone-Klassiker „The Ecstasy of Gold“. Gänsehaut pur auf den Rängen und im Innenraum. Der Moment, in dem die Band aus den Katakomben empor auf die Ringbühne stieg, glich einer Explosion. Mit „Creeping Death“ starteten die Metal-Urväter direkt mit einem absoluten Nackenbrecher in den Abend. Die Menge sang, schrie und headbangte ab der allerersten Sekunde aus vollem Hals.
Frontmann James Hetfield präsentierte sich stimmlich wie auch körperlich in absoluter Bestform, seine charismatische Aura füllte mühelos das gesamte Stadion aus. Über das wuchtige „Harvester of Sorrow“ und das aggressive „Holier Than Thou“ bahnte sich die Band ihren Weg durch die eigene glorreiche Historie. Mit dem Titeltrack „72 Seasons“wurde das aktuelle Album gebührend gefeiert, bevor mit „Ride the Lightning“ wieder tief in die Schatztruhe der glorreichen Achtziger-Jahre gegriffen wurde.
Ein Moment, der speziell den Frankfurtern im Gedächtnis bleiben wird, war das traditionelle „Doodle“ von Gitarrist Kirk Hammett und Bassist Robert Trujillo. Mit einem dicken Augenzwinkern und viel Liebe zur lokalen Kultur stimmten die beiden plötzlich „Schwarz-Weiß wie Schnee“ von der Frankfurter Thrash-Metal-Institution Tankard an – die inoffizielle und heiß geliebte Hymne von Eintracht Frankfurt! Das gesamte Stadion grölte aus voller Kehle mit. Ein fantastischer Moment der Verbundenheit, der eindrucksvoll zeigt, dass Metallica trotz ihres unantastbaren Weltstar-Status ganz genau wissen, wo sie gerade spielen.
Tränen, Feuer und fliegende M72 Bälle
Nach musikalisch ruhigeren, fast schon melancholischen Phasen mit „The Day That Never Comes“ und dem epochalen Instrumental-Meisterwerk „Orion“, war es Zeit für die ganz großen Gefühle. Bei „Nothing Else Matters“verwandelten abertausende Handylichter den Deutsche Bank Park in ein funkelndes, romantisches Lichtermeer. Ein Moment, der auch nach all den unzähligen Live-Aufführungen nichts von seiner einzigartigen Magie verloren hat. Doch Metallica wären nicht Metallica, wenn sie ihr Publikum nicht direkt danach wieder unsanft aus der Träumerei reißen würden. „Sad But True“ walzte im direkten Anschluss wie eine tonnenschwere Dampfwalze durch die Arena und brachte die Köpfe wieder zum Nicken.
Zum großen Finale hin holte die Band noch einmal alles aus der unglaublichen Produktionskiste heraus, was die moderne Bühnentechnik zu bieten hat. Bei „Fuel“ spuckte die 360-Grad-Bühne gewaltige Flammen und Pyrotechnik in den dunklen Frankfurter Nachthimmel. Die Hitze der Feuersäulen war selbst auf den obersten Rängen des Stadions noch deutlich im Gesicht zu spüren. Bei „Seek & Destroy“ verwandelte sich das Stadion dann in einen gigantischen Spielplatz für Erwachsene: Enorme, gelb-schwarze M72-Bälle wurden ins Stadion geworfen und hüpften während des gesamten Songs wild durch die jubelnde Menge im Innenraum. Das war Entertainment auf dem allerhöchsten Niveau.
Den krönenden Abschluss eines ohnehin schon nahezu perfekten Abends bildete das epische „Master of Puppets“. Ein letztes Mal reckten zehntausende begeisterte Fans die Fäuste in die kühle Nachtluft und brüllten den weltberühmten Refrain mit, bevor die Band sich erschöpft, aber sichtlich glücklich und unendlich dankbar von ihrem Publikum verabschiedete.
Metallica haben an diesem Freitagabend in Frankfurt am Main eindrucksvoll untermauert, warum sie seit über vier Jahrzehnten völlig zu Recht an der absoluten Spitze der Metal-Welt stehen. Die M72 World Tour ist nicht einfach nur ein Konzert, sie ist ein multisensorisches Erlebnis. Und das Beste daran? Am Sonntag geht der Wahnsinn weiter. Gleicher Ort, gleiche Band, aber eine komplett neue Setlist. Wer dabei ist, kann sich glücklich schätzen.
Die komplette Setlist aus Frankfurt (Freitag, 22. Mai):
- Intro: It’s a Long Way to the Top (If You Wanna Rock ’n‘ Roll) (AC/DC)
- Intro: The Ecstasy of Gold (Ennio Morricone)
- Creeping Death
- Harvester of Sorrow
- Holier Than Thou
- King Nothing
- 72 Seasons
- Ride the Lightning
- Kirk and Rob Doodle (Tankard’s „Schwarz-Weiß wie Schnee“)
- The Day That Never Comes
- Cyanide
- Orion
- Nothing Else Matters
- Sad but True
- Battery
- Fuel
- Seek & Destroy
- Master of Puppets
- Outro: The Ecstasy of Gold (Metallica Version)
Text & Fotos © by Boris Korpak | bokopictures
Knocked Loose
Gojira
Metallica

















































































































