Mit Colours Of Pain melden sich BLOODRED, das deutsche Blackened-Death-Metal-Kommando, eindrucksvoll zurück – kompromisslos, düsterer und dynamischer denn je. Das neue Album erscheint am 13. Februar 2026 über Massacre Records und markiert einen entscheidenden Entwicklungsschritt im Sound der Band.
Der aggressive Kern bleibt erhalten, wird jedoch um eine tiefere Atmosphäre, cineastische Spannungsbögen und emotionale Wucht erweitert. In acht gnadenlosen Tracks setzen sich Ron Merz und Joris Nijenhuis mit gesellschaftlichem Verfall, Verrat, Zensur, Umweltzerstörung, globalen Krisen und Widerstand auseinander – direkter und persönlicher als je zuvor.
Produziert, gemischt und gemastert von Alex Krull im Mastersound Studio und visuell untermalt durch das eindrucksvolle Artwork von Stefan Heilemann, ist Colours Of Pain ein starkes, selbstbewusstes Statement einer Band auf dem Höhepunkt ihrer Ausdruckskraft.
Wir haben mit BLOODRED über Dunkelheit, Dynamik und die vielen Facetten des Schmerzes gesprochen.
Colours Of Pain klingt dunkler, atmosphärischer und dynamischer als alles, was ihr bisher veröffentlicht habt. Was hat diese Entwicklung im BLOODRED-Sound ausgelöst?
Ron: Diese Entwicklung ist für mich ganz stark aus der Zeit heraus entstanden, in der die Songs geschrieben wurden. Da gab es auf der einen Seite dieses globale Grundrauschen, das während und nach der Pandemie vieles verändert hat: wie Menschen miteinander umgehen, wie schnell Stimmung kippen kann, wie sehr sich der Alltag manchmal nach Daueranspannung anfühlt. Und auf der anderen Seite gab es Dinge im persönlichen Umfeld, die ebenfalls Spuren hinterlassen haben. Beides zusammen hat eine Intensität erzeugt, die ich beim Songwriting nicht wegdrücken wollte.
Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, diese Einflüsse nicht zu „glätten“, sondern sie in den Prozess reinzulassen. Nicht im Sinne von Tagebuchmusik, sondern eher so, dass die Songs eine Wahrhaftigkeit bekommen. Für mich ist es oft so: Wenn ich versuche, zu viel Kontrolle auszuüben und alles zu filtern, werden die Stücke vielleicht sauber, aber sie verlieren etwas. Wenn ich es zulasse, dass da Reibung und echte Emotion drin sind, entsteht diese Unmittelbarkeit, die man als Hörer hoffentlich auch spürt.
Dazu kommt der Anspruch, mich mit BLOODRED weiterzuentwickeln, ohne die Wurzeln zu verlieren. Der aggressive Kern sollte bleiben, aber ich wollte stärker mit Atmosphäre arbeiten, mit Spannungskurven, mit Momenten, die nicht nur „hart“ sind, sondern eine Art Sog erzeugen. Im Endeffekt ist das Album dadurch dunkler geworden, aber nicht, weil wir es so geplant haben, sondern weil es die ehrlichste Form war, das alles musikalisch zu übersetzen.
Der Albumtitel deutet auf emotionale und existenzielle Tiefe hin. Wofür stehen die „Colours“ des Schmerzes für euch – musikalisch wie persönlich?
Ron: Der Titel ist für mich ein Versuch, etwas sehr Vielschichtiges in ein einfaches Bild zu packen. Schmerz ist ja nicht nur ein Gefühl und auch nicht nur Trauer. Schmerz kann Wut sein, ein innerer Druck, Ohnmacht, eine Schwere, aber auch dieses stumpfe „Nichts“, wenn man zu lange auf zu vielen Ebenen gefordert ist. Genau diese Bandbreite meinte ich mit den „Colours“.
Wenn man es greifbar machen will: Rot steht für die aggressive Energie, für das Aufbegehren, für den Moment, in dem etwas in einem brennt und raus will. Schwarz ist eher das Gewicht dahinter, diese Tiefe, in der es nicht mehr um einen konkreten Anlass geht, sondern um Zustände, die sich festsetzen. Und Grau ist für mich dieses Abgestumpfte, dieses emotional Ausgewaschene, wenn Dinge nicht mehr schockieren, obwohl sie es eigentlich müssten.
Und persönlich hatte das für mich etwas Kathartisches. Nicht im Sinne von „danach ist alles gut“, aber im Sinne von: Es bekommt eine Form. Wenn du Dinge in Musik übersetzt, zwingst du dich, genauer hinzuschauen. Du musst entscheiden, was du wirklich sagen willst und was du nur umkreisen würdest. Und genau das hat mir geholfen, das Ganze nicht nur zu fühlen, sondern auch zu verarbeiten.
Viele Songs leben vom Wechsel zwischen vernichtenden Midtempo-Passagen und explosiven Blastbeats. Wie wichtig war euch Dynamik für die Wirkung des Albums?
Ron: Sehr wichtig. Ich wollte kein Album, das dauerhaft auf einem Level durchprügelt, sondern eins mit Dramaturgie. BLOODRED hatte immer schon Einflüsse von Black und Death bis Thrash und Doom, und diesmal ging es darum, diese Pole organischer zu verbinden.
Midtempo sollte nicht wie eine Verschnaufpause wirken, sondern wie Gewicht. Und wenn dann Blastbeats kommen, sollen sie sich wie ein Ausbruch anfühlen, nicht wie Dauerzustand. Ich glaube, dadurch wird das Album spannender, weniger vorhersehbar und bleibt stärker hängen.
Textlich thematisiert Colours Of Pain Zensur, Umweltzerstörung, pandemische Verwüstung und gesellschaftlichen Verfall. Wie stark ist das Album eine Reaktion auf die aktuelle Weltlage?
Ron: Sehr stark, und zwar auf eine Weise, die für mich über reine Themenlisten hinausgeht. Ich wollte nicht einfach Stichworte wie Zensur, Umweltzerstörung oder gesellschaftlicher Verfall abhaken. Mich interessiert eher, was diese Dinge mit Menschen machen. Wie sich Atmosphäre verändert. Wie Sprache kippt. Wie schnell aus „anderen“ wieder Feindbilder werden. Wie sich Grenzen verschieben, bis man irgendwann Dinge akzeptiert, die man vor ein paar Jahren noch klar abgelehnt hätte.
Ich habe die aktuellen Bezüge deshalb bewusst in die Lyrics aufgenommen, weil sie mich real beschäftigen. Und ich glaube, genau da werden Texte auch am stärksten: wenn sie nicht aus Distanz geschrieben sind, sondern wenn der Schreibende als Mensch darin vorkommt. Nicht als Prediger, sondern als jemand, der selbst betroffen ist, selbst wütend ist, selbst zweifelt, selbst nicht weiß, wie das alles endet.
Gleichzeitig war es eine bewusste Entscheidung, die Plattform Musik zu nutzen. Nicht für Parolen und nicht, um BLOODRED zu einem politischen Projekt im engen Sinne zu machen, sondern im Sinne von Haltung. Ich glaube nicht daran, dass Kunst in einem Vakuum existiert. Und ich glaube auch nicht, dass Schweigen automatisch neutral ist. Wenn du siehst, wie Entmenschlichung wieder salonfähiger wird, wie Fakten verhandelbar gemacht werden, wie zynisch manche Entwicklungen durchgewunken werden, dann ist es für mich konsequent, das zu benennen. Auch wenn es unbequem ist. Vielleicht gerade dann.
Ron, deine Gesangs- und Instrumentalperformance wirkt besonders intensiv und persönlich. Hat sich dein kreativer Ansatz bei diesem Album verändert?
Ron: Ja, und zwar ziemlich deutlich. Wenn man „Colours of Pain“ mit dem Vorgänger vergleicht, ist der größte Unterschied für mich der Fokus. Auf „Ad Astra“ gab es viele verspielte und komplexe Wege, mehr Verschachtelung, mehr Details, die auch aus einer gewissen Lust am Experiment kommen. Dieses Mal wollte ich stärker „auf den Punkt“. Nicht simpler um des Simpel-Seins willen, sondern direkter. Mehr Wirkung, weniger Umwege.
Ein wichtiger Schritt war, dass ich mir die Songs beim Schreiben viel öfter in einem Live-Kontext vorgestellt habe. Also ganz konkret: Wo packt mich ein Riff wirklich? Wo verliert ein Song Energie, weil er zu verkopft wird? Wo ist eine Idee zwar spannend, aber sie nimmt dem Stück die Klarheit? Ich habe versucht, konsequenter zu entscheiden und auch mal Dinge wegzulassen, wenn sie nicht dem Kern dienen.
Bei den Vocals war es noch persönlicher. Ich habe die Parts detaillierter im Vorfeld ausgearbeitet und parallel an Routine in der Technik gearbeitet, komplett ohne Dritte: geregeltes Warm-up, Atemtechniken, bewussteres Arbeiten an Kontrolle und Ausdauer. Das hat mir Sicherheit gegeben, und ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass die Stimme die Songs nicht nur begleitet, sondern wirklich trägt.
Joris, dein Schlagzeugspiel ist gleichzeitig brachial und cineastisch. Wie bist du an Rhythmus, Tempo und Spannungsaufbau auf diesem Album herangegangen?
Joris: Normalerweise hat Ron bereits eine gute Vorstellung davon, wie das Schlagzeug klingen soll, sodass die Gesamtstruktur und die meisten Rhythmen bereits feststehen. Meine Aufgabe ist es, darauf aufzubauen und das Ergebnis zu verbessern, wo ich kann. Das bedeutet, dass ich manchmal nur kleine Details ändere, in anderen Fällen aber auch etwas komplett umgestalte, damit es besser zur Gesamtstimmung des Songs und/oder zu den Rhythmen passt, die Bass und Gitarren bereits spielen.
Das Gastsolo von Þráinn Árni Baldvinsson (Skálmöld) auf „Mindvirus“ sticht deutlich hervor. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und was hat sie dem Song gegeben?
Ron: Ich bin sehr froh, dass Þráinn dabei ist. Skálmöld gehören seit vielen Jahren zu meinen Lieblingsbands, wir kennen uns seit einem Treffen am Rande eines Festivals vor über zehn Jahren und sind in Kontakt geblieben. Irgendwann kam von ihm das Angebot, gerne mal etwas beizusteuern, und als „Mindvirus“ stand, war klar: Das ist der richtige Song.
Wichtig war mir, dass er komplette Freiheit hat. Ich wollte kein Solo, das genau in unseren Rahmen gepresst wird, sondern eine echte zusätzliche Farbe. Und genau das ist passiert: Es hebt sich ab, wirkt ungewohnt in diesem Kontext und öffnet den Song für einen Moment. Gerade weil es nicht „typisch“ für das Genre ist, verstärkt es die Wirkung des restlichen Tracks.
Die Zusammenarbeit mit Alex Krull im Mastersound Studio prägt den Sound des Albums spürbar. Was macht diese Kooperation für BLOODRED so besonders?
Ron: Mit Alex arbeite ich seit der ersten EP zusammen, und über die Jahre ist daraus eine Zusammenarbeit geworden, die weit über „wir nehmen da halt auf“ hinausgeht. Es gibt ein großes Vertrauen und einen sehr direkten Austausch. Wir müssen uns nicht mehr lange erklären, weil wir beide ein gutes Gefühl dafür entwickelt haben, was BLOODRED braucht und was nicht.
Was ich an Mastersound und an Alex besonders schätze, ist diese Mischung aus Erfahrung und Pragmatismus. Er versteht die Ästhetik harter Musik, aber er verliert sich nicht in Standards. Wir haben den Sound über die Jahre von Album zu Album weiterentwickelt, passend zur Musik. Früher war die Produktion dichter und kompakter, sehr „komprimiert“ im Gefühl. Bei „Colours of Pain“ war das Ziel, den Sound zu öffnen, mehr Raum und mehr Tiefe zu schaffen, ohne den Druck zu verlieren. Gerade bei dieser Art Musik ist das ein Balanceakt: Wenn du zu viel Luft gibst, verliert es Aggression. Wenn du zu sehr verdichtest, verlierst du Dynamik. Dieses Mal haben wir versucht, beides zu verbinden.
Dazu kommt, dass ich in der Zeit auch viel von Alex gelernt habe. Dadurch kann ich inzwischen Teile in meinem eigenen Studio aufnehmen. Das ist nicht nur eine praktische Sache, sondern es verändert auch den Prozess, weil ich Ideen früher festhalten und weiterentwickeln kann, ohne dass es am Ende klanglich auseinanderfällt.
Das Artwork von Stefan Heilemann fängt die Atmosphäre des Albums perfekt ein. Wie eng waren Musik und visuelles Konzept während des Entstehungsprozesses miteinander verknüpft?
Ron: Ziemlich eng, auch wenn die konkrete Idee nicht von Anfang an komplett feststand. Inhaltlich hängt das Artwork stark am Titelsong, aber auch an „Resist“. Es sollte sofort wirken, aber in Details Interpretationsraum lassen.
Mir war wichtig, kein typisches Death-Metal-Motiv zu bedienen, sondern etwas, das über Atmosphäre und Symbolik funktioniert. Stefan kann das hervorragend. Er nimmt eine Idee auf und entwickelt sie so weiter, dass am Ende etwas Eigenständiges entsteht. Rückblickend passt es, weil Musik, Text und Bildwelt dieselbe Sprache sprechen.
Colours Of Pain gilt als euer bislang persönlichstes und gesellschaftlich konfrontativstes Album. Was wünscht ihr euch, dass die Hörer:innen nach dem vollständigen Durchlauf des Albums mitnehmen?
Ron: Für mich hat das zwei Ebenen. Die erste ist die unmittelbare: Ich hoffe, dass die Hörer:innen ein Album erleben, das sie packt. Dass es sie musikalisch mitzieht, dass es Druck hat, Atmosphäre, Dynamik und einen Spannungsbogen, der als Gesamtwerk funktioniert. Nicht nur einzelne gute Momente, sondern dieses Gefühl, dass man am Ende wirklich eine Reise durchlaufen hat. Und ja, bei aller Schwere soll auch der Spaß am Hören nicht verloren gehen.
Die zweite Ebene ist die, die länger bleibt. Ich wünsche mir, dass die Lyrics nicht einfach nur „verstanden“ werden, sondern dass sie etwas auslösen. Nicht unbedingte Zustimmung, sondern Reflexion. Dass man an manchen Stellen hängen bleibt und merkt: Das ist nicht nur ein Kommentar zur Welt da draußen, sondern es hat auch mit uns zu tun, mit dem, was wir zulassen, was wir normalisieren, wie wir reagieren oder eben nicht reagieren. Wenn Leute nach dem Album ein bisschen wacher sind, ein bisschen unruhiger, ein bisschen weniger bequem in ihren Gewissheiten, dann hat es das erreicht, was ich mir erhoffe.
Vielen Dank an BLOODRED für eure Zeit, eure Offenheit und euren unerschütterlichen Willen, Blackened Death Metal mit Haltung, Tiefe und Konsequenz zu füllen.
Wir wünschen euch alles erdenklich Gute für die Veröffentlichung von Colours of Pain im Februar, viel Erfolg mit dem Album und eine starke Resonanz bei alten wie neuen Hörer:innen.
Bleibt kompromisslos, bleibt intensiv – und lasst die Welt jede einzelne Farbe des Schmerzes spüren. 🩸🔥 Interview by CK
Bild: Ron Merz © by Stefan Heilemann