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„Ballet Revolución“ im Mannheimer Rosengarten: Pirouetten-Rausch und lodernde Leidenschaften

Wer im Gespräch mit Yordi Pérez Cardoso und Mariem Valdés Martínez erfährt, dass die Compagnie von „Ballet Revolución“ erst am gleichen Tag den langen Weg aus Bremen nach Mannheim gekommen ist, versteht beides: Dass das Leben als Tänzer mehr als eine körperliche Herausforderung ist – und wie sehr dieses kubanische Kollektiv seit seiner Gründung 2012 weltweit gerühmt wird.

Dass die Tänzer unter Choreograph Roclan González Chávez den Weg zum Winterfestival in den Mannheimer Rosengarten finden, ist daher ein doppelt erfreuliches Zeichen. Zum einen dafür, dass die Quadratestadt neben Tour-Stationen in Dubai und London ihre Attraktivität zu Markte trägt. Zum anderen aber auch dafür, dass kubanische Leidenschaft kein Verfallsdatum kennt. Das ist – direkt zum Opener mit Camila Cabellos „Havana“ – vielleicht die entscheidende Erkenntnis dieser umjubelten zwei Stunden im Mozartsaal. Denn auch, wenn erfahrene Show-Besuchern selbstverständlich auffällt, dass ihnen die eine oder andere Nummer bekannt vorkommt: Von ihren lodernden Leidenschaften haben sie keinen Deut verloren. Von behäbiger Routine? Keine Spur!

Und genau das macht für ein zunächst begeistertes, später fast schon euphorisiertes Publikum den Unterschied. Dass die kubanische Tradition zwischen Son, Rumba und Mambo („Cumbanchero“, „Chantaje“) hier ebenso ihr pralles Dasein feiert wie der internationale Pop („Can’t Stop The Feeling“, „I Don’t Care“), aber auch unendlich viel Raum für die Schattierungen dazwischen bleibt. Dass der Hybrid aus Folklore und Moderne dabei keineswegs ein zahnloser Tiger sein muss, beweist sich schon in der ersten Hälfte. Denn die Doppel-Nummer von Rag’n’Bone Man und Hozier („Human“/ „Take Me To Church“) gestalten die Tänzer im visuellen Reiz der Kontraste ganz bewusst zu einer sozialkritischen Nummer zwischen Mensch-Maschine und weltschmerzender Melancholie aus. So viel Zeit muss sein.

Freilich auch für die ganz großen Emotionen auf dem Parkett des Lebens. Und die ließen bei den Tänzern keineswegs auf sich warten. Das bebend intensive Duett zwischen Yordi Pérez Cardoso und Mariem Valdés Martínez zu Adeles Hit „Hello“ ist dafür ein augenfälliges Beispiel – das Feuer im live und in völliger Dunkelheit gespielten „Concierto de Aranjuez“ von Joaquin Rodrigo ein weiteres. Es sind Momente, die prägenden Eindruck hinterlassen – und nach denen sich jede Stilfrage verbietet. Auch und gerade, weil sich dieser Abend gegen Schubladendenken konsequent zur Wehr setzt – indem er die Vielfalt der Strömungen kongenial in sich aufzunehmen versteht. Und das in jeder denkbaren Hinsicht. Bereits optisch hat Designer und Star-Juror Jorge González seinen Tänzern zwischen hautengen Bodys in Tiger-Optik („Lola’s Mambo“) und stilvollen Pailletten-Roben („Roxanne“) ein Paradies aus Stoff geschaffen, das funkelnd-farbenfroh, aber keineswegs überzeichnet von der intensiven Gefühlslandschaft der Inselrepublik kündet. Dass jedoch auch die Tänzer den Spagat zwischen asiatischer Ästhetik (in Sias „Chandelier“) und expressivem Disco-Sound (zu Calvin Harris‘ „How Deep Is Your Love“) bis zum Ende konsequent zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen, ist die große Leistung eines Ensembles, das für sich längst ein ganz eigenes Genre fernab aller vorgegebenen Grenzen definiert hat, um es zur Perfektion zu bringen. Der fulminante Pirouetten-Rausch zu Ushers „DJ Got Us Falling In Love Again“ ist hier nicht weniger als der berüchtigte Punkt auf dem i.
Mit welcher Selbstverständlichkeit die Tänzer dabei auch noch von einer furiosen Band begleitet werden, die mit Janine Johnson und Weston Foster Sänger von Weltformat versammelt und zu Nummern wie „Shallow“ mächtige Gänsehaut beschert, markiert ein Zeichen der Souveränität, das am Ende weit über Kuba in eine Welt hinausreicht, in der sie alle auf den tänzerischen Charme dieses Staates warten. Zu Recht.

Fotos & Text © by Markus Mertens

Fotostrecke: „Ballet Revolución“

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