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Gerd Knebel im Capitol: Ein Schelm im Pointenrausch

Fast schon andachtsvoll hält Gerd Knebel die Augen auf dem Plakat geschlossen, das an diesem Abend seine Show im Mannheimer Capitol ankündigt. Das „weggugge“ will er sein Publikum in guten zwei Stunden scheinbar lehren – und hat dabei doch vor allem eines im Sinn: Zu zeigen, wo es andere tun.

Denn gewiss, am Verhalten der anderen lässt sich stets so einiges finden, was berechtigter Kritik ausgesetzt werden kann: Angefangen von der roten bis braunen politische Gesinnung, über zerstörerischen Geiz bis hin zu sexuellen Präferenzen arbeitet sich der „böse“ Teil des Comedy-Duos „Badesalz“ mit scharfer Zunge an den Verfehlungen der Gesellschaft ab. Rhetorisch macht Knebel das durchaus konsequent, denn seine Pointen lässt der Schelm nahezu pausenlos rauschen wie ein Bach – das einzige Problem: Er setzt ihnen kein Ufer. Und das ist nicht nur ein Problem, weil er sich selbst bei alle Häme außen vorlässt, sondern weil er sich verbal dabei auch noch vielfach vergreift. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, doch wenn Knebel nach der Freilassung von Denis Yücel aus türkischer Haft auch die Freilassung des Geiselgangsters von Gladbeck bejubelt und vorschlägt, den netten Herrn doch mal zu fragen, ob das Blut des Italieners einst auch schön gespritzt hat, darf man zumindest höflich nachfragen, ob das wirklich sein muss.

Ohne Zweifel: Gerd Knebel überspitzt – und das hat auch Methode. Doch die freche Schnauze, die die eigenen Humoresken mit wilden Beleidigungen à la „verdammter Wichser“ umarmt, leidet darunter sichtlich, und das ist eigentlich jammerschade. Denn wer genau zuhört, darf in den knapp zwei Stunden Knebel auch erleben, dass der musikalische Stand-up-Comedian Geschichten erzählen kann, wenn er denn will. Als er jungen, verzweifelten Männern etwa anempfiehlt, einfach ein bisschen zu warten, bis sich die paarungswillige Jugend nicht nur für das finanzielle, sondern auch das Vermögen unter der Gürtellinie interessiert, ist das so lange brillante Kleinkunst, bis er vorschlägt, mit der Visitenkarte doch gleich einmal auf den Spielplatz zu gehen und nach den Bettgeschichten von Morgen Ausschau zu halten. Im Interview mit dem CityGuide hatte Knebel jüngst gesagt, er habe im Laufe seiner Karriere lernen müssen, sich selbst zu regulieren – an diesem Abend stellt er unter Beweis, dass es ihm selbst nach Jahrzehnten in seiner Karriere nicht immer gelingt. Zwischen präzise geschliffenem Sarkasmus und schreiender Übertreibung liegen dabei oft nur wenige Minuten und Knebel tänzelt den lieben langen Abend auf dem Seil dazwischen, ohne stets die Balance halten zu können. Bedauernswert ist das in jedem Fall. Denn wer gegen die AfD polemisiert und Augen öffnen möchte, um schlussendlich doch ein wenig zum moralischen Hinsehen zu motivieren, verkörpert seine Philosophie besser wie ein Wortkrieger im Sprachschlachtfeld. Scheint, als müsse Knebel an diesem Schwert noch schleifen.

Fotos & Text © by Markus Mertens / CGRN

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