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Ludovico Einaudi in der SAP Arena: Ein Tasten-Poet im Schatten

Da sitzt er nun also und spielt. Spielt, als sei ihm die Welt und ein bisschen auch die nur zu zwei Dritteln gefüllte SAP Arena egal. Entfesselt. Fokussiert. Traumversunken. Wer sich die Geschichte dieses Klangkünstlers genauer betrachtet, weiß längst, dass sich Ludovico Einaudi nie sehr darum scherte, es der Branche samt ihren Konventionen Recht zu machen – stattdessen ging und geht es dem 62-Jährigen aus Turin um Authentizität. Klänge zu schaffen, die Wahrhaftigkeit in sich tragen, ohne dabei nostalgisch zu werden. Seine Fans verehren ihn für diesen progressiven Mut seit mehr als zwei Jahrzehnten – auch und obwohl er ihnen in 130 Minuten Mannheim fast konsequent den Rücken zuwendet.

Und das erklärt natürlich einiges. Denn was Neulinge leicht als Arroganz missverstehen, ist bei Einaudi die atmosphärische Kraft des intimen Momentes, die auch für den Protagonisten nur dann funktioniert, wenn sie heil und unvoreingenommen von all den Lasten fremder Erwartung aufkeimen darf. Freilich bleibt Einaudi für viele so ein Tasten-Poet im Schatten, der bis auf ein „Thank you, Mannheim!“ auch jede Komposition gänzlich unkommentiert für sich sprechen lässt.

Doch vielleicht ist genau diese Flucht in einen reduktiven Minimalismus heilsam, der sich auf das Wesentliche konzentriert, um es voll und mit ganzem Herzen auszukosten. Und das gelingt Einaudi. Mit fünf Mitmusikern, die seine – bisweilen wuchtigen, dann wieder hauchzart hingeflüsterten – Melodien an Vibraphon und Gitarre, Keyboard und Cello zu einem Geflecht lyrischer Leichtigkeit aufspannen, dürfen im wahrsten Sinne des Wortes turmhohe („Towers“) Klangmassen ebenso gelten, wie die melancholische „Elegy For The Artic“, die er 2016 bei einem Konzert im Eismeer der Arktis für Greenpeace aufnahm.
Obwohl und vielleicht gerade weil Einaudi durch seine Werke für den Soundtrack zum Drama „Ziemlich beste Freunde“ so berühmt geworden ist, tut er gut daran, mit „Fly“ nur einen einzigen Titel dieses Projekts zu spielen – und der breitet seine Schwingen aus. Ludovico Einaudis Auftritt in Mannheim vibriert so zwischen grellem Furor („Eros“) und dem reinen Willen, sich und die eigene Musik in einem 26-minütigen improvisierten Solo, immer wieder neu zu denken. Dass sich der Neoklassizist aus Turin dabei immer wieder selbst zitiert, um zuweilen zwischen Erik Satie und Ólafur Arnalds innezuhalten: Die Selbstverständlichkeit eines Pioniers, der dem breiten Beifall eines tief berührten Publikums mit tiefer Verbeugung entgegentritt. Eine intime Großtat.

Fotos & Text © by Markus Mertens / CGRN

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