Kino

Endstation Seeshaupt

Dokumentarfilm

Der Dokumentarfilm „Endstation Seeshaupt“ erzählt die Geschichte des Todeszuges, der im April 1945 mit ca. 4000 KZ-Häftlingen aus dem Dachauer Außenlager Mühldorf auf eine fünftägige Irrfahrt durch Bayern geschickt wurde, mit dem Ziel die Häftlinge in den Alpen vor den anrückenden alliierten Truppen zu verbergen.

Protagonist des Filmes ist Herr Louis Sneh, ein Überlebender des Holocaust, der damals 17 Jahre alt war. Während er heute mit einem Zug die Strecke entlang fährt, erzählt Louis Sneh von seinem Leidensweg im Außenlager Mühldorf-Mettenheim, von der Fahrt im kalten Güterwagon, von Hunger, Krankheit und Tod, von den Ereignissen und Zwischenfällen in Ampfing, Poing, München, Beuerberg, Penzberg und Tutzing. Luis Sneh berichtet auch von seiner Befreiung aus dem Zug durch die amerikanischen Truppen am 30. April 1945. Von Beginn der 1960er Jahre an, nachdem er sich in Santa Monika/Kalifornien eine sichere Existenz als Generalvertreter für Leica aufgebaut und eine Familie gegründet hatte, reiste Louis Sneh jedes Jahr alleine nach Seeshaupt um dort am Bahnhof seinen zweiten Geburtstag zu feiern. Dies tut er bis heute.

Ihr seid nicht verantwortlich für das was geschah, aber für das, was in der Zukunft geschieht.
Dr. Max Mannheimer

Ein weiterer Protagonist des Filmes ist Dr. Max Mannheimer, der über Auschwitz und Dachau in das KZ-Außenlager Mettenheim kam und trotz Flecktyphus diese Zugfahrt überstand. Seit 1988 ist Max Mannheimer Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau und leistet noch mit 91 Jahren eine unermüdliche Erinnerungsarbeit. Er hält Vorträge vor Erwachsenen sowie in Schulen, wo er den Jugendlichen seine bewegende Lebensgeschichte erzählt. Letzteres tut er auch in dem Film „Endstation Seeshaupt“.

„Endstation Seeshaupt“ erzählt von der Teilung des einen Kilometer langen Zuges in München, von der Ankunft und Befreiung des ersten Teils in Tutzing und der Befreiung des zweiten Teils des Zuges in Seeshaupt am 30. April 1945. Er dokumentiert, wie für die überlebenden, ausgehungerten KZ-Häftlinge das Dorf zur Plünderung frei gegeben wurde, wie mehrere Tage Anarchie und Chaos herrschten und die Bevölkerung mit dem Schrecken des Holocaust konfrontiert wurde.

Der Film erzählt auch wie diese Ereignisse in Vergessenheit gerieten, bis der Seeshaupter Arzt Dr. Uwe Hausmann mit seinem Antrag auf Errichtung eines Mahnmals im Jahre 1994 im Gemeinderat Erfolg hatte und dadurch in dem Dorf am Südende des Starnberger Sees eine hitzige Kontroverse zwischen Mahnmalbefürworten und Gegner auslöste.

Bei den oben genannten Zwischenstationen des Zuges kommen in dem Film zudem Zeitzeugen wie Prof. Hans Steinbiegler, Klaus Huber, Annemarie Gutmann, Ursula Huber, Dr. Wolf-Dieter Fritz, Erich Biersack u.v.a. zu Wort und beschreiben die Ereignisse aus ihrer persönlichen Perspektive. Außerdem zeigt der Film Menschen, die sich heute für eine aktive Erinnerungsarbeit engagieren wie Heinrich Mayer, Schüler des Gymnasiums Markt Schwaben, Leo Brux, Dr. Peter Westebbe, Renate und Bero von Fraunberg, Michael Seitz, u.v.m.

Kinder am Seeshaupter Mahnmal, April 2009 Der Film „Endstation Seeshaupt“ baut eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und in die Zukunft, indem er aufzeigt, wie durch die bewusste Reflektion der eigenen Geschichte Traumata überwunden und innere Versöhnungsprozesse in Gang gesetzt werden können. Er dokumentiert, wie durch die Einbindung von Schülern und Jugendlichen eine positive Beschäftigung mit der Vergangenheit des Nazi-Regimes möglich ist, so wie es Dr. Max Mannheimer bei seinen Vorträgen in Schulklassen formuliert: „Ihr seid nicht verantwortlich für das was geschah, aber für das, was in der Zukunft geschieht.“

Indem der Film die damaligen Geschehnisse direkt verbindet mit den heutigen Orten und Plätzen in Oberbayern, kann er genau dort auch seine Kraft entfalten. Der Film macht deutlich, dass diese geschichtlichen Ereignisse nicht irgendwann und irgendwo stattgefunden haben. Nein, sie sind vor unserer Haustür passiert und das Unheil, das die Nazis verursacht haben, wird hier direkt spürbar und erfahrbar. Das Leid, das damals über die Menschen gebracht wurde, ist nicht mehr abstrakt, denn es wurde hier verursacht, wo wir jetzt in Wohlstand und Sicherheit leben.

Angesichts neu aufkeimender Fremdenfeindlichkeit, rassistischer, antisemitischer und antimuslimischer Bewegungen, angesichts unzähliger neonazistischer Gewalttaten und einer polemischen Hetze und verbaler Vergiftung durch den rechten politischen Rand, ist ein Film wie „Endstation Seeshaupt“ wichtiger, denn je.

Endstation Seeshaupt
Kinostart: 23.04.2020
Land: Deutschland
Genre: Dokumentarfilm
Filmlänge: 94 Min.
Regie: Walter Steffen
im Verleih von Konzept+Dialog.Medienproduktion

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