Musik

Amy Macdonald – The Human Demands

Pop

Sechs Millionen verkaufte Longplayer. Vier Top-5-Studioalben, zwei davon sogar auf Platz 1 der UK-Album-Charts. Welttourneen vor insgesamt mehr als 3,3 Millionen Menschen. Über 200 Millionen Spotify-Streams. Eine Single (“This Is The Life“ / 2007), die in zehn Ländern auf Platz 1 ging. Eine seit 15 Jahren ununterbrochen andauernde internationale Erfolgsgeschichte, in der sie unbeirrt und unermüdlich ihren eigenen Weg gegangen ist. Und nun – ihr bislang bestes Album.

„The Human Demands“ wurde von Jim Abbiss von den Arctic Monkeys / Kasabian produziert. Es verbindet Macdonald wieder mit ihren ursprünglichen Wurzeln und ihrer Fähigkeit, Songs zu schreiben, die klingen, als hätte es sie schon immer gegeben – wenngleich in neuer Bruce-Springsteen-ähnlicher Grandeur einer Großbildleinwand und einem Drive, der zu ihrer kraftvollen, resonanten Alt-Stimme passt.

Das Album scheut nicht davor zurück, sich auch der schwierigeren Themen anzunehmen, mit denen sich die meisten von uns früher oder später auseinandersetzen müssen: sich verlieben, Brücken abreißen, Depressionen bewältigen, erwachsen werden. Und das von einem auf einer Akustikgitarre spielenden Indie-Rocker, der die ganze Zeit nur eins wollte – sich beim schottischen „T In The Park“- Festival mit Travis die Bühne teilen. „Fran Healy im Jahr 2000 – ich war gerade mal 13 Jahre alt war – mit Travis zusammen auf der Bühne des ‚T In The Park‘- Festivals zu sehen, hat mich überhaupt erst dazu gebracht, das alles machen zu wollen“, sagt Amy Macdonald, während sie darüber sinniert, wie sie durch das Schreiben des neuen Albums wieder in dieses magische Gefühl jugendlichen Sturm und Drangs zurückversetzt wurde.

„Ich liebte die Art, wie er Geschichten erzählte; ich liebte die Art und Weise, wie er nicht nur durch die Musik kommunizierte, sondern vor allem auch dadurch, dass er mit dem Publikum in Verbindung trat. Im Jahr 2006 sagte ich zu einem Freund, dass ich eines Tages selbst dort oben stehen würde. Ein Jahr später spielte ich auf dem ‚T In The Park‘ – im darauffolgenden stand ich auf der Hauptbühne. Und all das hatte damals in diesem einen Moment begonnen. Das Seltsame ist, dass es sich jetzt so anfühlt, als ob ich genau zu diesem Moment zurückgekehrt wäre. Alles fühlt sich brandneu und aufregend an – alles beginnt noch einmal von vorn.“

Als Macdonald 2007 mit ihrem Debütalbum „This Is The Life“ herauskam, war sie wie eine frische Brise: eine seriöse schottische Sängerin, die sich traute, ihre Meinung offen kundzutun. Sie liebte die Libertines, die Arctic Monkeys und Travis und hatte die Fähigkeit, eingängige, auf eigenen Erfahrungen basierende Pop-/ Rock-Songs zu schreiben, die die Menschen berühren; sie weigerte sich, sich nur über ein Image oder als Sex-Symbol zu verkaufen und all das machte sie zu einem enorm starken Vorbild für eine ganze Teenager-Generation.

Mit 18 Jahren unterschrieb sie einen Plattenvertrag bei Universal und stand am Beginn einer großen Karriere. Doch nach drei Alben hatte sich nur noch das Gefühl, sie „… würde nach Zahlen malen. Da gab es nichts Neues mehr, und die Musik war zu einem Job geworden – den einzigen Job, den ich je kannte. Jetzt bin ich wieder da – mit Songs, die eine Bedeutung für mich haben, unterstützt von Menschen, die genauso begeistert sind wie ich selbst. Das hat einfach alles verändert.“

Und noch ein paar andere Dinge haben sich im Laufe der Zeit geändert: Sie heiratete, unterschrieb beim Ignition Management – dem musikalischen Zuhause von Oasis, Noel Gallagher und Catfish & The Bottlemen – und verließ ihre Plattenfirma Universal, um zu BMG zu wechseln. Sie tat sich mit Jim Abbiss zusammen, dem Produzenten, der die Platten ihrer Kindheitshelden Kasabian und Arctic Monkeys produziert hatte. Und plötzlich war da auch wieder das Gefühl, noch einmal ganz von vorn beginnen zu können. „Ich habe so viele Erinnerungen daran, wie ich in Nachtclubs zu Liedern tanze, die Jim produziert hat“, sagt sie über Abbiss. „Seine Erfolgsbilanz spricht für sich selbst, doch glücklicherweise mochte ich ihn auch vom ersten Moment an, als ich ihn traf. Wir begannen Anfang des Jahres mit den Aufnahmen, entwickelten eine richtig gute Dynamik… Und dann hörte alles abrupt auf. Wie alle anderen haben auch wir in den anschießenden drei Monaten nichts getan, und als wir weitermachen konnten, war die Euphorie umso größer, endlich wieder arbeiten zu können – und das hört man der Platte auch deutlich an. Ich sagte zu Jim, dass, was auch immer aus dem Album wird, wie erstaunlich alles, was er bisher gemacht hat auch sein mag – so eine denkwürdige Erfahrung wie diese, wird keiner von uns noch einmal machen.“

Das lyrische Herzstück des neuen Albums ist der gleichnamige Song „The Human Demands“ – ein Rockklassiker im Soundgewand der 80er Jahre und wie fürs Radio gemacht, der über die Herausforderungen reflektiert, die das Leben unweigerlich mit sich bringt und versichert, dass, wie sehr es sich auch so anfühlen mag, wir nicht allein sind.

„Viele der Songs auf diesem Album handeln vom Älterwerden, was einem angesichts der Tatsache, dass ich erst Anfang 30 bin, lächerlich erscheinen mag“, erklärt Macdonald. „Aber ich habe meinen ersten Plattenvertrag mit 18 unterschrieben, was sich anfühlt, als wäre es eine Ewigkeit her, und auf der persönlichen Ebene befinde ich mich in einer Lebensphase, in der die Eltern normalerweise wieder ihr eigenes Leben weiterleben, depressiv gewordene Freunde sich damit auseinandersetzen, nicht mehr hier sein zu wollen und jeder hat unabhängig seines Backgrounds bereits Höhen und Tiefen erlebt. ‚The Human Demands‘ passte deshalb perfekt, denn ich will damit sagen: Es ist in Ordnung, sich ein bisschen fertig zu fühlen, und es ist auch in Ordnung, darüber zu reden.“

So enthält „Strong Again“ die aufmunternde Botschaft an ihre Freunde, die Mühe haben, sich morgens aus dem Bett zu quälen, dass diese Phase auch wieder vorbeigeht. „Anfangs war es ein einfaches akustisches Demo, aber Jim hat es in ein dystopisches, an Muse erinnerndes Bond-Thema verwandelt“, sagt sie über den Song. Währenddessen zelebriert „Strident Bridges“ die Neigung der Sängerin, sich Schrammen zu holen, weil sie niemals davor zurückschreckt, ihr Meinung lautstark zu äußern. „Ich ärgere mich über Musikerkollegen, die zu sehr darauf bedacht sind, dass jeder eine gute Meinung von ihnen hat“.

Die optimistische Rock-Nummer „The Hudson“ wiederrum wurde von den Geschichten inspiriert, die Amys Vater über die 70er Jahre erzählte, in denen er mit ihrer Mutter nach New York ging.

„Es war gefährlich damals und definitiv kein Ort für Touristen. Das brachte mich dazu, über die Beziehung meiner Eltern nachzudenken“, erklärt sie. „Als wir aufwuchsen, gingen sie sich gegenseitig an die Kehle, aber so war es auch bei den Eltern von jedem anderen, den ich kannte. Du gehst mit jemandem durchs Leben, den du die ganze Zeit anschreist und beschimpfst, aber wenn man mal nicht zusammen ist, muss man ständig an den anderen denken. Es ist ein bisschen so wie bei „Mr. Rock & Roll“ [Debütsingle aus dem Jahr 2007] damals, wo man sich fragt, ob man die richtigen Entscheidungen in seinem Leben getroffen hat oder nicht“.

Amy Macdonald ist eigentlich kein besonders großer Freund von Liebesliedern, aber die Ehe macht seltsame Dinge mit den Menschen und so ist „Fire“, der Album-Opener, eine tief empfundene Hommage an ihren Mann und wohl eines der romantischsten Stücke, das sie je gesungen hat. „Es war der erste Song, den ich nach meiner Hochzeit geschrieben habe – auch noch ausgerechnet in Las Vegas“, sagt sie. „Ich habe ihn zusammen mit einem Freund, Matt Jones, geschrieben; nach einer halben Stunde war er fertig. Ich war frisch verheiratet und so glücklich zu der Zeit, dass ich etwas gemacht habe, das eigentlich überhaupt nicht typisch für mich ist. Ich sagte zu meinem Mann: Das ist das einzige Liebeslied, das Du je aus mir herausbekommen wirst, also genieß es!“

Es ist das Album von jemandem, der eine fünfzehn Jahre andauernde Erfolgskarriere in der Musikbranche überstanden und es trotzdem geschafft hat, sich treu zu bleiben. „Nichts und niemand kann dich darauf vorbereiten“, sagt sie über den frühen Ruhm. „Niemand setzt sich mit Dir hin und erklärt Dir, wie es sich anfühlt, wenn Du plötzlich vor Leuten stehst, die dir schonungslos ins Gesicht sagen, was sie von dir halten. In dem einen Moment habe ich noch mein eigenes Ding gemacht – kleine Konzerte gespielt, bei Open Mics aufgetreten. Das nächste, woran ich mich erinnere ist, dass ich ein Nummer-1-Album in all diesen Ländern hatte. Ich war so unfassbar jung, dass ich gar nicht erst versuchte, es zu verstehen – ich dachte nur, das müsste doch ein großer Scherz sein. Erst wenn man ein bisschen älter wird, fängt man an, über alles nachzudenken.“

Jetzt, all diese Jahre später, ist Amy Macdonald wieder da, wo sie einst angefangen hat – mit einem Album in der Tasche, das die Essenz dessen einfängt, wer sie ist. Die Tatsache, dass es inmitten einer globalen Pandemie entstanden ist, verstärkt nur noch ihr Gefühl, dass dies ein Neuanfang ist.

„Zuerst habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, ob ich ausgerechnet in so einer Zeit, Musik veröffentlichen sollte. Denn seien wir mal ehrlich – es gibt weit wichtigere Dinge zu tun“, führt sie an. „Aber dann dachte ich: es ist etwas anderes, es ist neu, interessant und normalerweise würde ich in Europa umherfliegen, Radio-Sessions spielen und Interviews geben. Das geht nun natürlich nicht, was mir erneut das Gefühl gibt, ganz am Anfang zu stehen, weil ich das damals auch nicht getan habe. Ich bin also wieder an einem Punkt, an dem ich Musik mache, die mir gefällt, und bringe sie auf eine sehr einfache Art und Weise heraus. Und durch all das ist in mir eine neue Liebe entstanden für das was ich mache – noch einmal ganz von vorn.“

Weitere Informationen unter www.amymacdonald.co.uk

Amy Macdonald – The Human Demands
Label: BMG Rights
Genre: Pop
VÖ: 30.10.2020
Bei Amazon kaufen
Bei iTunes kaufen

Weiterlesen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"