Musik

Epica – Omega

Symphonic Metal

That which is below is like that which is above and that which is above is like that which is below to do the miracle of one only thing [aus “The Emerald Tablets of Thoth (Hermes Trismegistus)”

Das Wort monumental ist nicht mal ansatzweise stark genug, um »Omega« zu beschreiben. Auf ihrem ersten neuen Album seit fünf langen Jahren zücken die niederländischen Symphonic-Metal-Titanen EPICA das ganz große Besteck und entfesseln ihr bislang größtes, umwerfendstes, verblüffendstes Werk.

Das sagt man bei einer Band wie EPICA alles andere als vorschnell. Gegründet von Mark Jansen nach seinem Ausstieg bei After Forever im Jahr 2002, erregten sie schnell auch im Ausland große Aufmerksamkeit und machten große Schritte in Richtung der Symphonic-Metal-Supermacht, die sie seit vielen Jahren sind. Nach ihrem ambitionierten Debüt »The Phantom Agony« (2002) und dem bereits überraschend vielschichtigen Nachfolger »Consign To Oblivion« (2005) bogen sie direkt ab auf die Route zum Ruhm, versinnbildlicht mit ihrem ersten Konzept-Meisterwerk »The Divine Conspiracy« (2007) und ihrem weltweiten Durchbruch »Design Your Universe« (2009). Dennoch sind es insbesondere das 2012-er Opus »Requiem For The Indifferent«, das verzaubernde »The Quantum Enigma« (2014) und ihr bislang bestes, ausgeschmücktestes Werk »The Holographic Principle« (2016), die ihren Ruf als eine der am härtesten arbeitenden, vor allem aber auch eine der besten Metal-Bands im Business zementierten. Punkt. Und mit »Omega«, dem Finale der metaphysischen Trilogie, die mit  »The Quantum Enigma« begann, erobern sie sich den Thron zurück. Ohne mit der Wimper zu zucken.

Auf ihren bislang sieben Werken schwangen sie sich von gotischen Versatzstücken sehr bald zu einem ausladenden, epischen und triumphierenden Amalgam monolithischer Einflüsse auf. Konstant verfeinerten sie ihren Trademark-Sound aus Simone Simons‘ beispielloser Gesangsleistung, einer über alles hinweg galoppierenden Band, Orchester, progressiver Eleganz, orientalischer Verspieltheit, cinematischer Breite und kolossalem Furor. „Wir haben unseren Sound schon lange gefunden“, sagt Mark Jansen, „doch innerhalb dieser Klangwelt gibt es eine Menge Platz für Evolution. Unser Bestreben ist es, uns ständig neu zu erfinden und uns an bislang unbekannten Elementen auszuprobieren.“ In diesem formverändernden Biest von einem Album findet diese Evolution einen neuen vorläufigen Höhepunkt.

Mehr als 15 Jahre lag drückte die Band das Gaspedal bis zum Anschlag durch, tourte zahlreiche Male um die ganze Welt. Doch nachdem die Band, wie Simone Simons sagt, „in einem ICE saß ohne je irgendwo anzuhalten“, beschloss man 2018, dass es höchste Zeit für eine wohlverdiente Pause war. Sobald der »The Holographic Principle«-Zyklus mit ihrem 1000. Konzert ein standesgemäßes Ende gefunden hatte, drückte die Band die Pause-Taste. Na gut, na gut, sie vollendete zwar noch ihre erste Autobiografie „The Essence Of EPICA“, aber man kann von einer Band wie EPICA ja nun wirklich nicht erwarten, dass sie nur stillsitzt und Däumchen dreht, oder? „Es war die erste richtige Pause, die wir uns erlaubten“, sagt Simone Simons„Sie tat uns allen unglaublich gut und gab uns endlich mal die Chance, all das zu reflektieren, was da seit 2003 passiert war. Es ging alles so unwirklich schnell.“ Doch in der Realisation dessen, was man alles erreicht hatte, lag keine Befriedigung. Im Gegenteil. Eher entzündete es das Feuer in ihren Herzen lodernder als je zuvor und brachte sie deutlich schneller wieder zusammen als erwartet.

Das erste Mal seit vielen Jahren schrieben sie das Album wieder zusammen. Als Band. Sie kamen in einem Haus in der ländlichen Idylle Hollands zusammen und richteten in mehreren Zimmern ein temporäres Studio ein. Eine Woche lang arbeiteten sie an Songs, besprachen Ideen, jammten, komponierten, diskutierten. Vor allem aber verbrachten sie Zeit miteinander als Freunde. Ganz wie in den frühen Tagen also, als die Mitglieder noch nicht über vier Länder und halb Europa verstreut waren. „Das erste Mal seit Ewigkeiten arbeiteten wir im selben Raum und setzten uns früher als je zuvor mit den Ideen der anderen auseinander“,so Mark Jansen. „Das machte das Album deutlich kohärenter und war für uns der einzig logische Weg, EPICA auf die nächste Stufe zu heben. Wir waren alle dermaßen inspiriert, dass wir uns schon jetzt darauf verständigt haben, beim nächsten Album sogar noch länger gemeinsam daran zu arbeiten.“

»Omega« ist ein Werk der Einheit, der Freundschaft, ein Exempel der engen Bindung unter den Mitgliedern. Ein Album, das ganz natürlich als Gruppenleistung entstand. Kein Wunder: Mark Jansen, Simone Simons und Keyboarder Coen Janssenarbeiten schon seit EPICAs Geburt 2002 Seite an Seite, Schlagzeuger Ariën van Weesenbeek kam 2007 dazu, Lead-Gitarrist Isaac Delahaye folgte 2009. 2012 markierte Bassist Rob van der Loo den letzten Neuzugang in ihren Reihen. Seit acht Jahren, drei Alben und hunderten Konzerten formt diese Band eine Einheit. Wenn man da noch hinzufügt, dass  »Omega« von einem umwerfenden Heilemania-Artwork verziert wird, der schon seit »The Classical Conspiracy« mit der Band arbeitet, und noch dazu die mittlerweile dritte Platte ist, die die niederländischen Wegbereiter mit ihrem Produzenten und engen Freund Joost van den Broek aufgenommen haben, dann entsteht das Bild einer Band, die sich an einem sehr guten Ort befindet. Einer Band, in der jedes einzelne Mitglied am Songwriting beteiligt ist. „Joost behält immer den Überblick, verzettelt sich nie und verpasst keine einzige Deadline“, äußerst sich Mark Jansen zu seinem alten Freund, den er sogar schon vor den Tagen von After Forever kennenlernte. „Sein Gespür für Timing ist makellos und fast schon gruselig. Wir waren nie besser organisiert als mit ihm.“ Als logische Folge navigierte Joost van den Broek nicht nur die Aufnahmen von  »Omega«, sondern übernahm diesmal auch den kompletten Mix.

Eine kolossale Aufgabe, die durch dieses klitzekleine Ärgernis namens Covid-19 nicht gerade erleichtert wurde. Dennoch, sei es durch Karma oder Schicksal, standen EPICA das nicht nur durch; sie schafften es irgendwie sogar, sich nach allen Regeln der Kunst zu übertreffen und nahmen inmitten einer wütenden Pandemie ein Album mit einem Orchester und, erstmals in ihrer Geschichte, einem Kinderchor auf. „Alles war gebucht, das Studio, mein Hotel, einfach alles“, erinnert sich Simone Simons.„Als ich dann nicht ins Studio reisen konnte, mussten wir einen würdigen Ersatz suchen und fanden doch tatsächlich dieses tolle Studio in unmittelbarer Nähe zu meinem Zuhause. Der Studiobesitzer schaffte es sogar, mir mein Lieblingsmikrofon für die Aufnahmen zu besorgen. Das erste Mal seit 2003 konnte ich jeden Morgen zur Arbeit gehen und abends nach getanem Tagwerk zurückkehren. Das war wirklich eine nette Abwechslung.“

Mark Jansen hat seine ganz eigene Karma-Geschichte zu erzählen. „Wir hatten das gewaltige Glück, sowohl das Prague Philharmonic Orchestra als auch den Kinderchor unmittelbar vor dem Lockdown aufzunehmen. Die Choraufnahmen endeten am allerletzten Tag, an dem so etwas noch möglich war. Bei allem, was passiert ist“, grinst er erleichtert, „haben wir den Umständen entsprechend einfach nur ein Riesenglück gehabt.“

Inmitten einer Welt in Aufruhr, einer kataklystischen Umwälzung in der Gesellschaft, haben es EPICA auf wundersame Weise vollbracht, ihr spektakulärstes Album zu vollenden. Ein Album, das Metal, Orchester, Chor und orientalische Instrumente nahtlos zusammenbringt und eine Flutwelle purer Gänsehaut auslöst. »Omega« ist ein Album, für das eigens Partituren für Orchester und Chor geschrieben wurden, und auf dem ethnische Instrumente zum Einsatz kommen, die von einigen der besten Native-Künstler der Welt vor Ort aufgenommen wurden. Um es kurz zu machen: Sie haben sich übertroffen. Mal wieder. Und es dabei dennoch geschafft, die Songs zugänglich und fast schon unerhört eingängig zu gestalten. „Mehr denn je haben wir beim Komponieren an unsere Konzerte gedacht“, sagt Mark Jansen„Wir wollten gewaltige, eingängige und melodische Songs, die gut auf der Bühne funktionieren und die überlebensgroßen Hymnen dennoch nicht außen vor lassen.“

Damit meint er natürlich besonders den dritten Teil der ‚Kingdom Of Heaven‘-Saga – ‚The Antediluvian Universe‘, der es auf über 13 Minuten bringt. Hier haben wir locker den ambitioniertesten, monumentalsten und berührendsten Song, den EPICA je geschrieben haben. Und natürlich gibt es auch zu ihm eine ganz besondere Hintergrundgeschichte. „Diese Saga wird so langsam richtig gespenstisch“, gibt Jansen zu bedenken. „Als ich den ersten Teil schrieb, starb meine Großmutter, und ich widmete ihn ihrem Gedenken. Den dritten Teil schrieb ich gemeinsam mit Isaac – und diesmal starben seine und meine andere Großmutter binnen einer Woche.“

Dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt als wir zuzugeben wagen, ist auch die Kernaussage des neuen Albums – in diesem Fall versinnbildlicht mit dem sogenannten Omegapunkt. Mark Jansen„Alles geschieht in Kreisläufen. Die Jahreszeiten, Tag und Nacht, unser Leben, die Wiedergeburt, Planetenbewegungen. Die Omegapunkt-Theorie postuliert, dass nach dem Alpha, dem Urknall, alles in Richtung eines Punktes treibt. Und dort, am Omegapunkt, kommt unser kollektives Bewusstsein zusammen.“

Unter Zuhilfenahme der Tabula Smaragdina, einer antiken Quelle alchemistischer Weisheit, erschafft Jansen daraus ein faszinierendes Konzept von Anfang und Ende, vom Leben und Tod. Diesmal jedoch konzentrieren sich sowohl seine als auch Simone Simons‘ Texte auf die persönlichen und individuellen Aspekte dieser Theorie. Sie befassen sich mit Beziehungen, Nöten, Kämpfen mit Depression und Angst und werden dadurch zu einer Lektion in Empathie und Self-Empowerment. Eine Lektion, versteht sich die ohne diese gesangliche Naturgewalt Simone Simons nur halb so effektiv wäre.

Vom stürmischen ‚Abyss Of Time‘ über das gespenstische ‚The Skeleton Key‘ und den orientalischen Zauber von ‚The Seal Of Solomon‘ zum ultimativen Kampfgeheul ‚Freedom – The Wolves Within‘ und der überwältigenden Trauer, die dem schmerzhaft schönen ‚Rivers‘ entströmt, stellt  »Omega« alles zur Schau, was EPICA zu bieten haben. Und erstaunlicherweise sogar noch ein bisschen mehr.

Epica
Omega

Label: Nuclear Blast Records
VÖ: 26.02.2021
Genre: Symphonic Metal
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