Interviews

Autoreninterview Dirk Bernemann: „Schützenfest“

Nach drei Jahren ist es nun wieder das erste Buch, das Sie veröffentlichen: Wie war der Schreibprozess während der Pandemie? Was war anders/ besser/ schwieriger? Was hat Ihnen gefehlt oder hat es sogar beim Schreiben geholfen?

„Der Roman war eigentlich schon vor der Pandemie ziemlich abgeschlossen. Aber dadurch ging dann tatsächlich nochmal ein großes Zeitfenster auf, das mir ermöglichte, nochmal genauer am Text zu arbeiten, nicht abgelenkt von Lesungen oder sonstigen Verpflichtungen oder Freizeit. Ich bin ohnehin ein Typ Mensch, der sich sehr gut zurückziehen kann, um konzentriert zu arbeiten, auch wenn das Leben normal funktioniert. Wenn es während der Corona-Zeit möglich gewesen wäre, hätte ich vielleicht den überwiegenden Schauplatz des Romans, ein Dorf im westlichen Münsterland, noch ein paar Mal besucht, aber es hat auch aus der Erinnerung gut funktioniert.“

Woher kam denn eigentlich die Idee oder der Impuls ein Buch wie das „Schützenfest“ zu schreiben?

„Ich habe im Laufe der Zeit immer wieder gemerkt, dass man von dem Fakt, wer man ist und warum man so geworden ist, wie man eben geworden ist, nicht weglaufen kann. Bestenfalls weiß man viel darüber, um sich selbst gut genug zu kennen, wie man reagiert, wenn man unfertigen Baustellen erneut begegnet, in welcher Form auch immer. All das hat immer zu tun mit unserer Kindheit und den Orten, wo wir aufgewachsen sind. Wenn dort Probleme entstanden sind, die nicht be- oder verarbeitet wurden, kann es sein, dass man sie das ganze Leben mit sich herumschleppt wie einen zu schweren Rucksack. „Schützenfest“ ist ein Heimatroman, der sich mit genau diesen Baustellen beschäftigt.“

Warum ist ausgerechnet dieses Fest ein geeigneter Anlass, die Geschichte dort spielen zu lassen?

„In dem Landstrich, wo ich herkomme, sind Schützenfeste eine alte Tradition. Als Kind hab ich das geliebt. Dazu gab es immer eine Kirmes mit Fahrgeschäften, Fressbuden, drei Tage generationsübergreifendes Volksfest und das Kaff ein einziger Ausnahmezustand. Erst später habe ich registriert, dass da auch viele zwischenmenschliche Tragödien in den Zwischenräumen stattfinden. Alkohol, Gewalt, Eifersucht, eskalierende Nachbarschaftsstreits, all das brach sich Bahn in diesem engen Biotop des Volksfestes. Dazu ein münsterländischer Menschenschlag, der nicht unbedingt dafür bekannt ist, Probleme verbal verständnisvoll und mit emotionaler Zugewandtheit zu lösen. Darüber wollte ich schon lange mal schreiben.“

„Schützenfest“ beschäftigt sich mit Fragen zu Themenkomplexen wie Identität und Herkunft oder Heimat. Schlägt man in einem Wörterbuch den Begriff Heimat nach, so stößt man auf die Bedeutungen „Geburtsort, -gegend, -land“ und „Elternhaus“ Was verbinden Sie mit dem Begriff „Heimat“?

„Das ist ein Begriff, der natürlich massiv von rechten Ideologen missbraucht wurde, aber eigentlich ein wichtiger menschlicher Zufluchtsort sein sollte. Ich will das aus dieser Ecke auch rausholen, denn Heimat ist der Ort, wo man sein kann, wie man will. Vielmehr ist das für mich sogar eher ein subtiles, nicht konkret definierbares Gefühl. Wer Heimat so genau definieren kann und mit Werten und moralischen Beweggründen belegen will, ist mir suspekt. Heimat ist für mich Wohlsein an unkonkreten Orten, wo gute Emotionen zusammenlaufen. Für mich nicht unbedingt der Geburtsort oder das Geburtsland, sondern der Punkt, wo die meisten Dinge für einen selbst in Ordnung sind.“

Wo liegen denn Ihre Wurzeln? Und wie ist Ihr persönliches Verhältnis zum Heimatort?

„Ich bin aus dem westlichen Münsterland, nahe der niederländischen Grenze aufgewachsen. Dieser Gegend bin ich auch sehr lange treu geblieben. Viel Natur, flache Landschaft, man kann unglaublich weit gucken. Aber man muss das schon mögen, man muss sich teilweise darauf einstellen, dass einem tagelang nichts passiert, was einen zum Denken anregt. Ich würde sagen, das ist eine Gegend, die maximal familienfreundlich ist, für Leute, die Bock haben auf Eigenheim im Grünen optimal. Das Dorf aus dem ich stamme, mag ich sehr, ich verbinde viele gute Momente und Menschen damit, aber es hat auch eine andere, finstere Seite, was glaube ich in jeder Provinz so ist. Ich habe in meinem Roman auch nicht versucht, das Dorfleben gegen das Großstadtleben antreten zu lassen, sondern beiden Lebenskonzepten mit positiven und negativen Emotionen Raum zu geben.“

In Zeiten der Globalisierung sind Themen wie Heimat und Identität hochaktuell und besonders komplex. Was denken Sie: Inwiefern leistet Ihr Roman dazu einen Beitrag?

„Ich glaube mein Roman vermittelt gut, dass in diversen Lebenskonzepten einfach auch die dazugehörigen Probleme, aber auch Freuden auftreten. Sowohl im Provinzleben als auch in der Stadt. Mein Roman will, dass man sich mit diesen Problemen beschäftigt und Verständnis für andere, aber auch immer für sich im Umfeld der anderen bekommt. Mein Protagonist Gunnar Bäumer analysiert die ganze Zeit die Unterschiede des Land- und Stadtlebens, kommt aber gedanklich auf keinen grünen Zweig, weil er ja im Laufe der Geschichte auch noch andere Probleme zu bewältigen hat, die auch mit diesem Gegensatz zu tun haben. „Schützenfest“ versucht einen Weg durch das Dickicht zu schlagen und Impulse zu geben, wie sehr auch das persönliche Glück einerseits vom Bleiben oder Gehen, und andererseits vom Verarbeiten der Vergangenheit abhängen. Weil wer geht, sollte da, wo er weggeht, fertig sein.“

Der Protagonist Gunnar fährt für ein paar Tage in die Heimat, um das Elternhaus während ihres Urlaubs zu hüten: Wie würden Sie das Eltern-Sohn-Verhältnis beschreiben?

„Positiv und zurückhaltend. So ein bisschen ist das natürlich auch ein Generations-Clash, der beiderseits von Erwartungshaltungen geprägt ist. Gunnar hat sich zum Beispiel entschieden, Konflikte, die er nicht mehr lösen kann, zu vermeiden. Seine Eltern sehen ihn natürlich immer noch als Sohn, der manchmal unkluge Entscheidungen trifft und dem eventuell geholfen werden muss. Diese Beziehung basiert schon auf gegenseitigem Vertrauen, das aber an unterschiedlichen Stellen unterschiedlich fest ist.“

Die meisten Menschen neigen zu Nostalgie: je älter sie werden, desto mehr sehen sie ihre frühen Erfahrungen und Erlebnisse positiv. Die Kindheit erscheint so den meisten Menschen im Nachhinein als eine Zeit der Sicherheit und des Glücks. Die Sorgen und Probleme des Erwachsenseins verdrängen sie eher. Wie ist es denn bei Gunnar?

„Gunnar hatte in verschiedenen Lebensabschnitten negative Erfahrungen in unterschiedlicher Härte. Die haben ihn geprägt. Er hat sowohl gute als auch miserable Kindheitserinnerungen und aus diesem Teich ist er als der Typ hervorgegangen, der er heute ist.“

Wie kommen die anderen Figuren in Ihrem Buch weg?

„Ich lasse ja eine Menge Leute mit verschiedenen Lebenskonzepten zu Wort kommen und bin eigentlich erstaunlich friedlich und nett mit meinem Romanpersonal verfahren. Aber überall gibt es Brüche und Risse, tief und ungeschmeidig. Das kommt alles zum Tragen. Genau das macht die Personen, über die ich schreibe, auch so interessant.“

Kann man behaupten, dass das „Schützenfest“ eine Abrechnung mit der Provinz ist?

„Abrechnung klingt immer so ultimativ. Es ist eher eine gefühlsbetonte Gegenüberstellung. Ich möchte mich auf keinen Fall über jemanden erheben, nur weil er ein anderes Lebenskonzept als ich gewählt hat und einfach an dem Ort geblieben ist, an dem er geboren und aufgewachsen ist. Aber „Schützenfest“ versucht die schmutzigen Finger in die Wunde aller möglichen Befindlichkeiten zu legen und Lebensentscheidungen zu hinterfragen.“
Was würden Sie sich wünschen, dass Ihre Leser*innen aus der Lektüre von „Schützenfest“ für sich mitnehmen? Gibt es eine Art Botschaft, die Sie damit vermitteln wollen? „Dass ein Zuhause irgendwie wichtig ist, ein Ort der Ruhe, den man Heimat, Dörrfeld, Gartenstuhl oder Manfred nennen kann, egal. Und dass man versuchen sollte seiner eigenen Landschaft der unaufgeräumten Reste viel häufiger zu begegnen, weil man da viel über sich selbst gewahr wird. Außerdem die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Zeit keine Wunden heilt, sondern sie manchmal sogar verschlimmert, weswegen man seine Schwachstellen kennen sollte, um damit im Alltag Umgang zu pflegen. Aber Botschaften sind ja generell was für Leute, die es maximal konkret brauchen. Mein Buch lebt auch von massiven Widersprüchen und mehr als einer Wahrheit zu bestimmen Sachverhalten.“

Ein weiteres Thema ist das Spannungsverhältnis Stadt-Land: Gunnar ist ja weder in Hauptstadt noch im Heimatort glücklich. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

„Natürlich an ihm selbst, an seiner Persönlichkeit, an seiner Feigheit, an seiner Besonderheit. Meine Hauptfigur ist ein krasser Problemkomplexhaufen, aber es macht Spaß, mit ihm drei Tage lang zu feiern.“

Ohne zu viel verraten zu wollen: kann es eine Fortsetzung vom Schützenfest geben?

„Durchaus, aber darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“

Dirk Bernemann

Dirk Bernemann, geboren 1975 im westlichen Münsterland ist Schriftsteller und Journalist. Seit 2005 schreibt er Romane und Kurzgeschichten, darunter den Bestseller »Ich hab die Unschuld kotzen sehen«. Derzeit sind fünfzehn Romane und Kurzgeschichtenbände von ihm erschienen, von zwei Titeln gibt es verschiedene Theaterinszenierungen. 2016 hatte sein erstes eigenes Theaterstück »Bella Noir, 2 Zigaretten Demut« Premiere in München. Außerdem moderiert er den Podcast UNTENDURCH. Dirk Bernemann lebt in Berlin.

Bild © Penguin Random House / Erik Weiss

Dirk Bernemann 
Schützenfest

Verlag: Heyne Hardcore
Veröffentlichung: 13.09.2021
ISBN: 978-3-453-27339-9
Genre: Gegenwartsliteratur, Roman
Preis: 18,00 €
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