Interviews

Das Leben in den Zeiten von Corona – Geschpräch mit Eva Rossmann

Interview

Eva Rossmann, 1962 in Graz geboren, lebt im niederösterrei- chischen Weinviertel. Sie arbeitete als Verfassungsjuristin, dann als politische Journalistin, u.a. beim ORF und bei der NZZ; seit 1994 ist sie freischaffende Autorin und Publizistin, seit ihren Re- cherchen für den Krimi „Ausgekocht“ darüberhinaus Köchin in einem Michelin-Lokal im österreichischen Weinviertel. Eva Rossmanns Krimis spielen nicht an exotischen Orten, aber ihr Ermittlerteam Mira Valensky und Vesna Kraijner hat so viel Charme und Witz, dass die Romane schon Kultstatus haben.

Wie hat sich Ihr Alltag verändert in den letzten Wochen?

Der eine Teil stark, der andere gar nicht. Ich wäre drei Wochen intensiv auf Lesetour gewesen, da wurde natürlich alles abgesagt. Der Kontakt mit den Leserinnen und Lesern fehlt mir schon sehr – ich finde diese Resonanz immer sehr schön und auch inspirierend. Die andere Zeit hätte ich damit verbracht, an meinem nächsten Buch zu arbeiten. Und das hab ich nach einer kurzen Phase des sozusagen inneren und äußeren Durcheinanders auch getan. Das ist sozusagen jedes Jahr frei gewählte Quarantäne.

Wo schreiben Sie aktuell – Schreibtisch, Sofa, Küchentisch, Balkon, Garten?

Wir haben ja ein großes Glück mit unserem Haus und Garten im Weinviertel. Ich habe an der Grundstücksgrenze einen eigenen Arbeitswintergarten, und da schreibe ich. Mein zweiter Schreibort, unser Haus in Sardinien, ist ja leider sehr weit weggerückt.

Wer leistet Ihnen zu Hause Gesellschaft?

Mein Mann Ernest, mit dem ich heuer fünfundzwanzig Jahre verheiratet bin. Das geht wunderbar, sicher auch, weil wir genug Platz haben, aber nicht nur. Ich habe einmal mehr begriffen, dass es ein großes Glück ist, gemeinsame Interessen zu haben. Er ist überhaupt ein Glück für mich.

Welche Schutzmaßnahme fällt Ihnen überraschend leicht?

Nicht mehr als notwendig das Haus zu verlassen. Ich war der festen Überzeugung, dass ich es nicht aushalte, regelmäßig zu leben. Jeden Tag zu frühstücken, mehr oder weniger zur selben Zeit zu Abend zu essen. Mehr oder weniger zur selben Zeit schlafen zu gehen. Üblicherweise war ich nach drei Abenden daheim unruhig. Aber es geht ohne Probleme – zumindest für eine gewisse Zeit … Jetzt muss das Ego eben ein wenig zurückstehen, und wir können die Einschränkungen ja auch als Übung in Solidarität sehen. Sie wird auch in den kommenden Jahren, auf andere Weise, ganz wichtig sein.

Und was fehlt Ihnen am meisten oder wofür brauchen Sie am meisten Disziplin?

Am meisten fehlt mir unser Haus und unsere Freundinnen und Freunde in Sardinien. Wir haben in den letzten Jahren gut ein Drittel unserer Zeit in Sardinien verbracht, und unser Haus ist auch ein wunderbarer Ort um zu schreiben – aber ich hab vor kurzem eine Erzählung geschrieben, die dort spielt.

Was hilft, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt? Haben Sie einen Tipp?

Na, was wohl? Lesen!!! Bücher können bekanntlich nicht nur Türen, sondern ganze Welten öffnen …

Wovon haben Sie Vorräte angelegt?

Ich habe ohnehin meistens zu viel daheim, also war es eine gute Gelegenheit, zuerst einmal das zu verwenden. Ich hatte keinen Stress, dass uns etwas fehlen könnte. Wie meine Protagonistin Mira Valensky koche ich ohnehin am liebsten spontan und mit dem, was da ist. Was das Toilettenpapier-Phänomen angeht, dass es ja auch in Österreich gegeben hat: Ich kann mich erinnern, dass meine Großmutter im Etagen-WC der kleinen Werkswohnung sorgfältig zugeschnittenes Zeitungspapier hatte. Und sie hat gerne darüber philosophiert, welches für diesen speziellen Zweck besonders gut geeignet ist und welches weniger.

Die Deutschen horten Toilettenpapier und Mehl, die Franzosen Rotwein und Kon- dome, die Niederländer Cannabis und Käse. Was steht in Österreich derzeit nicht zum Verkauf und wie viel besitzen Sie persönlich noch von diesem Artikel?

Bei Toilettenpapier und Mehl gab es auch bei uns Engpässe, offenbar sind Deutschland und Österreich doch nicht so verschieden, wie oft behauptet wird. Danach hat in vielen Geschäften Hefe – sie heißt bei uns übrigens Germ, gewisse Unterschiede gibt’s eben doch – gefehlt. Davon habe ich übrigens wirklich viel – weil es in dem Großmarkt, in dem ich als Profi-Köchin einkaufen kann, nur Großpackungen gegeben hat.

Was ist die richtige Lektüre, um die nächsten Wochen zu überstehen?

Jedes Buch, das uns ein neues Stück Welt eröffnet. Ich glaube, dass es in Zeiten der räumli- chen Beschränkung und auch der neuen Grenzen ganz wichtig ist, hinaus zu sehen. Das kann im geographischen Sinn sein, aber natürlich auch was Innensichten angeht.

Welches Kinderbuch empfehlen Sie, wenn der Vorlesestoff demnächst ausgeht?

Mir fällt bei solchen Fragen so viel ein, dass ich mich ganz schwer tue, mich zu beschränken. Das „beste“ Buch gibt’s eben nicht. Zum Glück. Also: Für die Kleinsten „Das große Mira Lobe Vorlesebuch“, dann „Maikäfer flieg“ von Christine Nöstlinger.

Warum lohnt es sich, Ihr aktuelles Buch zu lesen?

Oje, das müssen andere entscheiden – ich hoffe, es gibt einige Gründe dafür. Für die einen ist es vielleicht eher das gesellschaftspolitisch relevante Thema, für die anderen sind es vielleicht die nicht ganz heldinnenhaften Hauptpersonen Mira und Vesna, es könnte auch Wien sein, oder die spannende Geschichte, oder …

Welches Buch lesen Sie selbst gerade?

„Middle England“ von Jonathan Coe – apropos Blick über die Grenzen. Es ist ein Gesellschaftsroman mit feinem englischen Humor und gleichzeitig eine schlüssige Erklärung, wie es zum Brexit kommen konnte.

Was möchten Sie dem Buchhandel zum Durchhalten mitgeben?

Die Welten und die Abenteuer im Kopf kann uns niemand nehmen. Also seid ihr alle, die ihr im Buchhandel arbeitet, auch Reiseführer und Freiheitskämpferinnen, ihr dealt mit dem Stoff, aus dem unsere Träume sind. Bitte nehmt sie uns nicht!

Welche/n Lieblingsbuchhändler/Lieblingsbuchhändlerin möchten Sie an dieser Stelle besonders grüßen?

Da gibt’s so viele! In Wien: Rotraut Schöberl von Leporello, wo wäre ich ohne ihr Wissen, ihre Begeisterung und ihre Unterstützung. In Stuttgart: Uscha Kloke und ihr Team vom Botnanger Buchladen in Stuttgart, so feinsinnig, klug und interessiert, so gastfreundlich, so viele sympathische Menschen! Und, und, und … hoffentlich habe ich bald wieder die Gelegenheit, liebe Bekannte wieder zu treffen und neue kennenzulernen. Ohne direkten Kontakt geht es für mich auf Dauer nicht

Interview © Bastei Lübbe

Bild © Ernest Hauer

Das aktuelle Buch – Gut, aber tot

Eva Rossmann – Gut, aber tot
Genre: Krimis
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-404-17790-5
Veröffentlichung: 26.10.2018
Preis: 10,00 €
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