Interviews

Das Leben in den Zeiten von Corona – Geschpräch mit Hanna Miller

Hanna Miller arbeitete als Lektorin und Verlegerin und schrieb zwei Reiseführer zu ihrem Lieblingslandstrich Cornwall. Für ihren aktuellen Roman »Denn das Leben ist eine Reise« tourte sie mit ihrem Sohn zu zweit in einem VW-Bus durch Südeng- land und schickte anschließend ihre Romanfiguren auf eine Bulli-Reise durch Englands wilden Westen.

Wie hat sich Ihr Alltag verändert in den letzten Wochen?

Es ist ruhiger geworden, das ist vermutlich der größte Unterschied. Ich renne nicht mehr von einem Termin zum anderen, bin nicht mehr ständig mit der Alltagsorganisation beschäftigt, son- dern viel mehr im Hier und Jetzt.

Wo schreiben Sie aktuell – Schreibtisch, Sofa, Küchentisch, Balkon, Garten?

Normalerweise liebe ich den Wechsel zwischen meinem heimischen Schreibtisch und dem writers’ room, meiner »Autor*innen-WG« in Hamburg. Jetzt könnte ich auf unserem schönen Balkon schreiben, aber leider lenkt mich das Draußen-Sein zu sehr ab. Und der Lichteinfall auf dem Laptop ist auch nie so, wie er sein sollte. Deshalb sitze ich derzeit meistens am Schreibtisch, manchmal schreibe ich auch halb liegend auf dem Bett.

Wer leistet Ihnen zu Hause Gesellschaft?

Mein Mann und mein Sohn (7 Jahre). Mein Mann ist Lehrer und mein Sohn in der ersten Klasse – so langsam fühle ich mir hier zu Hause mit all den Arbeitsplänen und Unterrichtschats wie in der Dependance einer Schule.

Welche Schutzmaßnahme fällt Ihnen überraschend leicht?

Ich hätte gedacht, dass es schwieriger für mich ist, die Wohnung nicht mehr für mich allein zu haben. Dieser Raum – wenn Mann und Kind morgens das Haus verlassen – war für mich immer sehr kostbar. Aber irgendwie kann ich die Situation, so wie sie jetzt ist, annehmen und erlebe sogar ein neues Maß an Einlassung und Nähe.

Und wofür brauchen Sie am meisten Disziplin?

Fürs Abstandhalten. Erst jetzt habe ich gemerkt, wie oft ich mich, zu Fuß oder mit dem Rad, doch noch mal eben durch die eine oder andere Lücke zwänge. Dahinter steht ein eng getakteter Alltag, eine allgegenwärtige Eile. Die ist jetzt weg, und so langsam werde ich geduldiger.

Was hilft, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt? Haben Sie einen Tipp?

Frische Luft und Entdeckungen in der Natur. Selbst in einer Großstadt wie Hamburg gibt es unheimlich viel Grün, das war mir »vor Corona« gar nicht bewusst. Mein Sohn und ich unternehmen nun oft ausgedehnte Touren in die entlegenen Winkel der Stadt, bauen Hütten im Wald und haben das Schnitzen für uns entdeckt. Sehr meditativ!

Wovon haben Sie Vorräte angelegt?

Ich war nie der Mensch, der im Park Frisbee oder am Strand Beach Ball gespielt hat. Plötzlich erwische ich mich allerdings dabei, dass ich diverse Freizeitgeräte anschaffe und horte: Bälle in unterschiedlichen Größen, Federballschläger, Seile, die man immer mal gebrauchen kann, Slackline … Bewegung im Freien ist plötzlich zu einem wertvollen Gut geworden, mit dem ich bewusst umgehen möchte.

Wie viele Rollen Klopapier besitzen Sie aktuell?

Nicht mehr als sonst auch. Zum Glück kenne ich die Ängste nicht, die zu Hamsterkäufen führen.

Was ist die richtige Lektüre, um die nächsten Wochen zu überstehen?

Die Frage ist ja immer: Möchte man sich lieber ablenken oder, im Gegenteil, dem Sturm ins Auge sehen. Ich brauche beides. Zum Lachen empfehle ich Sophie Kinsella: »Sag’s nicht weiter, Liebling« (der deutsche Titel ist wirklich nicht schön). Fürs Sturm-ins-Auge-Gucken:

»Die Wand« von Marlen Haushofer.

Welches Kinderbuch empfehlen Sie, wenn der Vorlesestoff demnächst ausgeht?

Mein Sohn und ich sind große Fans von Paul Maar und haben gerade seinen Erstling Der tätowierte Hund entdeckt. Wir haben laut gelacht und uns über das überraschende, kluge Ende gefreut.

Warum lohnt es sich, Ihr aktuelles Buch zu lesen?

Die derzeitige Situation ist für viele Menschen ja eine Zeit der Sehnsucht, nach zwischenmenschlichem Kontakt, nach Berührung und freier Lebensgestaltung. In meinem Roman »Denn das Leben ist eine Reise« stellt sich Aimée notgedrungen die Frage: Wie möchte ich leben? Ihr alter VW-Bus steht als Symbol für diese Sehnsucht: einfach los zu können, frei zu sein, bei sich selbst anzukommen. Ich hoffe, dass Aimées Suche viele Leserinnen berühren wird und sie sich vielleicht sogar ein Stück weit in ihr wiedererkennen. Und St. Ives in Cornwall ist dafür natürlich eine ziemlich schöne und ziemlich dramatische Kulisse …

Welches Buch lesen Sie selbst gerade?

»Die Wand« von Marlen Haushofer. Eine Frau wacht eines Morgens in einer Hütte in den Bergen auf und findet sich eingeschlossen von einer unsichtbaren Wand. Alles Leben jenseits der Wand ist erstarrt. Man könnte es selbstquälerisch nennen, in diesen Zeiten von einer unsichtbaren Wand zu lesen. Mich regt das Buch jedoch zum Nachdenken an, über die aktuelle Situation und die sehr unterschiedlichen Gefühle, die diese Krise bei mir und anderen auslöst.

Was möchten Sie dem Buchhandel zum Durchhalten mitgeben?

Ich wünsche allen Buchhändler*innen von ganzem Herzen, vor allem den kleinen Geschäften, die es sowieso schon schwer genug haben, dass sie schlussendlich gestärkt aus der Krise hervorgehen können – weniger eine Durchhalteparole als eine starke Hoffnung.

Welche/n Lieblingsbuchhändler/Lieblingsbuchhändlerin möchten Sie an dieser Stelle besonders grüßen?

Die Buchhandlung Christiansen in Hamburg-Ottensen. Danke, dass ich bei Euch die letzten Wochen weiter online einkaufen konnte!

Interview © Bastei Lübbe

Bild © Julia Schwendner

Das aktuelle Buch – Denn das Leben ist eine Reise

Hanna Miller – Denn das Leben ist eine Reise
Genre: Feel-Good-Roman
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7857-2684-6
Veröffentlichung: 30.04.2020
Preis: 14,90 €
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