Interviews

Das Leben in den Zeiten von Corona – Gespräch mit Armando Lucas Correa

Interview

Armando Lucas Correa lebt in Manhattan und arbeitet dort als Herausgeber des wichtigsten Magazins der spanischen Gemeinschaft in den USA, People en Español. Zuvor arbeitete er auf Kuba als Herausgeber eines Kulturmagazins. Für seine journalistischen Arbeiten wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem von der National Association of Hispanic Publications und der Society of Professional Journalism. „Die verlorene Tochter der Sternbergs“ ist sein zweiter Roman.

Wie hat sich Ihr Alltag verändert in den letzten Wochen?

Wir leben in Manhattan, dem Epizentrum der Pandemie in den USA. Mein Lebensgefährte und ich verließen am 12. März mit unseren drei Kindern, unserem Hund, unserer Eidechse und zwei Meerschweinchen unsere Wohnung und machten uns auf den Weg in unser Wo- chenendhaus auf dem Land, zwei Stunden von NYC entfernt. Als Erstes haben wir unsere Kinder online mit ihrer Schule vernetzt, als Nächstes damit begonnen, unser Magazin aus dem Homeoffice zu produzieren. Seitdem ist jede Woche anders, aber wir haben alle Angaben unserer örtlichen Gesundheitsbehörde befolgt.

Wo schreiben Sie aktuell – Schreibtisch, Sofa, Küchentisch, Balkon, Garten?

Ich schreibe in meinem Büro, neben meinem Schlafzimmer, weit weg von dem Lärm in unserem Haus. Zuerst konnte ich meinen Leserhythmus nicht beibehalten, weil ich mich darauf konzentrierte, mit den Nachrichten Schritt zu halten – und wenn ich nicht lese, kann ich nicht schreiben. Jetzt bin ich aber wieder im Fluss mit dem Lesen. Ich stehe sehr früh am Morgen auf, um schreiben zu können, bevor wir unsere Redaktionssitzungen für unser Magazin abhalten. Freitag, Samstag und Sonntag verbringe ich den ganzen Tag ausschließlich mit Schreiben.

Wer leistet Ihnen zu Hause Gesellschaft?

Meine Kinder: Emma Isabel, 14 Jahre alt, und die Zwillinge Anna Lucía und Lucas Gonzalo, 10, und mein Lebensgefährte Gonzalo Roberto.

Welche Schutzmaßnahme fällt Ihnen überraschend leicht?

Dass ich außer meinen engsten Familienangehörigen niemanden sehe.

Und was fehlt Ihnen am meisten oder wofür brauchen Sie am meisten Disziplin?

Frei in NYC umherzugehen, die U-Bahn zu benutzen. Ich musste mich auch erst daran gewöhnen, ständig die Hände zu waschen, und die neuen Bücher, die mit der Post kommen, ein oder zwei Tage nicht anzufassen, denn auch für diese Kisten gelten aus Sicherheitsgründen besondere Schutzmaßnahmen.

Was hilft, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt? Haben Sie einen Tipp?

Lesen! Wenn man liest, empfindet man die Quarantäne weniger schmerzlich.

Wovon haben Sie Vorräte angelegt?

Nespresso-Kapseln, vor allem die mit der Aufschrift Cafecito de Cuba, die immer ausverkauft sind.

Die Deutschen horten Toilettenpapier und Mehl, die Franzosen Rotwein und Kondome, die Niederländer Cannabis und Käse. Was steht in den USA derzeit nicht zum Verkauf?

Handdesinfektionsmittel und Clorox-Wischtücher. Aber wir haben genug davon angeschafft, um dieser Pandemie zu begegnen.

Was ist die richtige Lektüre, um die nächsten Wochen zu überstehen?

Kommt darauf an. Ich lese hauptsächlich Belletristik. Bei Sachbüchern habe ich das Gefühl, dass ich mich – wie bei den Nachrichten – ständig auf dem Laufenden halte. Ich entdecke jetzt neue Autoren und Bücher, die ich mir mal für einen regnerischen Tag aufgehoben hatte, aber bisher noch nie dazu gekommen bin, sie zu lesen. Und ich lese einige Klassiker noch mal wieder.

Welches Kinderbuch empfehlen Sie, wenn der Vorlesestoff demnächst ausgeht?

Das ist für mich die schwierigste Frage, also habe ich ein bisschen geschummelt und meine Kinder gefragt. Die 10-jährigen Zwillinge sagten: “Bibleforce: The First Heroes Bible” von Lucas Gonzalo und „Who Was Dr. Seuss?“ von Anna Lucía.

Warum lohnt es sich, Ihr aktuelles Buch zu lesen?

Es muss uns klar sein, dass alles, was wir jetzt durchmachen, nicht annähernd an das Leid heranreicht, das während des Zweiten Weltkriegs erlitten wurde. Wir können von der Widerstandskraft einiger meiner Figuren viel lernen.

Welches Buch lesen Sie selbst gerade?

Meine Lektüre ist wirklich sehr unterschiedlich. Ich habe gerade „Made in Saturn“ (Hecho En Saturno) von der dominikanischen Schriftstellerin Rita Indiana, „Nacht in Caracas“ (La hija de la española) von der venezolanischen Schriftstellerin Karina Sainz Borgo, „F“ von dem deutschen Schriftsteller Daniel Kehlmann und schließlich „The Transmigration of Bodies“ (La transfiguración de los cuerpos) von dem Mexikaner Yuri Herrera gelesen. Was Indiana, Kehl- mann und Herrera betrifft, so habe ich jetzt den Drang, alles zu lesen, was sie bislang geschrieben haben. Das passiert mir oft. Also habe ich einfach ihre früheren Bücher bestellt. Ich habe auch „Normale Menschen“ der irischen Autorin Sally Rooney gelesen, und das brachte mich zu einer faszinierenden Hulu-Serie, die auf diesem Buch basiert, die fand ich – ehrlich gesagt – besser als das Buch.

Was möchten Sie dem Buchhandel zum Durchhalten mitgeben?

Bücher waren, sind und werden für den Menschen immer notwendig sein. Ohne Bücher zu leben, macht für mich keinen Sinn, und das haben auch viele Menschen in dieser Zeit der Quarantäne festgestellt. Buchhandlungen werden wieder Orte der Begegnung sein; wir ha- ben bereits begonnen, ein Gefühl der Nostalgie für sie zu empfinden.

Interview © Bastei Lübbe

Bild © Hector Torres

Das aktuelle Buch – Die verlorene Tochter der Sternbergs

Armando Lucas Correa – Die verlorene Tochter der Sternbergs
Genre: Saga
Verlag: Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0044-3
Veröffentlichung: 30.04.2020
Preis: 22,00 €
Bei Amazon kaufen
Bei iTunes kaufen

Tags
Weiterlesen
Back to top button
Close