Interviews

Das Leben in den Zeiten von Corona – Gespräch mit Lioba Werrelmann

Interview

Lioba Werrelmann, Jahrgang 1970, stammt aus dem Rheinland, hat Politische Wissenschaften studiert, volontierte und ist seit 1989 für verschiedene Tageszeitungen, Radio- und TV-Anstalten (WDR/ARD) als Redakteurin und Kommentatorin tätig, vor allem in Kölnund Berlin. 2014 erschien ihr autobiografisches Sachbuch
„Stellen Sie sich nicht so an“. „Hinterhaus“ ist ihr erster Kriminalro- man, für den sie mit dem GLAUSER-Preis in der Kategorie „Debüt“ ausgezeichnet wurde.

Wie hat sich Ihr Zuhause oder Ihr Platz zum Schreiben in den letzten Wochen verändert?

Der Platz zum Schreiben ist der gleiche geblieben: Mein Schreibtisch mit Blick in den Garten. Völlig unerwartet ins Rampenlicht gerückt ist meine Fensterbank in der Küche, als Freunde und Nachbarn spontan vorbeikamen, um mir zum GLAUSER-Krimipreis zu gratulieren – die Preisverleihung fand ja wegen Corona diesmal online statt. Wer hätte gedacht, dass man auf einer Fensterbank eine so rauschende Party feiern kann! Ich wünschte nur, ich hätte vorher mal drüber gewischt …

Wer leistet Ihnen zu Hause Gesellschaft?

Zurzeit nur meine beiden alten Katzen und meine uralte Schildkröte. Sie schnurren und nicken, egal, was ich ihnen vorlese. Wobei mir durchaus bewusst ist, dass ich ihr literarisches Urteil durch die Gabe von Hühnchen und Löwenzahn beeinflusse.

Was haben Sie Neues gelernt in den letzten Wochen?

Eine Menge! Ich schreibe an meinem neuen Roman, der in der Nachkriegszeit spielt. Und ich staune, wie viele Parallelen sich zu heute ziehen lassen. Zum einen scheint es gewisse Stereotype zu geben, in die Menschen in Krisenzeiten verfallen. Zum anderen schlagen wir uns gerade mit Problemen herum, die es ganz ähnlich schon vor 75 Jahren gab, vor allem, was die medizinische Versorgung angeht. Jahrzehntelang hat man da auf den Profit geschaut an- statt auf den Menschen, das droht uns nun in nachkriegsähnliche Zustände zu katapultieren.

Und wofür brauchen Sie am meisten Disziplin?

Ehrlich gesagt, für die Hausarbeit. Wie immer, wenn ich schreibe, lebe ich in Gedanken das Leben meiner Romanfiguren. Jede Geschichte möchte erst einmal erträumt werden, da würde ein lauter Staubsauger nur stören.

Wofür oder für wen haben Sie die Regeln gebrochen?

Ich glaube, für nichts und niemanden. Mit einem angeborenen Herzfehler fällt es in dieser Zeit sehr leicht, sich an Regeln zu halten.

Was hilft, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt? Haben Sie einen Tipp?

Lesen, natürlich. Sich bewegen. Und Freunde anrufen, skypen, zoomen … Das ist nicht so schön wie in echt, aber sehr herzerwärmend.

Können Sie der aktuellen Zeit auch etwas Positives abgewinnen?

Ja, auch das. Als Bäckerstochter bibbere ich mit all den Selbständigen, die um ihre Existenz fürchten, als Schriftstellerin bin ich an der Seite der Künstler, deren Arbeit plötzlich verzichtbar sein soll. Aber wir erleben jetzt, dass wir gesellschaftliche Veränderungen, für die wir ohne Corona Jahrzehnte gebraucht hätten, innerhalb kürzester Zeit hinkriegen. Das schenkt uns die Chance, uns zu fragen: Was ist wichtig? Und worauf können wir verzichten? Ich hoffe wirklich, dass wir diese Krise nicht ungenutzt lassen.

Gibt es etwas, wofür Sie sich interessieren, wofür Sie sich vor Corona noch nicht interessiert haben?

Ich wollte nie wissen, wie weit ein Jogger schnaubt, der neben mir um den See rennt. Und ich werde sehr froh sein, wenn ich mich für sowas nicht mehr interessieren muss.

Was sind Ihre Pläne für die Zeit nach Corona? Worauf freuen Sie sich am meisten?

Ich freue mich aufs Ausgehen, darauf, miteinander zu feiern, zu essen und zu lachen. Aber vor allem freue ich mich auf die triste, langweilige Normalität: morgens zur Bahn hasten, einsteigen, sich über die lauten Kopfhörer des Sitznachbarn ärgern. Das wird super.

Was ist die richtige Lektüre, um auch die nächsten Wochen zu überstehen?

Alles, was keine Angst macht. Ich rate zum Beispiel dringend davon ab, mein allererstes Buch zu lesen, in dem ich mich mit unserem maroden Gesundheitssystem befasse. Bloß nicht. Heimelige Krimis sind schön, ich liebe ja Agatha Raisin.

Welches Kinderbuch empfehlen Sie, wenn der Vorlesestoff demnächst ausgeht?

„In der Nacht, wenn der Hamster erwacht“ von Iris Schürmann-Mock. Tolle Bilder und alles in Reimen, das ist so ansteckend, man fängt automatisch selber an zu reimen.

Warum lohnt es sich, Ihr aktuelles Buch „Hinterhaus“ zu lesen?

„Weil es rockt“, wie die Laudatorin für den GLAUSER-Preis, Katja Kleiber, es so wunderbar in ihrer Laudatio ausgedrückt hat. Außerdem ist es sehr spannend, es erzählt einen weitgehend unbekannten Teil deutsch-deutscher Geschichte und keine Figur ist nicht zumindest ein bisschen verrückt. Und es geht ziemlich zur Sache, allzu zartbesaitet sollte man bitte nicht sein.

Welches Buch lesen Sie selbst gerade?

„Winter der Welt“ von Ken Follett. Seitdem ich verstanden habe, wer wer ist, kann ich nicht mehr damit aufhören.

Welchen Lieblingsbuchhändler/Lieblingsbuchhändlerin möchten Sie an dieser Stelle besonders grüßen?

Ich möchte gerne das Team des „Anderen Buchladen“ im Weyertal in Köln grüßen. Ein wun- derbarer Ort zumStöbern und Entdecken! Und wenn noch Zeit ist, stellvertretend für viele das Team der Stadtbücherei Jülich. Gerade für Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien sind die öffentlichen Büchereien unverzichtbar. Mögen auch siegut durch diese Krise kommen!

Interview @ Bastei Lübbe

Bild © ansgarphotography.com

Das aktuelle Buch – Hinterhaus 

Lioba Werrelmann – Hinterhaus
Genre: Krimis
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-404-17827-8
Veröffentlichung: 31.05.2020
Preis: 10,00 €
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