Interviews

Das Leben in den Zeiten von Corona – Gespräch mit Marie Lamballe

Interview

Marie Lamballe studierte Französisch und Russisch auf Lehramt, wurde dann aber durch absoluten Einstellungsstopp vor einer Karriere als Gymnasiallehrerin bewahrt. Stattdessen widmete sie sich ihrem Mann und den beiden Kindern und begann zu schreiben. Zuerst ganz vorsichtig für die Schublade, später kleine Geschichten für Literaturzeitschriften, und schließlich gelangten die ersten Bücher zur Veröffentlichung. Inzwischen ist das Schreiben ihr Beruf geworden, der zwar viel Zeit und Selbstmanagementverlangt, aber auch hin und wieder einen ungewöhnlichen Arbeitsplatz zulässt: Ihre Ideen kann
Marie Lamballe am besten in ihrem Lieblingscafé entwickeln. Sie lebt in einem kleinen Ort in der Nähe von Frankfurt.

Wie hat sich Ihr Zuhause oder Ihr Platz zum Schreiben in den letzten Wochen verändert?

Überhaupt nicht. Da ich als Autorin ständig im Homeoffice arbeite, ist alles geblieben, wie es war.

Wer leistet Ihnen zu Hause Gesellschaft?

Meine Tochter und ihr Lebenspartner. Außerdem unsere beiden Hunde.

Was haben Sie Neues gelernt in den letzten Wochen?

Dass der Zustand, den wir „Normalität“ nennen, etwas Brüchiges ist. Unsere Gewohnheiten, unsere Ansprüche, unser ganzer Lebensstil sind zeitgebunden. Wir hatten seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine gute Zeit, fette Jahre, wenige und im Verhältnis harmlose Krisen. Meine Eltern haben andere Zeiten erlebt: zwei Weltkriege, Männer, die im Krieg gefallen sind oder als Krüppel zurückkehrten, Frauen, die vergewaltigt wurden, zerstörte Städte, Bombenopfer, Arbeitslosigkeit, Hunger, Kälte … Dagegen scheint eine Pandemie lächerlich. Wir haben genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, einen funktionierenden Staat, das Internet …

Und wofür brauchen Sie am meisten Disziplin?

Die Gesichtsmaske beim Einkaufen nicht zu vergessen. Mit Maske atmen. Regelmäßig Hände waschen. Die täglichen Corona-Berichte mit gesundem Menschenverstand einschätzen, sich darüber klar werden, dass alle Maßnahmen unserer Regierung letztlich ein Experiment sind, Statistiken misstrauen, Zuversicht bewahren.

Wofür oder für wen haben Sie die Regeln gebrochen?

Mit einer Freundin Kaffee getrunken.

Was hilft, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt? Haben Sie einen Tipp?

Passiert mir nie. Ich habe jeden Tag so viele Pläne, dass ich nie damit zu Ende komme. Vielleicht deshalb, weil ich jede Menge verrückter Ideen ausbrüte. Ich habe heute eine Gesichtsmaske mit Reißverschluss genäht. Für Gaststättenbesucher, Raucher, Leute, die mal kurz Luft holen müssen, den Besuch beim Zahnarzt, oder zum Küssen. Ein Gag. Hat aber Spaß gemacht.

Können Sie der aktuellen Zeit auch etwas Positives abgewinnen?

Vielleicht wird es ein Umdenken in Punkto Globalisierung geben. Viele Betriebe haben z. B. jetzt Probleme, weil sie keine Fertigteile geliefert bekommen. Ist unser Markt zu global? Wieviel Energie wird durch Warentransporte quer über den Globus verbraucht? Durch den ausufernden, weltweiten Tourismus? Warum steckt unsere Landwirtschaft in einer tiefen Krise? Warum werden die großen Firmen immer größer, und der Mittelstand und die kleinen Läden müssen weichen?

Gibt es etwas, wofür Sie sich interessieren, wofür Sie sich vor Corona noch nicht interessiert haben?

Back- und Kochrezepte aus dem Internet, die es jetzt dort massenhaft gibt.

Was sind Ihre Pläne für die Zeit nach Corona? Worauf freuen Sie sich am meisten?

Wieder im Café zu sitzen und dort meine Geschichten auszuspinnen.

Was ist die richtige Lektüre, um auch die nächsten Wochen zu überstehen?

Schwer zu sagen, weil jeder Mensch anders ist. Sicher das großartige Buch „Die Pest“ von Albert Camus. Aber sicher ist es auch eine gute Zeit, sich mit etwas zu befassen, das einen zwar interessiert, das man aber immer auf später verschoben hat. Oder Bücher, die den Leser in eine fremde Welt mitnehmen, in denen man sich verlieren und wiederfinden kann, Träume, die an das Leben erinnern, Geschichten, die glücklich und zuversichtlich machen.

Welches Kinderbuch empfehlen Sie, wenn der Vorlesestoff demnächst ausgeht?

Auch schwierig. Meine Kinder sind groß, aber damals lasen wir viel Astrid Lindgren. Am schönsten fand meine Tochter allerdings meine ausgedachten Kindergeschichten, die ich extra für sie geschrieben habe. Jeden Tag ein Kapitel, das ich am Abend vorlas. „Lena, die kleine Wasserfrau“, „Der Papagei Farblos“ oder „Clio und Jack“. Ein guter Trick war auch, Geschichten, die sie kannten, ein wenig zu verändern. Da haben sie aufgepasst wie Luchse, und immer, wenn etwas anders war, haben sie geschrien: „Haaalt, da stimmt was nicht!“ Schön ist auch, einfach etwas zu erzählen. Erlebnisse aus der eigenen Kindheit. Erinnerungen, die die Eltern einmal erzählt hatten. Oder gemeinsam Fotoalben anschauen und die Kinder erzählen lassen. „Da waren wir im Urlaub am Meer. Da hast du immer …“

Warum lohnt es sich, Ihr aktuelles Buch zu lesen?

Es lohnt sich immer, alle meine Bücher zu lesen!

Welches Buch lesen Sie selbst gerade?

Jens Sparschuh: „Das Leben kostet viel Zeit“

Welchen Lieblingsbuchhändler/Lieblingsbuchhändlerin möchten Sie an dieser Stelle besonders grüßen?

Unseren Hexenbuchladen in Idstein, der sich so tapfer durch die Krise schlägt, und der so unendlich wichtig für unsere kleine Stadt ist. Wie auch die vielen anderen kleinen Buchläden überall auf der Welt. Wir brauchen sie alle. Jeden Einzelnen.

Interview © Bastei Lübbe

Bild

Das aktuelle Buch – Café Engel – Töchter der Hoffnung

Marie Lamballe – Café Engel – Töchter der Hoffnung
Genre: Saga
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-404-17917-6
Veröffentlichung: 31.01.2020
Preis: 10,00 €
Bei Amazon kaufen
Bei iTunes kaufen

Tags
Weiterlesen
Back to top button
Close