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Das Leben in den Zeiten von Corona… Gespräch mit Stefan Gemmel

Interview

Stefan Gemmel, geb. 1970, ist mit knapp 30 Veröffentlichungen der meistübersetzte Schriftsteller in Rheinland-Pfalz. Überregional bekannt wurde er vor allem durch seine originellen Lesungen und Schreibwerkstätten. Für seine Nachwuchsförderung wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in der Nähe von Koblenz.

Wie hat sich Ihr Alltag verändert in den letzten Wochen?

Mir wurden zwei Lesereisen und sechzehn Einzelveranstaltungen abgesagt. Ohne diese Corona-Krise wäre ich gerade unterwegs, um Kindern und Jugendlichen Literatur näher zu bringen.

Nun, in der Auszeit, sitze ich an meinem nächsten Buch, das ich eigentlich erst imOktober schreiben wollte. Diese freigewordene Zeit biete ich allen Veranstaltern alsErsatztermine an, sodass ich wohl im Oktober fast jeden Tag auf Tour sein werde – da freue ich mich jetzt schon drauf.

Wo schreiben Sie aktuell – Schreibtisch, Sofa, Küchentisch, Balkon, Garten?

Tatsächlich haben wir zwar eine sehr schöne Terrasse, auf der sich trefflich und gemütlich schreiben lässt, doch wir wohnen auf einer Anhöhe und der Wind ist auf die Dauer nervig. So sitze ich also – wie gewohnt – im Arbeitszimmer vor dem PC.

Wer leistet Ihnen zu Hause Gesellschaft?

Zum Glück hab ich die netteste Familie, die ich mir wünschen könnte um mich herum: meine Frau und die beiden Töchter (16 und 21). Jede(r) von uns weiß, sich allein zu beschäftigen, aber wir genießen es auch, gemeinsame Stunden zum Austauschen, für Gesellschaftsspiele oder tatsächlich auch mal für einen guten Film vor der Flimmerkiste zu haben.

Welche Schutzmaßnahme fällt Ihnen überraschend leicht?

„Stay at home“ fällt mir gar nicht schwer. Denn mit meiner Fantasie kann ich währenddes Schreibens Raum und Zeit verlassen und tief in meine eigenen Bücherwelteneintauchen. Insofern bleibe ich zwar körperlich zu Hause, bin aber geistig sehr viel und sehr weit unterwegs.

Und was fehlt Ihnen am meisten oder wofür brauchen Sie am meistenDisziplin?

Sehr schwer fällt es mir, meinen Vater (83) nicht besuchen zu dürfen. Er lebt allein und hat auch alles im Griff, dennoch fehlt der Austausch Auge in Auge oderein gemeinsames Essen oder das gemeinsame Planen eines Gartenprojektes vor Ort. Das alles fehlt mir sehr.

Was hilft, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt? Haben Sie einen Tipp?

Tja, das darf man einen Autor natürlich nicht fragen: Lesen – das ist der Tipp. Sich in ein Buch vertiefen und alles um mich herum – eben auch Corona – völlig vergessen.

Wovon haben Sie Vorräte angelegt?

Da ich gerade an einem neuen Buch arbeite, habe ich tatsächlich die Befürchtunggehabt, mir könnte die Druckertinte ausgehen. Ich arbeite noch sehr altmodisch,schreibe erst am PC, drucke dann alles aus und überarbeite. Drucke dann noch einmal aus und überarbeite erneut. Da darf die Tinte nicht fehlen.

Wie viele Rollen Klopapier besitzen Sie aktuell?

Ja, dieses Klopapier-Phänomen hat mich zwar sehr staunen lassen über die Mentalität vieler Landsleute, aber ich hab mich nicht anstecken lassen. Wir haben ein Päckchen zu Hause. Völlig normal.

Was ist die richtige Lektüre, um die nächsten Wochen zu überstehen?

Da braucht es echte „Pageturner“, wie man so sagt, also Bücher, die man vor Spannung oder Faszination nicht mehr aus der Hand legen kann. Für mich ist und war das immer schon die Literatur von Georges Simenon. In seinen Welten kann ich michverlieren. Morgens mit einem Kaffee, mittags mit einem Tee und abends mit einem Glas Wein und schwupps, ist der Tag lesend verbracht und ich fühle mich, als habe ichfremde Menschen so nahe und so klar erleben dürfen, dass ich sie glaube, in- und auswendig zu kennen.

Welches Kinderbuch empfehlen Sie, wenn der Vorlesestoff demnächst ausgeht?

Bei kleinen Kindern empfehle ich immer etwas Gereimtes. Erst liest man vor, dann lässt man das Reimwort weg, dann eine ganze Zeile, schließlich einen Absatz oder Vers und die Kinder ergänzen. Damit kann man Stunden zubringen.

Bei etwas größeren Kindern empfehle ich Bücher, die man ebenfalls gemeinsam lesen kann, indem die Kids die wörtliche Rede übernehmen und man selbst den Leser spricht. Da braucht es also dialoglastige Bücher

Warum lohnt es sich, Ihr aktuelles Buch zu lesen?

Gerade jetzt eignet sich „Lucas und der Zauberschatten“ besonders, weil es nicht nureine Reise übers Meer, sondern auch eine Reise durch die Zeit gibt. Das fasziniert Kinder auf mehreren Ebenen. Sie bleiben dann gern an der Handlung dran (es gibt auch viele Dialoge) und im Nachhinein kann man dann mal googeln oder im Lexikon nachschlagen, ob es in diesem Camelot wirklich so ausgesehen haben könnte, wie es im Buch beschrieben ist, oder was man über Merlin oder König Artus so herausfinden kann.

Welches Buch lesen Sie selbst gerade?

Als großer, jahrzehntelanger Woody-Allen-Fan habe ich mir natürlich sofort (!!) die gerade erschienene Autobiographie bei meinem Buchhändler online besorgt.

Was möchten Sie dem Buchhandel zum Durchhalten mitgeben?

Baut weiterhin auf Eure Kreativität. Ich weiß von so vielen Buchhandlungen, die sich Pro- jekte, Wettbewerbe, Online-Lesungen, Gutschein-Aktionen, To-Go-Verkäufe habeneinfal- len lassen und damit ihre Kunden überraschen und begeistern.

Macht weiter so!

Welchen Lieblingsbuchhändler/Lieblingsbuchhändlerin möchten Sie an dieser Stelle besonders grüßen?

Die Buchhandlung „Mausbuch“ in Bremerhaven. Denen gilt mein besonderer Gruß, weil ich weiß, dass sie derzeit wahnsinnig viel leisten. Sie haben ihre Buchhandlung in einem schwierigen Umfeld gegründet, doch die Leute rundherum haben es ihnen gedankt. Und das tun sie gerade besonders, indem sie in Massen online bestellen. Das Team von

„Mausbuch“ steht gerade im Dauerstress und daher, liebe Mausbücheraner:DURCHHALTEN!

Interview © Lübbe Verlag

Bild © Stefan Gemmel

Stefan Gemmel – LUCAS UND DER ZAUBERSCHATTEN
Genre: Erzählendes Kinderbuch
Verlag: Baumhaus
ISBN: 978-3-8339-0598-8
Veröffentlichung:
Preis: 10,00 €
Amazon: Bei Amazon kaufen
iTunes: Bei iTunes kaufen

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