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Der Kopf der Woche: Gespräch mit Hajo Schumacher

Interview

Hajo Schumacher sitzt normalerweise in jeder Talkshow – jetzt sitzt er zu Hause und produziert zusammen mit seiner Frau, die Psychologin und Krisenberaterin ist, täglich den Podcast „Wir gegen Corona“. Uns erzählt er, wie er als Bildungspreuße, hauptberufliche Schreibkraft und Langzeitgatte die aktuelle Zeit erlebt, was ein Stück Schokolade bewirken kann und warum uns männlicher Heldenfimmel so gar nicht weiterbringt. Gerade ist sein Buch „Männerspagat“ im Taschenbuch erschienen.

Wie erleben Sie die aktuellen Zeiten?

Ich spüre Demut, Ungeduld, eine komische Nostalgie zwischen Dankbarkeit und Traurigkeit bei dem Gedanken, dass dieses Früher so nicht mehr wiederkommt, aber auch eine neue, große Nähe zu Menschen, deren Wichtigkeit mir vorher gar nicht so klar war. Mit meiner Frau Suse, Psychologin, mache ich seit Mitte März den Mutmach-Podcast „Wir gegen Corona“. Täglich sind wir gezwungen, uns auszutauschen, unsere Ängste, unsere Hoffnungen. Ich hätte nie gedacht, wie therapeutisch heilsam so ein Ritual sein kann.

Corona zwingt uns zu einer Menge Veränderungen – und dauerhaft in den Kreis der trauten Familie. Was macht das mit uns?

Ich bin wirklich froh, dass wir in 27 Jahre Ehe zwei, drei fundamentale Krisen schon durchgemacht haben. Wir kennen unsere Qualitäten, Grenzen, Schwächen. Ein 15jähriger im Haushalt hat gegenüber kleineren Kindern den Vorteil, dass er entweder schläft oder digital nachtaktiv ist. Und manchmal kocht er, gern und gut. Die einzige Hürde meines inneren Bildungspreußen ist es, die Schule einfach mal Schule sein zu lassen.

Wie geht es wohl den Männern, die noch bis vor ein paar Wochen frühestens zum Abendessen nach Hause gekommen sind und jetzt ihre Kinder den ganzen Tag um sich haben?

Gibt es die noch? Corona ist eben ein großes Bildungsprogramm: Wir machen endlich Web-Konferenzen, vor denen wir uns jahrelang gedrückt haben, weil es keine Lufthansa-Meilen dafür gibt. Und plötzlich lernen Väter ihre Kinder kennen, die sie bislang nur am Wochenende bespaßt haben. Und wir alle kapieren, wo es in unserer Gesellschaft Schwach- und Bruchstellen gibt, von der Altenpflege über das Krankenhauspersonal bis zur Kinderbetreuung. Schlagartig wird uns klar, wie weit wir mit unseren Gleichstellungsbemühungen gekommen sind, wenn in den angeblich systemrelevanten Pflege- und Betreuungsberufen besonders viele Alleinerziehende darum kämpfen müssen, ihren Alltag halbwegs geregelt zu bekommen.

Kennen Sie Familien, die das viele Beisammensein, die Nähe immer noch genießen? Geht das?

Nirgendwo ist Bullerbü; Stress gibt’s überall. Die Frage ist doch, wie wir konstruktiv damit umgehen. Früher bei uns zuhause wurde wenig geredet, aber viel gegrummelt oder geschwiegen. Das habe ich als schmerzhaft empfunden. Ich freue mich immer, wenn es bei uns in der Familie gelingt, Bedürfnisse, Probleme, Nöte anzusprechen und gemeinsam einen Lösungswillen zu entwickeln. Wir üben uns da so ran. Und ich bin fest überzeugt, dass wir in ein paar Jahren mit sehr warmen Gefühlen auf diese Tage zurückblicken werden.

Was können wir aus der Zeit der Schutzmaßnahmen lernen?

Dass die einfachen Benimmregeln irre wichtig sind. Höflichkeit, Respekt, Verzeihen, dem anderen ein Stück Schokolade bringen, eine Umarmung, größtmöglicher Verzicht auf Lautes, Sarkastisches, Zynisches. Und dass die klassischen Medien unendlich viel wertvoller sind als jene Dreckschleudern für Milliarden, die sich interessanterweise social media nennen.

Videocalls haben wir inzwischen alle verstanden, aber Homeoffice an sich ist für Viele auch nach Wochen noch gewöhnungsbedürftig. Sie schreiben auf netzentdecker.de über den „Mythos Homeoffice“. Haben Sie vielleicht brauchbare Tipps, um das durchzustehen?

Als Schreibkraft ist das Homeoffice mein Biotop, allerdings idealerweise ohne die anderen Familienmitglieder. Als langjähriger Redaktionsbewohner bin ich zwar gewohnt, mit Hintergrundlärm zu arbeiten. Aber zwei kleine Kinder würden mich auch an den Rand der Verzweiflung bringen. Der wichtigste Tipp lautet also: Hört auf, das Arbeiten zuhause zu verklären. Ich bin sicher, dass Millionen von Arbeitnehmern, die laut nach Homeoffice geschrien haben, ohne es je wirklich erlebt zu haben, heilfroh sind, wenn sie in ihrem kleinen Büro endlich wieder ausschlafen dürfen.

Sie haben inzwischen mehr als 50 Folgen Ihres Podcasts „Wir gegen Corona“ produziert, der Mut machen soll. Wie machen Sie das?

Aufnahme drücken und los. Wir haben den Vorteil, dass wir beide sehr viele Zielgruppen abdecken. Als politischer Journalist kann ich das Regierungstreiben einordnen, meine Frau kann als Krisenberaterin sehr gut mit Ängsten umgehen und ist als Expertin für Positive Psychologie ebenfalls hilfreich beim Perspektivwechsel von Not auf Chance. Wir sind Eltern, Selbstständige mit weggebrochenen Jobs, meine Frau mit ihrem Asthma auch noch Risikogruppe. Da gibt’s immer was zu erzählen. Wobei die leisen, nachdenklichen, manchmal auch traurigen Episoden mehr Zuspruch bekommen als die heiteren.

Hätten Sie anfangs gedacht, dass es mal so viele Folgen werden würden?

Wir haben gar nicht viel nach vorn gedacht, sondern wirklich mit dem Gedanken losgelegt: Wir haben was zu sagen, wir möchten das teilen. Und wenn´s keiner hören will, dann lassen wir´s wieder. Der Erfolg ist ein schönes Kompliment. Wir sind der Berliner Morgenpost extrem dankbar, die dieses Experiment von Anfang an mit großem Enthusiasmus unterstützt hat.

Wie zuversichtlich sind Sie selbst?

Mehr denn je. Die vielen spontanen Aktionen wie etwa das Online-Literaturfestival von Eichborn beweisen doch, wie viele kreative Energie in diesem Land unterwegs ist. Ich habe keine Angst, sondern so viele Pläne wie noch nie. In den vergangenen zwei Jahren habe ich mich persönlich gründlich fortgebildet, was digitale Kommunikation angeht; deswegen habe ich auch ein funktionsfähiges Podcast-Studio zuhause. Gleichzeitig haben wir unsere Ansprüche etwas heruntergeschraubt; für 2020 habe ich mir zum Beispiel vorgenommen, nichts bei Amazon zu bestellen, einfach um zu schauen, was passiert. Die wenig überraschende Antwort: Nichts, außer dass weniger Krempel in der Bude rumliegt.

Wie geht es für Sie weiter? Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ich habe einen Krimi und ein Drehbuch und ein ziemlich abgefahrenes Lebensberatungsbuch in der Mache, alles mit guten Freunden, mit denen ich schon seit Jahren zusammenarbeiten wollte. Solange ich es mir leisten kann, will ich meine Jobs mit dem Herzen und weniger nach dem Geldbeutel aussuchen.

Gerade ist Ihr Buch „Männerspagat“ im Taschenbuch erschienen. Was rufen Sie explizit den Männern in der aktuellen Zeit zu, um ihnen vielleicht ein bisschen durch die ungewöhnliche Zeit zu helfen?

Wir Männer sind mit diesem Heldenfimmel sozialisiert, dass wir wie Rocky, Snake Pliskin oder James Bond alles allein geregelt kriegen. Bullshit. In Zeiten des großen C kapiert auch der letzte vernunftbegabte Mann, dass Zusammenarbeit, Miteinander, Rücksicht die Fähigkeiten sind, die uns Menschen ausmachen. Alles andere ist Trumpsches Neandertal.

Interview © Bastei Lübbe

Bild © Anatol Kotte Hamburg/Berlin

„Männerspagat“ von Hajo Schumacher

Hajo Schumacher – Männerspagat
Genre: Politik und Gesellschaft
Verlag: Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0671-1
Veröffentlichung: 30.04.2020
Preis: 11,00 €
Amazon: Bei Amazon kaufen
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