Interviews

Ein Gespräch mit der Autorin Zela Sol

Aufschrei – Die Geschichte eines Trennungskindes

Rund 150.000 Ehen wurden allein 2018 in Deutschland geschieden. Etwa die Hälfte dieser Paare hatte minderjährige Kinder. Viele Mütter und Väter gehen danach neue Beziehungen ein und eine Patchwork-Familie entsteht. „Patchwork“ klingt bunt und lustig, oder?

Zela Sol: Bunt und lustig. Das klingt nahezu verführerisch. Tatsächlich sind es für mich schönmalerische Umschreibungen für eine herausfordernde zwischenmenschliche Realität. Diesen farbenfrohen Zuckerguss auf unserer gegenwärtigen Patchwork-Illusion empfinde ich zutiefst verwirrend. Natürlich ist eine positive Ausrichtung sehr kraftvoll, sie darf aber nicht dazu auffordern, das Leid und den Schmerz von Trennungskindern unter den Teppich zu kehren, wo es sich nicht auflöst, sondern stetig wächst und sich ausbreitet. Bunt und lustig entsprechen nach meiner Wahrnehmung in den meisten Fällen einer kollektiven Verdrängung von folgeschädlichen Traumatas – und das ist meine höfliche Antwort.

Sie sind selbst ein „Patchwork-Kind“. Wie haben Sie das Leben in zwei unterschiedlichen Familien erlebt?

Zela Sol: Bunt und lustig. Nein. Herausfordernd für alle Beteiligten. Oft auch schmerzhaft und kapitulierend. Es gab sonnige Wir-Momente und vergnügliche Verschnaufpausen. Aber diese wenigen Glücksmomente haben nicht ausgereicht, um meine verletzte Kinderseele gesund zu streicheln. Missverständnisse, Unsicherheiten und Ablehnungen waren Inhalte der Tagesordnung. Tage, die für ein gesundes Wachstum von Kindern doch eher mit klarer Stabilität, Sicherheit und Zugehörigkeit gefüllt sein sollten. Oder?

Aber wenn Paare nur wegen der Kinder zusammenbleiben, ist das die bessere Lösung?

Zela Sol: Das habe ich viele Jahre geglaubt, ja. Heute bin ich damit versöhnlicher und auch bewusster. Die Trennung meiner Eltern war unumgänglich und ihre Entscheidung wird von mir auch nicht bewertet. Zum besseren Verständnis: Ich plädiere nicht für Nicht-Trennung, noch ist die Trennung mein primäres Thema. Mein Fokus und mein Anliegen richtet sich auf den Umgang mit Trennungskindern, auf ein Verhalten, dass nicht zuerst die eigenen Bedürfnisse befriedigt, sondern fühlbar dem Kindeswohl dient. Hier darf sich jeder ehrlich prüfen. Auch Eltern in Herkunftsfamilien.

Wie kann eine Trennung Ihrer Meinung so funktionieren, dass nicht alle – besonders die Kinder – darunter leiden?

Zela Sol: Durch ein wertschätzendes Miteinander und Eigenverantwortung. Wertschätzung entsteht da, wo Räume geöffnet werden, in denen ein emotional offener Austausch stattfinden darf. Ein sicherer Raum, der insbesondere dem Kind die Möglichkeit gibt, seine wahren Gefühle zu äußern. Ein Ort, an dem nach der Standard-Antwort von Kindern „Gut.“ weiter gefragt wird, wo Kommunikation nicht aufhört, sondern sich mitfühlend vertieft und genau zuhört. Zum Zweiten empfinde ich es grundsätzlich wichtig, dass Eltern und Stiefeltern ihre eigenen inneren Verletzungen erkennen und verändern, um Projektionen auf ihre Kinder und Fehlverhalten zu vermeiden. Es gibt 263 Bücher, die das Innere Kind thematisieren. Der Rest liegt in der eigenen Entscheidung, traumatisierte Dauerschleifen nicht mehr an die nächsten Generationen weiterzugeben.

Kennen Sie Beispiele, wo auch „Patchwork-Familien“ gut funktionieren?

Zela Sol: Vor einem Jahr kannte ich genau eine Patchwork-Familie, die felsenfest behauptete, gut zu funktionieren. Ein funkelnder Meilenstein für meine Grundskepsis. Bei meiner näheren Betrachtung, die kaum eine gut funktionierende Patchwork-Familie zulässt, offenbarten sich unter der augenscheinlichen Harmonie vielerlei Konfliktherde, die durch einen ehrlichen Austausch sichtbar wurden und damit verändert werden können. Seit einigen Wochen, also noch ganz frisch, begegne ich Patchwork-Familien, die mich sehr beeindruckt haben. Die durch Verständnis, Mitgefühl und einer offenen Kommunikation innerfamiliär und gesellschaftlich Berge versetzen – Vorreiter einer neuen Zeit, einer guten Zeit, einer Zeit der Liebe. Bunt, lustig und berührend. Heilung.

Sie sind heute verheiratet, kinderlos und Teilzeitstiefmutter. Wie weit beeinflussen Sie Ihre persönlichen Erfahrungen bei Ihrem Verhalten als „Ersatzmutter“?

Zela Sol: Jede Medaille hat zwei Seiten. Das ist die goldene Seite meiner Erfahrungen. Die Dankbare. Ich selbst empfinde mich nicht als „Ersatzmutter“, wozu auch, die Kinder haben eine wundervolle Mutter. Ich bin die Freundin, die aufrichtig nachfragt, die Weggefährtin, die ihre Hand hinhält, wenn sie gebraucht wird, die Gleichgesinnte, die durch ihre eigenen Erfahrungen Resonanz erzeugt und dadurch Vertrauen gewinnt und am allerliebsten die Spielerin, die mit viel Kreativität und Schabernack Herzen zum Leuchten bringt; auch ihr eigenes. Eine Frau, die Kindern auf Augenhöhe begegnet, einfach, weil sie Kinder abgöttisch liebt.

Sie haben ein Buch mit dem aufrüttelnden Titel „Aufschrei – Die Geschichte eines Trennungskindes“ geschrieben. Wie kam die Idee zum Buch? War das Aufschreiben Ihrer eigenen Lebenserfahrungen wichtig für Sie?

Zela Sol: Es war nicht einfach nur eine Idee, sondern ein innerer Antrieb, bei dem meine Seele der Federführer war. Die Absicht dieses Buches ging schnell über meine eigene therapeutische Heilung hinaus. Die Resonanz war überwältigend und so habe ich mich selbst zur Stimme aller Trennungskinder berufen. Das klingt leicht, aber es war die bisher größte Herausforderung meines Lebens. Zu meinem Wohle und zum Wohle aller Anderen. Das ist die einfache Essenz. Jeder Mensch hat sein ganz eigenes kreatives Talent, dass ihm hilft, seine innere Wahrheit zu transportieren und wenn er mag, auch zu offenbaren. Ein Folgeaufschrei: Nutze es! Zu Deinem Wohle und zum Wohle aller.

Wer sollte Ihr Buch lesen?

Zela Sol: Jeder, der die Welt zu einem besseren Ort machen möchte.

Zela Sol – Aufschrei
Genre: Die Geschichte eines Trennungskindes
Verlag: J. Kamphausen Verlag
ISBN: 978-3-95883-475-0
Veröffentlichung: 18.09.2020
Preis: 18,00 €
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Über die Autorin:

Zela Sol, Jahrgang 78, lebt verheiratet, kinderlos und als Teilzeitstiefmutter. In den letzten sieben Jahren hat sie ihre Erlebnisse als Trennungskind in einem Buch verarbeitet und damit zwei Geschenke entdeckt: das Schreiben und sich SELBST. Mit der Seele als Federführer trifft sie gerne des „Pudels Kern“. Die kollektive Entwicklung aus einer traumatisierten Gesellschaft ist ihr Antrieb.

Kamphausen.Media aus Bielefeld mit den Imprints jkamphausen, Aurum, fischer&gann, Theseus, Lüchow, LebensBaum sowie der Tao.Cinemathek verlegt seit über 35 Jahren Bücher in den Themenbereichen Persönlichkeitsentwicklung, ganzheitliche Gesundheit, Meditation, Spiritualität und Psychologie. Unser Ziel ist es, mit unseren Produkten jeden Menschen auf seinem Entwicklungsweg in seinen Talenten und seinem Bewusstsein, seinem Glück und seiner Essenz bestmöglich zu unterstützen.

 

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