Interviews

Ein Gespräch mit Dr. Barbara von Bechtolsheim über die Liebe kreativer Paare

Interview

Viele Menschen haben eher romantische Vorstellungen von der Liebe und sind enttäuscht, wenn sich dieRealität anders darstellt. Warum neigen wir dazu, die Liebe zu verklären?

Barbara v. Bechtolsheim: Zum Glück bewirkt eine solche Verklärung Motivation und Vertrauen. Wir hoffen dochimmer wieder, dass die Liebe, vielleicht auch entgegen rationaler Erwägungen, gelingen kann. Die Gründe für dieseromantischen Vorstellungen sind komplex. Zum einen wirkt da sicher eine unbewusste Erinnerung an frühkindlichesGlück, an Geborgenheit und Angenommensein. Solche Be- dürfnisse nach bedingungsloser Liebe werden dannimmer wieder ins Bewusstsein geholt und ver- stärkt: durch die zahllosen Bilder, Ideale, Symbole, die uns umgeben,nicht nur Kunst, Literatur und Musik sind inspiriert davon, auch Medien und Werbung nähren diese Wünsche.

Was zeichnet Ihrer Erfahrung nach, eine erfüllte und dauerhafte Liebe aus?

Barbara v. Bechtolsheim: Dass zwei Menschen immer wieder aufeinander zugehen, sich gegenseitig undmiteinander immer wieder neu erleben und die Sehnsüchte des Partners unterstützen. Die Vo- raussetzung dafür ist,dass sie miteinander maximal aufrichtig umgehen. Diese Vorstellung und Er- fahrung haben die kreativen Paareletztlich bestätigt, vor allem aber differenziert: Wie erfüllend und tief eine Liebesbeziehung sein kann!

In Ihrem Buch haben Sie sich eingehend mit der Liebe beschäftigt. Entstanden ist ein Buch über
„Beziehungskünstler“, in dem sie 16 berühmte Künstlerpaare vorstellen. Wie kam die Idee zum Buchzustande?

Barbara v. Bechtolsheim: Angefangen hat es damit, dass ich mir vor vielen Jahren die Frage gestellt habe, warum wireigentlich Literatur oder Kunst brauchen, warum ich mit meinen Studenten über Literatur reden soll. Inwiefern ist das relevant? Mit dieser Frage bin ich etwas experimentell umge- gangen, ichdachte mir, die Liebe bedeutet doch jedem Menschen enorm viel, und so habe ich mit meiner Sammlung von Textenund Geschichten von und über Literatenpaare begonnen. Das erste Paar war Sylvia Plath und Ted Hughes, dannkamen weitere deutsche und amerikanische Literaten- paare hinzu. Daraus sind bald Seminare undWochenendworkshops entstanden, Bildende Künstler und Musiker stellten sich fast von selbst ein, und immerentfalteten sich durch die Beschäftigung mit literarischen Texten oder mit Kunstwerken dieser kreativen Paareunerwartet offene Gespräche über die Liebe, und ich erkannte darin einen Stil der Auseinandersetzung mit Kultur,der aufrüttelt. Davon abgesehen habe ich an der School of Life Classes über Paarbeziehungen angeboten, bei denenmir ständig die besten Beispiele aus diesen Künstlerbiographien einfielen. Nicht zuletzt hat die wahnsin- nigeLebensintensität dieser Paare mir selber viel Energie gegeben und auch explizit und implizit meine eigenenFreundschaften und Beziehungen beeinflusst. Da kam dann ein Punkt, an dem das Buch einfach geschriebenwerden musste.

Nach welchen Kriterien haben Sie gerade diese 16 Künstlerpaare ausgewählt?

Barbara v. Bechtolsheim: Das ist eine gute Frage. Ich wollte Persönlichkeiten versammeln, die man gernekennenlernen, mit denen man sich vielleicht sogar über ganz private Dinge unterhalten würde. Somit kamen Paarenicht in Betracht, deren Beziehungen aus meiner Sicht destruktiv waren. Außer- dem habe ich mich auf das 20.Jahrhundert beschränkt, damit man sich mit diesen Künstlern leichter identifizieren kann, als wenn es um allzu weitentfernte Zeiten ginge. Die Romanik beispielsweise ist nun einfach nicht mehr unsere Zeit. Zudem habe ich daraufgeachtet, dass autobiographische Do- kumente vorliegen, so dass ich Kunst und Leben in Verbindung setzenkonnte. Nicht zuletzt ist da der kulturelle Rahmen, der mit meiner eigenen Geschichte zu tun hat. Ich kann am ehestenüber den deutschen und den amerikanischen Kulturraum reden, weil ich damit vertraut bin. Diese Wahl stellte sichdann auch insofern als sinnvoll heraus, dass ja einige deutsche Künstlerpaare in die USA immi- grierten und somit aufbeiden Seiten des Atlantiks kreativ waren.

Welches Künstlerpaar hat Sie dabei besonders beeindruckt und warum?

Barbara v. Bechtolsheim: Die Frage kann ich kaum beantworten, weil jedes Paar mich begeistert hat, während ichjeweils in deren Geschichte eingetaucht bin. Immer wieder war ich angerührt von so viel Verletzlichkeit inLebensgeschichten, die nach außen glamourös und erfolgreich wirken. Unter diesem Eindruck habe ich auchgespürt, wie enorm viel Kraft und Inspiration von jedem Paar aus- geht, wenn man sich wirklich darauf einlässt.Besonders haben mich die Emigrationsschicksale be- eindruckt. Dass da nicht zuletzt mittels der bedingungslosenLiebe ein Neuanfang gelungen ist! Viel- leicht hätte jeder alleine das eben nicht geschafft. Oder näher an unsererZeit Joan Baez und Bob Dylan, die beide mit ihrem künstlerischen Engagement alles auf eine Karte gesetzt und dabeioffen- bar auch enorm viel Vergnügen miteinander und aneinander hatten. Oder das Ehepaar Rosa Loy und NeoRauch, wie die sich in ihrer Verschiedenheit bewundern und künstlerisch bereichern.

Ist Ihr ein Buch ein Ratgeber für die perfekte Liebesbeziehung oder doch eher ein Buch mit inte- ressantenKünstlerporträts?

Barbara v. Bechtolsheim: Also, es ist nicht meine Art, erwachsenen Menschen Ratschläge zu geben, ich möchtevielmehr die richtigen Fragen aufwerfen und Impulse geben. Insofern ist dieses Buch beides, die Künstlerpaarestrahlen ja etwas Faszinierendes aus, und doch haben alle, was die Liebe angeht, Höhen und Tiefen erlebt. Besondersmöchte ich anregen, auch in der Freude an deren Kunst und Kreativität auf Ideen zu kommen, wie jeder die eigeneBeziehung gestalten und weiterbringen kann. Aber im selben Maße war es mein Bestreben, diesen großartigenKünstlerpaaren irgendwie gerecht zu werden, auch auf wenigen Textseiten, so dass beim Lesen ein tieferes Verständnis der betreffendenKünstler entsteht, gerade auch aus der Perspektive der Paarbeziehung.

Welche Anregungen bieten die von Ihnen vorgestellten Künstlerpaare für ganz normale Paare?

Barbara v. Bechtolsheim: Die sind so vielfältig! Vielleicht wäre die wesentliche Anregung, die Schön- heit im Wesen desAnderen zu sehen und zu erspüren. Das bedeutet dann auch, keine Perfektion zu erwarten, sondern eine lebendigeBeziehung. Ja, und natürlich auch kreativ mit der eigenen Bezie- hung umzugehen und nicht zuletzt, Musik und Kunstund Literatur als verbindend in die Gemeinsam- keit hineinzuholen.

Dr. Barbara von Bechtolsheim – Beziehungskünstler
Genre: Wie kreative Paare die Liebe meistern
Verlag: Süddeutsche Zeitung
ISBN: 978-3864975332
Veröffentlichung: 16.05.2020
Preis: 24,00 €
Amazon: Bei Amazon kaufen

 

 

 

Über Dr. Barbara von Bechtolsheim:
Seit dem Studium der Literaturwissenschaft, Psychologie und Philosophie spürt Barbara von Bechtolsheim derpraktischen Relevanz von Literatur und Kunst für das Leben nach. Im Schreiben und Übersetzen sowie in der Lehreund in der Poesietherapie vermittelt sie diese stets sich wan- delnde Sinnsuche. Hieraus hat sich ein Schwerpunkt inForschung und Lehre zu Künstlerpaaren und deren Kreativität entwickelt.

Tags
Weiterlesen
Back to top button
Close