Interviews

Gespräch mit Prof. Dr. Harald Schneider

über den Einfluss von Hormonen auf unser Leben

„Wie kleine Moleküle Liebe, Gewicht, Stimmung und vieles mehr steuern“

Hormonschwankungen in der Pubertät – das kennt jeder. Wie beeinflussen eigentlich Hormone unser Verhalten und unseren Körper?

Prof. Schneider: Die Pubertät ist eine Zeit des Umbruchs, die Zeit des Erwachsenwerdens. Und Hormone spielen hier eine entscheidende Rolle. Sie geben das Tempo und das Ausmaß der Veränderungen vor. Vor allem die Geschlechtshormone -Testosteron bei Jungen, Östrogene und Progesteron bei Mädchen- steigen an von kaum messbaren Bereichen im Kindes- zu hohen Werten im Erwachsenenalter. Sie führen dazu, dass der Körper sich verändert, die Scham- und Gesichtsbehaarung wächst, dass Busen und Geschlechtsorgane größer werden, sexuelles Verlangen entsteht. Die Gefühle sind im Wechselbad, Unsicherheit, Angst, Verliebtsein, man fühlt sich manchmal noch als kleines Kind, dann wieder unabhängig und unverwundbar, oft mehreres gleichzeitig. Jeder von uns, der das selbst erlebt hat, weiß dass das eine spannende, oft aber auch nicht einfache Zeit ist.

Welche Hormone sind für unser Wohlbefinden besonders wichtig?

Prof. Schneider: Es gibt über 150 Hormone, deren Wirkung erforscht ist und man kann davon ausgehen, dass es noch viele mehr gibt, die wir noch gar nicht kennen. Wie kleine Botenstoffe in unserem Körper sorgen sie dafür, dass jede der 100 Billionen Zellen in unserem Körper ihre Aufgabe in Abstimmung mit den anderen Zellen erfüllt und alles funktioniert. Man kann also schlecht ein Hormon herauspicken. Wichtig ist, dass das Zusammenspiel funktioniert. Wenn das aber nicht der Fall ist, kann es zu Problemen kommen.

Ein Beispiel: Wenn plötzlich ein Auto auf uns zu fährt, steigen unsere Stresshormone Cortisol und Adrenalin an. Sie steigern unsere Durchblutung und Muskelspannung und setzen Energie frei, damit wir schnell zu Seite springen. Diese Kampf- und Fluchthormone haben uns und unseren Vorfahren schon unzählige Male das Leben gerettet. Wenn wir aber im Dauerstress sind -Autoverkehr, Termindruck, private Probleme und so weiter- dann sind diese Hormone dauerhaft erhöht. Das kann zu gesundheitlichen Problemen wie Depression, Übergewicht, Schlafstörungen oder Magen-Darm- Erkrankungen führen.

Ein anderes Beispiel: Wohlstandserkrankungen wie Typ-2-Diabetes und Fettleibigkeit können unsere Geschlechtshormone durcheinanderbringen. Fast jeder dritte Mann hat einen erniedrigten Testosteronspiegel, bei vielen Frauen kann auf der anderen Seite dadurch der Testosteronspiegel ansteigen. Beides kann sich auf Wohlbefinden oder auch die Fruchtbarkeit auswirken.

Was empfehlen Sie, wie kann ich für einen möglichst ausgeglichenen Hormonhaushalt sorgen?

Prof. Schneider: Unser Hormonsystem ist in der Steinzeit entstanden. Seit den letzten 200.000 Jahren ist unser genetischer Hintergrund völlig gleich geblieben aber unsere Umwelt hat sich gewaltig geändert. Früher mussten wir das Mammut mit großer Anstrengung erjagen, heute ist der Weg zur Fertigpizza im Kühlschrank nicht weit. Ich glaube nicht, dass wir zurück auf die Bäume und Sträucher der Savanne klettern sollten aber ein paar einfache Grundsätze können helfen: ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, weniger Stress, mehr Entspannung. Das ist zwar oft leichter gesagt als getan, aber auch mit kleinen Schritten kann man schon erstaunlich viel erreichen.

Wann erkenne ich auch als Laie, dass bei mir eine Hormonstörung vorliegt?

Prof. Schneider: Da Hormone ja fast alle unsere Körperfunktionen beeinflussen, gibt es nicht „die Hormonstörung“. Bei Beschwerden ist es daher prinzipiell immer ratsam, einen Arzt zu konsultieren. Häufige Beschwerden in meiner Praxis sind Schwitzen, Haarausfall oder zu viele Haare, Zyklusstörungen, Übergewicht, Müdigkeit, Störungen des sexuellen Verlangens oder unerfüllter Kinderwunsch, um nur einige zu nennen. Diese und andere Beschwerden können, müssen aber nicht hormonell bedingt sein. Daher sollten sie professionell abgeklärt werden.

Sollte ich regelmäßig meinen Hormonspiegel testen lassen?

Prof. Schneider: Ich denke, wir sind gut beraten, uns mehr auf unseren Körper zu verlassen. Wenn es uns gut geht, und keine sonstigen Hinweise dafür gibt, besteht dazu kein Anlass. Im Übrigen gibt es auch nicht „den Hormonspiegel“, genauso wenig wie es „die Hormonstörung“ gibt. Wenn aber entsprechende Beschwerden bestehen oder ein Arzt entsprechende Hinweise findet, muss am besten von einem Spezialisten gezielt untersucht werden, wo das Problem liegt.

Leiden Frauen häufiger unter Hormonschwankungen und wenn ja, warum?

Prof. Schneider: Diese Frage muss ich leider mit „ja“ beantworten. Hintergrund ist, dass wir Männer auch hormonell einfacher gestrickt sind als Frauen: Während bei uns Männern die Testosteronspiegel immer recht gleich sind, unterliegen sie bei gebärfähigen Frauen ständigen Schwankungen. Östrogen steigt an, fällt ab und steigt wieder an, Progesteron stiegt in der zweiten Zyklushälfte an und fällt am Zyklusende wieder ab. Dies ist von der Natur so eingerichtet worden, um eine Empfängnis uns

Schwangerschaft zu ermöglichen. Diese regelmäßigen Schwankungen können sich bei manchen Frauen durch Stimmungsschwankungen, Schmerzen und Wassereinlagerungen, also das sogenannte Prämenstruelle Syndrom bemerkbar machen. Später im Leben kommen auch die Wechseljahre hinzu, die weitere hormonell bedingte Probleme machen können. Und nicht zuletzt wird die Last der Empfängnisverhütung auch vor allem von Frauen getragen. Pille und andere hormonelle Verhütungsmittel greifen natürlich in den Hormonhaushalt mit möglichen psychischen und körperlichen Nebenwirkungen ein. Gerade dies empfinde ich als ungerecht. Hier sollten wir als Gesellschaft mehr dafür tun, dies gleichmäßiger zu verteilen.

Wenn Hormone meine Gesundheit so beeinflussen können, kann ich dann zum Beispiel mit Medikamenten gegensteuern?

Prof. Schneider: Wenn eine krankhafte Hormonstörung vorliegt, muss zunächst geklärt werden, woran es liegt. Beispielsweise kann ein gutartiger Tumor zu viele Hormone produzieren oder eine Autoimmunerkrankung oder Verletzung dazu führen dass eine Drüse zu wenig Hormone produziert. Fehlende Hormone können ersetzt werden oder eine Überproduktion durch Medikamente, Operation oder Bestrahlung behandelt werden. Die Therapie ist immer individuell und zielgerichtet.

Sie haben zusammen mit der Journalistin Nicola Jacobi ein Buch über den Einfluss von Hormonen auf unser Leben geschrieben. Wie kam es dazu und wie lief Ihre Zusammenarbeit bei diesem Buchprojekt ab?

Prof. Schneider: Nicola und ich kennen uns schon sehr lange. Sie war auch eine meiner ersten Patientinnen mit einer Hormonstörung. Vor einiger Zeit hat sie mal ein Interview mit mir über Hormone geführt. Dann meinte ich, „Immer wieder schildern mir Patienten und Bekannte die oben genannten Beschwerden und fragen sich, ob es an den Hormonen liegt. Warum schreiben wir nicht gleich ein Buch darüber?“. So entstand die Idee. Es begann eine rege Zusammenarbeit zwischen Passau, München und Landshut, die dann aber doch ganz gut funktionierte.

Ist Ihr Buch auch für Laien geeignet, denn die Materie ist ja sehr komplex.

Prof. Schneider: Gerade für Laien ist es gedacht. Häufig sind die Zusammenhänge zwar komplex, aber wir versuchen sie so zu erklären, dass sie jeder verstehen kann. Viele Patienten mit Hormonstörungen wollen verstehen, was in ihrem Körper vorgeht. Oft profitieren sie auch gesundheitlich am meisten, je mehr sie über die Zusammenhänge wissen. Daher bin ich auch im Alltag täglich gezwungen, komplexe Sachverhalte verständlich zu erklären.

Und wenn der Leser am Ende dieses Buches nicht nur denkt, dass er etwas gelernt und verstanden hat, sondern auch noch Spaß dabei hatte, dann, glaube ich, haben wir vieles richtig gemacht.

Und zum Abschluss noch eine Frage: Haben Sie eigentlich ein „Lieblingshormone“? Und wenn, warum
gerade dieses?

Prof. Schneider: Ui, diese Frage hat mir so noch nie jemand gestellt. Ich glaube wir Endokrinologen denken nicht so sehr in einzelnen Hormonen sondern mehr in Regelkreisen. Wobei, wenn ich genau darüber nachdenke, dann fällt mir doch eines ein: Oxytocin, das Kuschelhormon. Dies steigt bei zärtlichen Berührungen aber auch bei der Geburt, übrigens bei beiden Eltern, an. Ich war bei den Geburten meiner Kinder dabei. Dieses Gefühl war unbeschreiblich. Wärme, Zusammenhalt – bedingt durch Oxytocin.

 

Prof. Dr. Harald J. Schneider ist Internist, Endokrinologe und Diabetologe. Er behandelt Patienten mit allen hormonell bedingten Erkrankungen am Zentrum für Endokrinologie und Stoffwechsel in München und Landshut. Überdies ist er Dozent an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Fachbücher und Fachartikel und international anerkannter Experte für die Früherkennung von Hormonstörungen und Prävention von Herz-Kreislauf- und Stoffwechselrisiken

https://endokrinologie.bayern twitter: @ProfHSchneider

Prof. Harald J. Schneider, Nicola Jacobi, Joscha Thyen – Hormone – ihr Einfluss auf unser Leben
Genre: Hormone (Bücher)
Verlag: Springer
ISBN: 978-3-662-58977-9
Veröffentlichung: Juli 2020
Preis: 19,99 €
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