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Identität ist Kampf – Interview mit Adam Lambert

Vielen gilt Adam Lambert heute längst als neue Ikone der jüngeren Pop-Geschichte. Denn zwischen sexueller Selbstbestimmung und künstlerischer Authentizität hat der 37-jährige US-Amerikaner seit seinem Castingshow-Erfolg nicht nur mutig eigene Pfade beschritten, sondern innerhalb des Jahrzehnts seiner Karriere auch Neuland in einem Genre geschaffen, von dem selbst Experten glaubten, es sei bereits auserzählt. Bevor Konzerte mit seinem neuen Album „Velvet“ und den Musikern von Queen Lambert nach Köln, Berlin, München und Hamburg führen, nahm sich der Star die Zeit für ein exklusives Interview mit dem CityGuide. Ein Gespräch über Souveränität, den Lohn des Erfolgs und künstlerische Visionen.

Adam, wenn wir uns deine Karriere als Kind vorstellen, hat dieses zehnjährige Wesen gelernt zu laufen, sich im Leben zu orientieren und in dieser komplizierten Welt zu bestehen. Wie fühlt es sich und wo will es hin?
Adam Lambert: Es ist ein ziemlich großartiger Moment für mein inneres Kind. Denn mit diesem Album habe ich mir wirklich selbst etwas bewiesen – und das ist ein unbeschreibliches Gefühl.

Das eine ist der Status Quo, das andere der Anfang, der den ersten Meilenstein deiner Karriere gesetzt hat. Ich habe gerade neulich in einem Interview von dir gelesen, dass du 2003, als du „Hair“ in Berlin gespielt hast, als Unschuldiger kamst und als sündiges Kind nach Hause gingst…
Adam Lambert: (lacht) Ich sage es dir: Das war eine wilde Entdeckungsreise! Ich war ja vorher noch nie länger in einer europäischen Metropole. Und dann kommst du nach Berlin und erlebst diese progressive, coole Stadt, gehst raus, erkundest das Nachtleben und lernst plötzlich einen ganz anderen Lebensstil kennen. Es war eine verrückte Zeit!

Aber es war doch auch eine Zeit, in der dich offenherzige Menschen lehrten, du selbst zu sein, oder täusche ich mich da?
Adam Lambert: Das kann ich absolut so unterschreiben. Diese Momente lassen dich in Phasen eintauchen, in denen so unfassbar viele Dinge zum ersten Mal geschehen und dich den Rest deines Lebens begleiten. Und ich bin unglaublich dankbar, dass ich diese Monate so verbringen durfte. Wenn du dich frei genug von all den Klischees machst, kannst du so vieles über dich selbst lernen.

Du hast einmal gesagt, den Weg zwischen Geld und Kunst zu finden, sei eine deiner größten Herausforderungen gewesen. Kannst du beschreiben, wie du diesen Balanceakt vollbracht hast, ohne auf eine Seite zu kippen?
Adam Lambert: Die Wahrheit ist: Identität ist Kampf. Wenn du diesen Kampf mit aller Entschlossenheit führst, kommst du in deiner Laufbahn irgendwann an einen Punkt, an dem du dich nach künstlerischer Integrität sehnst. Dann geht es darum, sie zu realisieren. Indem du ein Album fertigstellst und lernst, stolz zu sein – auf die Musikalität, die Tradition, in die es sich einreiht, und die Entdeckungen, die ich in meiner eigenen Stimme machen durfte. Das war für mich wirklich ein Wachstumsprozess und die Gelegenheit, darüber nachzudenken, was ich hier vollbringe. Ein absoluter Wendepunkt.

Wo wir schon über die Tradition der neuen Platte sprechen: Du hast selbst gesagt, dass „Velvet“ eine Hommage auf die Musik der Ikonen der 70er und 80er Jahre sei, die du in deiner Kindheit noch auf Vinyl gehört hast. Welche Künstler haben dich am stärksten beeinflusst?
Adam Lambert: Da gibt es eine lange Liste, bei der ich eigentlich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Von den großen Motown-Künstlern über einzigartige Solisten wie David Bowie oder Prince gibt es so viele Giganten, die meine Songs beeinflusst haben. Eine riesige Mixtur.

Du beschreibst dich als größten Kritiker deiner selbst und lässt uns an dem Perfektionismus teilhaben, mit dem du auch zu kämpfen hast. Wenn wir uns ein Album wie „Velvet“ ansehen, das so komplex gebaut und so reich an Vielfalt ist: War das nicht auch ein Kampf, die Songs zur Zufriedenheit zu Ende zu bekommen?
Adam Lambert: Absolut. Aber genau deswegen habe ich mir auch die Zeit genommen, gute Ideen zu wunderbaren Einfällen zu machen. Ich fühlte mich nicht, als sei ich in einer Form von Eile oder würde angetrieben. Das hat definitiv zur Qualität der entstandenen Musik beigetragen. Geduld war einer der zentralen Werte, den ich auf diesem Weg gelernt habe – und das ist auch auf dieser Platte zu spüren.

Um genau zu sein, sogar in den einzelnen Songs. Wenn wir uns eine Nummer wie „Superpower“ anhören, erklingt da eine Magie, die mit dem inneren Kind und Superhelden-Kräften gegen alle Dunkelheit des Lebens ankämpft…
Adam Lambert: Wir dürfen das nicht vergessen: Egal in welchem Business du unterwegs bist – es kann dir immer wieder passieren, dass du vom richtigen Weg abkommst oder die Inspiration verlierst. Und genau darum geht es in „Superpower“. Dass du es in der Hand hast, dir diese Energie wieder zurück zu holen, auf dem Fahrersitz deines Lebens Platz zu nehmen und dich passioniert für deine Freiheit einzusetzen.

Fast schon ein ikonischer Punkt – auch für dich als ein offen homosexueller Künstler, von dem die Community das Coming Out lange erwartete, während du der Meinung warst, dein Wesen nie versteckt zu haben…
Adam Lambert: Ich glaube, dass es da im vergangenen Jahrzehnt einen kontinuierlichen gesellschaftlichen Wandel gab. Heute können wir wirklich sagen: Die Menschen kommen im Großen und Ganzen mit queeren Personen klar. Was nicht heißt, dass es für mich keine Hindernisse oder Herausforderungen gegeben hätte. Da hat sicherlich auch der ganze Trubel im „American Idol“ seinen Beitrag geleistet. Aber: Wenn wir uns die Entwicklung hier in den USA ansehen, fühlt sich das künstlerische Spielfeld viel freier an, als zu Beginn meiner Karriere. Interessant daran ist, dass ich bei „Velvet“ zum ersten Mal nicht mehr daran gedacht habe, mich selbst zu relativieren, um gut vermarktbar zu sein. Das hat in meinen Reflexionen keine Rolle gespielt. Ich habe einfach die Songs geschrieben, die ich wirklich liebte – mit allen Konsequenzen.

Es ist ja eine Sache, authentische Musik zu machen, aber eine andere, die eigenen Zuhörer, wirklich tief in die eigene Seele blicken zu lassen. War das eine bewusste Entscheidung, auch die finsteren Stunden deines Lebens in Töne zu kleiden, um zu zeigen, wie man sie besiegt?
Adam Lambert: Ich glaube daran, dass es eine Rolle spielt, wie wir uns als Künstler mit unseren Zuhörern verbinden. Heute stehe ich an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich glaube, dass ich wirklich nichts zu verbergen habe. Ich schäme mich für nichts – noch nicht einmal für meine inneren Kämpfe. Wenn ich – auch beim Hören – etwas fühle, dann verbindet uns das doch geistig miteinander. Songs wie „Closer To You“ suchen geradezu nach diesem Verständnis und diesem Miteinander, und das ist etwas Wunderschönes.

Auch in „Feel Something“ spürt man diese Distanz, die einen an schweren Tagen daran hindert, die Menschen nah an sich heranzulassen – so gut sie es auch meinen. Ein Gefühl, das du vielleicht auch kennst?
Adam Lambert: (lacht) Gute Frage. Würde ich sie an mich heranlassen? Das ist natürlich eine gewagte Interpretation, aber wenn du dich oder mich in dieser Musik findest, um etwas daraus zu machen, hast du die Idee dieses Albums komplett verstanden. Es muss nicht hyperkonkret sein. Du darfst aus meiner Musik machen, was du willst. Das ist auch das Herrliche daran: Dass die Songs für niemanden haargenau das Gleiche bedeuten. Ich genieße diesen Reichtum sehr.

Ein Phänomen, das doch auch dich selbst spiegelt. Was glaubst du: Wie sehr hast du dich mit „Velvet“ selbst gefunden?
Adam Lambert: Ich denke, ich befinde mich an einem Platz im Leben, in dem ich besser als jemals verstehe, was ich bin, für was ich stehe und was ich erreichen will. Dazu gehören auch die Stärken und Schwächen, die man in den Texten durchscheinen hört und die mir geholfen haben, einen Ort zu kreieren, an dem ich mich wohlfühlen darf.

Wenn wir uns den roten Faden deines Lebens vom Theaterspielen als Zehnjähriger über die Musical-Rollen als junger Mann bis hin zu deinen eigenen Tournee-Shows mit opulenten Kostümen und aufwändigem Licht anschauen: Wo wird dich das nächste Kapitel hinführen?
Adam Lambert: Ich werde zunächst einmal definitiv weiter Musik machen. Ich liebe das einfach zu sehr, um es zu lassen. Aber ich kann mir in Zukunft auch vorstellen, hinter den Kulissen zu arbeiten, Musiktheaterprojekte zu entwickeln oder Drehbücher zu schreiben. Doch diese Gedanken leiste ich mir erst, wenn ich die kommende Tour erfolgreich überstanden habe. Denn ich habe unfassbar Lust, der Welt und auch Deutschland zu zeigen, was wir hier auf die Beine gestellt haben!

Interview © by Markus Mertens

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