Interviews

Interview mit Clemens G. Arvay

Gesundheit

Clemens G. Arvay ist Biologe und Autor mit dem Schwerpunkt Gesundheitsökologie. Mit seinem Bestseller Der Biophilia-Effekt hat er das erste deutschsprachige Buch über Waldmedizin verfasst. Er erforscht die Bedeutung kranker und gesunder Ökosysteme für den Menschen und untersucht, wie die Natur bei der Behandlung von Patienten helfen kann. Er ist außerdem im renommierten österreichischen Forum Wissenschaft & Umwelt (FWU) für den Bereich »Biodiversität und Gesundheit« zuständig. 

„Unsere Gesellschaft und die Politik werden lernen müssen, dass sich Umweltbelastungen dramatisch auf die menschliche Gesundheit auswirken.“ 

Ihr Buch trägt den Titel „Wir können es besser“. Könnten Sie skizzieren, um was darin geht und was wir besser machen könnten?

Das Buch behandelt das einseitige Vorgehen von Regierungen gegen COVID-19 und zeigt auf, wie wenig evidenzbasiert dieses ist. Die unverhältnismäßige, globale Fokussierung auf einen Erreger von vielen führt dazu, dass andere Gesundheitsrisiken noch mehr ignoriert werden als bisher. Allein in Afrika werden bis Ende 2020 aufgrund von Lock- und Shutdowns etwa zehn Mal so viele zusätzliche Malariatote verursacht worden sein als Corona-Tote insgesamt auf dem Kontinent. Dabei sind zu 75 Prozent Kinder die Opfer. Das ist nur ein Beispiel von vielen, die zeigen, wie schädlich das einseitige Vorgehen der Weltpolitik gegen COVID-19 war und ist. Mein neues Buch versucht, die Verhältnismäßigkeit wiederherzustellen und das neue Gesundheitsrisiko aus einer umfassenden Perspektive einzuordnen. Dabei greife ich auf aktuelle wissenschaftliche Evidenzen zurück. Vor allem sollten wir lernen, das Immunsystem als wichtigsten Dreh- und Angelpunkt für den weiteren Verlauf der Pandemie zu verstehen. Und Corona ist auch ein Umweltskandal. Das Buch beginnt mit den nachweisbaren Zusammenhängen zwischen Biodiversitätsverlust und der Entstehung von Epidemien und Pandemien.

Eine Woche vor Erscheinen Ihres Buches veröffentlichte die Europäische Umweltagentur eine Studie, dass jeder achte Todesfall in Europa in Verbindung mit Umweltbelastung steht. Inwieweit steht dieser Fakt mit den Mortalitätszahlen durch SARS-CoV-2 in Verbindung?

Nicht nur die Entstehung von SARS-CoV-2 steht mit der Zerstückelung von Lebensräumen und dem Verlust von Biodiversität in Zusammenhang, sondern auch der Infektionsverlauf. Eine Harvard-Studie hat nachgewiesen, dass die Infektionssterblichkeit mit jedem zusätzlichen Mikrogramm Feinstaub in der Atemluft um acht Prozent steigt. Feinstaub und andere Umweltbelastungen zerstören nachweislich wichtige Immunzellen und Abwehrfunktionen. In meinem Buch weise ich nach, dass die Lombardei, Madrid und New York bereits vor Jahren auf eine Überlastung des Gesundheitswesens wegen umweltbedingten Lungeninfektionen zugingen. Weitere Studien, die diesen Zusammenhang beweisen, stammen von den Universitäten Bari und Bologna sowie zahlreichen anderen renommierten Institutionen. Unsere Gesellschaft und die Politik werden lernen müssen, dass sich Umweltbelastungen dramatisch auf die menschliche Gesundheit auswirken. Auch hier ist das Immunsystem der Schlüssel, um dies zu verstehen. Mein Buch veranschaulicht diese gesundheitsökologischen Mechanismen in verständlicher Sprache.

In derselben Woche kam die Meldung, dass die Studie zu dem Impfstoff AstraZeneca unterbrochen werden musste, weil eine Testperson eine gefährliche Autoimmunreaktion entwickelte. Genau davor warnen Sie auch im Buch. Könnten Sie diesen Impfstoff erklären und erläutern, was das Problem daran ist?

Der große Impfstoff-Favorit aus Oxford ist ein viraler Vektorimpfstoff, der schon im Primatenversuch große Fragen aufwarf. Die Tiere waren beim Kontakt zum Virus trotz Antikörperbildung nicht ausreichend vor einer Infektion geschützt. Vor allem waren sie trotz Impfung ansteckend. In der klinischen Testung kam es zu einer signifikanten Häufung von Grippesymptomen bei 75% der Probanden, bis hin zu Fieber und Schüttelfrost. 46% zeigten vorrübergehende Neutropenie, also einen Abfall der Neutrophilen, das sind wichtige Abwehrzellen unseres Immunsystems, die zu den weißen Blutkörperchen zählen. Diese Art von Impfstoffen steht schon lange wegen überschießender Immunreaktionen unter Kritik. Dann kam es beim Oxford-Impfstoff auch noch zum Auftreten einer Rückenmarksentzündung. Inzwischen wissen wir, dass diese sogenannte transverse Myelitis sogar schon zweimal auftrat. Trotz der Bedenken schreitet der Impfstoff voran, wurde auch von Deutschland und Österreich bereits millionenfach vorbestellt und von der EMA (Europäische Arzneimittelbehörde) als erster in das eigentliche Zulassungsprozedere aufgenommen, das jetzt läuft. AstraZeneca strebt eine Zulassung bis Ende 2020 an. Mein Buch zeigt auf, welche erheblichen Gefahren mit diesen zusammengeschobenen, also „teleskopierten“ Zulassungsverfahren verbunden sind. Es behandelt aber auch andere Kandidaten wie die RNA-Impfstoffe.

Sie sind Biologe und Autor mit dem Schwerpunkt Gesundheitsökologie. „Gesundheitsökologischen Mechanismen“ haben Sie vorhin schon genannt. Aber was ist Gesundheitsökologie genau und was kann man sich unter Ökomedizin vorstellen?

Die Gesundheitsökologie beantwortet medizinische Fragen aus ökologischer Sicht und versteht Krankheit und Gesundheit von einer erweiterten Perspektive. Sie ergänzt den reduktionistischen Ansatz der Virologie, der im Wesentlichen für die Genetik, die Evolution und den Aufbau von Viren zuständig ist. Gesundheitsökologie vereint mehrere Disziplinen, darunter auch die ökologische Epidemiologie, welche die Entstehung und den Verlauf von Epidemien im Kontext mit Umweltfaktoren untersucht. Im Zentrum meiner Betrachtungen steht die Öko-Immunologie, also die Erforschung der Zusammenhänge zwischen Biodiversität, Umweltfaktoren und Immunsystem. Die ökologische Medizin wiederum setzt diese Erkenntnisse im Sinne der menschlichen Gesundheit um, zum Beispiel durch gesundheitsfördernde Planung von Städten oder Krankenhäusern, Entwicklung von Therapien, die den menschlichen Lebensraum und den Kontakt zu Ökosystemen mit einbeziehen etc. Zentral in meiner Arbeit sind dabei die bioaktiven Substanzen aus Ökosystemen, die nachweislich auf verschiedene Wege unser Immunsystem und unsere Gesundheit unterstützen.

Was und wen würden Sie gern mit dem Buch erreichen?

Ich widme dieses Buch allen Menschen, die während der COVID-19-Pandemie ihre Liebe zum differenzierten Denken nicht verloren haben. Mit „Wir können es besser“ möchte ich jene Evidenzen über COVID-19 nachreichen, die medial unterdrückt werden, obwohl sie wissenschaftlich relevant sind. Ich möchte den Menschen die übertriebene, medial und politisch geschürte Angst vor SARS-CoV-2 nehmen und zur Gestaltung einer lebenswerten, gesunden Zukunft beitragen. Es geht mir um globale Gesundheitsgerechtigkeit. Und dazu brauchen wir mehr als die unverhältnismäßige Fokussierung auf einen Erreger, der im Verhältnis zu anderen Bedrohungen relativ wenig Schaden anrichtet. Jedes Jahr sterben allein in Deutschland 40.000 und in Österreich 4.000 Menschen an Lungeninfektionen aufgrund von Viren, Bakterien oder Pilzen – Multiorgan- und Langzeitschäden inklusive. Coronaviren waren immer schon dabei. Mein Buch beabsichtigt, ein wenig von dem Scheinwerferlicht, das wir wegen Corona angeworfen haben, auch auf andere, ebenso wichtige Gesundheitsbedrohungen zu lenken. Sonst sind wir von Gesundheitsgerechtigkeit weit entfernt.

Interview von 05.11.2020

Bild © Lukas Beck; Wien

Clemens G. Arvay – WIR KÖNNEN ES BESSER
Genre: Gesundheit 
Verlag: Quadriga 
ISBN: 978-3-86995-103-4 
Veröffentlichung: 18.09.2020
Preis: 20,00 €
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