Interviews

Special: Artists and their Tattoos

Interview mit Korbach Jan from neànder

Heute ist Jan Korbach von der Berliner Instrumental/Doom/Post-Rock-Band NEÀNDER unser Gast. Eine Bands ohne Vocals ist eine eher seltene Erscheinung, aber daher stehen die Musiker schon mehr unter Druck, weil musikalisch jeder Ton, jede Note ganz anders sitzen und wirken muss. Die Jungs von NEÀNDER machen das aber sehr gut, und das betrifft nicht nur die Aufnahmen, sondern auch die Live-Shows. Am 21. Februar 2019 hat die Band ihre gleichnamige Platte „Neànder“ auf Through Love Records rausgebracht. Wer sich jetzt selber überzeugen möchte und die Band live sehen will; es gibt noch ein paar Termine dieses Jahr: 15.11. Potsdam – Archiv, 6.12. Rostock – Subset Fest und 21.12. Berlin – Zukunft am Ostkreuz. Aber weichen wir nicht zu sehr von unserem Hauptthema ab, reden wir weiter über die Tattoos.

Wann wurde das erste Tattoo bei Dir gestochen und für welches Motiv hast Du Dich entschieden? Wie lange musstest Du darüber nachdenken?

Mein erstes Tattoo wurde mit Mitte 20 gestochen, eine Cartoon Figur. Das war eine sehr spontane Aktion, zusammen mit einem meiner besten Freunde, von daher konnte ich nicht allzulange darüber nachdenken.

Wie viele Tattoos hast Du insgesamt? Gibt es davon welche von denen Du eine Geschichte erzählen könntest/möchtest und was sie Dir insbesondere bedeuten?

Wie viele Tattoos ich genau habe, kann ich nicht sagen. Ich habe nie gezählt und mittlerweile sind es zu viele geworden. Ein Großteil meiner Tattoos ist mit Musik verknüpft. Nachdem wir mit neànder unser Debütalbum dieses Jahr veröffentlichten, habe ich mir einen der Käfer stechen lassen, nach denen wir unsere Songs benannt haben. Die Geschichte dazu ist Folgende: Anfang letzten Jahres entdeckte ich Käfer in meiner Wohnung. Nicht viele aber immer wieder 3 oder 4. Ich forschte nach und fand heraus, dass es sogenannte Khapra Käfer waren. Ursprünglich aus Indien. Wir schrieben den Songtitel ähnlich wie unseren Bandnamen, klein und mit Umlauten – also khàpra – und es passte. Ich finde aber, dass nicht jedes Tattoo eine Bedeutung haben muss. Ich mag auch witzige Tattoos. Ich habe auf dem Unterarm eine Bierdose mit einem Heiligenschein, so what?

Planst Du Dir weitere Tattoos stechen zu lassen?

Ja, auf jeden Fall. Zuletzt habe ich mir den Bauch „bemalen“ lassen und als Nächstes würde ich gerne die Brust machen. Allerdings weiß ich noch nicht genau welches Motiv. Auf meinem Rücken ist auch noch jede Menge Platz. Ich muss dazu sagen, dass ich keinen Plan verfolge, sondern ein Bild zum nächsten führt. Ich gehe das Ganze eher entspannt an.

Wurden alle Tattoos bei demselben Tätowierer gestochen? Wie hast Du den Tätowierer ausgewählt und wer hat die Skizze(n) für Dich gemacht?

Fast alle meine Tattoos wurden von zwei Freundinnen gestochen. Das sind Sara von Iron Cobra und Katze von True Blue Tattoo. Beide sind in Berlin ansässig, schon lange dabei und außergewöhnlich gut! Selbstverständlich haben sie auch die Skizzen entworfen. Ihr könnt die beiden unter folgenden Links finden:

https://www.instagram.com/sarakaltenhauser/
https://www.instagram.com/katharinakatze_tattoo/

Wie lange hat die längste Sitzung gedauert?

Die längste Sitzung dauerte ca. 5 Stunden und war am Unterarm und in der Armbeuge. Es wurde ein Reaper mit der Gluecifer Textzeile „I’m done with the easy living“. Irgendwie fand‘ ich das lustig. Zuerst schwebte mir „All our times have come – Here but now they’re gone – Seasons don’t fear the reaper – Nor do the wind, the sun or the rain, we can be like they are“ aus „Don’t Fear The Reaper“ vor, aber das war zu naheliegend. Außerdem habe ich schon ein Blue Öyster Cult Tattoo.

Tattoos stechen zu lassen ist schmerzhaft. Wie kannst Du die Schmerzen während der Sitzung aushalten, was lenkt Dich ab?

Das stimmt, ich muss sagen, ich vergesse die Schmerzen immer wieder. Dann liege ich unter der Nadel und denke „da war doch was, autsch“. Grundsätzlich sollte man ausgeruht und gesund zu einer Session gehen. Mit einer Erkältung zum Beispiel tut es gleich doppelt so weh. Ich denke, jeder hat sein Geheimrezept um die Schmerzen zu ertragen. Mir persönlich hilft die richtige Atemtechnik. Außerdem quatschen wir viel nebenbei, das lenkt ab. Irgendwann kommt aber trotzdem der Punkt, an dem es nur noch anstrengend ist.

Hast Du jemals bereut ein Tattoo stechen zu lassen?

Da ich erst in meinen Mittzwanzigern angefangen habe, kann ich glücklicherweise sagen: Nein. Ich achte darauf, dass die Motive keinem Trend folgen. So bleiben sie für mich zeitlos.

Welche Arten von Tattoos sind für Dich tabu, welche würdest Du niemals stechen und Dir auch niemals stechen lassen?

Ich verachte jede Form von rassistischen oder diskriminierenden Tattoos.

Es heißt, es macht süchtig, sich tätowieren zu lassen – hat man einmal damit angefangen kann man nicht mehr aufhören. Wie siehst Du das?

Das stimmt bis zu einem gewissen Grad. Ich habe immer meine Phasen, in denen ich mich nicht tätowieren lasse, aber dann kribbelt es irgendwann wieder.

Im Moment ist es modern sich tätowieren zu lassen, viele Leute denken gar nicht darüber nach, dass sie das Tattoo das ganze Leben tragen müssen. Sie wollen cool sein und mit dem Strom schwimmen. Oftmals kommen sie zum Tätowierer mit der Aussage „zeigen Sie mir, was Sie haben“. Wie denkst Du darüber? Der Tätowierer arbeitet dann nicht mehr als Künstler sondern wird zum „Massenproduzenten“.

Ich denke, dass es ganz normal ist, sich ein Tattoo aus „Coolness“ Gründen zu stechen. Man möchte sich ja „verschönern“ lassen, sage ich mal so, ist vielleicht auf der Suche nach Anerkennung, vor allem in jungen Jahren. Dann taucht man aber tiefer in die Tattoo-Szene/Kunst/Kultur ein und lässt sich anders beeinflussen. Bezüglich der Herangehensweise der Tätowierer verhält es sich äquivalent zu Musikern. Nur wenige sind in der Lage ausschließlich das zu machen, was ihrer ästhetischen Vorstellung zu 100 % entspricht. Oft hat man ja noch andere Projekte, die die Herzensprojekte mitfinanzieren. Ich glaube, hier müssen viele Künstler Kompromisse eingehen, bis sie ein gewisses Standing haben.

Früher herrschte die verbreitete Meinung Tattoos seinen asozial – man hatte Schwierigkeiten eine Anstellung zu finden. Hat sich diese Meinung heute geändert oder muss man noch immer mit Vorurteilen rechnen?

Meiner Meinung nach, kommt das auf das soziale Umfeld an, in dem man sich bewegt. Ich wohne in Berlin. Hier interessiert es Niemanden, ob du tätowiert bist. Des Weiteren arbeite für Glitterhouse Records, bin also ich in der Musikindustrie tätig. Auch hier ist es ganz normal, Tattoos zu haben. Es gibt aber noch viele Berufe, in denen Tattoos eher verpönt sind.

Zu guter Letzt… was empfiehlst Du unseren Lesern, die ihr erstes Tattoo planen? Worauf sollten sie achten bzgl. Auswahl des Studios, des Tätowierers, der Stilrichtung… Welche Ratschläge hast Du?

Geduld. Ihr solltet euch genug Zeit lassen und mit euren Vertrauenspersonen über das Motiv reden. Vielleicht sollte man auch zuerst eine Stelle nehmen, die nicht sichtbar ist? Informiert euch vorher über den Tattoo Shop und den Künstler. Trefft euch vorher und sprecht über eure Wünsche und was euch am Herzen liegt. Vertrauen aufzubauen ist sehr wichtig.
Links:
Merch: https://neander.merchcowboy.com/
Facebook: https://www.facebook.com/neanderhorde/

Project by Daria Tessa and Daniela Vorndran, Interview by Daria Tessa
Title Picture by Alina Köster, Tattoo Pictures by Basti Grim.

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