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Special: Artists and their Tattoos Interview with Florian Grey from Florian Grey

Florian Grey braucht man, glaube ich, nicht lange vorzustellen. Über die Jahre hat er sich einen Namen in der Gothic-Szene gemacht. Sein neues Album „Ritus (The Instrumentals)“, das am 19. Juni 2020 erschienen ist, bestätigt das nur. Für mich hatte diese Interview noch einen anderen Grund zum Freude, weil wir heute eine Premiere haben. Laut Florian sind wir das erste Magazin, für das er Bilder mit freiem Oberkörper macht. Also schaut mal rein, es lohnt sich richtig!

Wann wurde das erste Tattoo bei Dir gestochen und für welches Motiv hast Du Dich entschieden? Wie lange musstest Du darüber nachdenken?

Meine ersten Tattoos waren die Sterne auf meinem Rücken. Ich habe nicht sehr lange darüber nachdenken müssen, da die Sterne für zwei meiner jüngeren Familienmitglieder stehen. Ich ging damals in einen Tattoo-Laden in meiner alten Heimatstadt und fragte eine Freundin, die zu diesem Zeitpunkt dort tätowierte nach einem Termin. Sie hatte Zeit und es ging direkt los.

Wie viele Tattoos hast Du insgesamt? Gibt es davon welche von denen Du eine Geschichte erzählen könntest/möchtest und was sie Dir insbesondere bedeuten?

Ich weiß gar nicht genau wie viele es sind – ich habe irgendwann damit aufgehört sie im einzelnen zu zählen. Alle meiner Tattoos haben aber eine Geschichte oder etwas Persönliches (siehe Fotos):

Rechter Arm: Mein rechter Arm wurde vor ca. 15 Jahren in einer Nacht bei mir zu Hause mit Freunden, die mich besucht hatten, gestochen. Ich erinnere mich immer gerne daran – auch, wenn einige Erinnerungen wegen der Drinks etwas vernebelt sind.

Rücken: Meine Beiden Sterne auf dem Rücken stehen für zwei meiner jüngeren Verwandten, zu denen ich immer ein sehr enges Verhältnis hatte und heute noch habe.

Nacken: Die Doppelkreuze sind unser Bandsymbol und das Tattoo ist der Abdruck meines Erstentwurfs für das Logo. Wir hatten die Kreuze dann abfotografiert, digitalisiert und bearbeitet. Heute findet sich dieser Abdruck in allen unserer Schriftzüge als Bandsymbol wieder – auch auf Merchartikeln und unter der Haut einiger Hörer*innen und Fans, was mich persönlich immer rührt und verlegen macht.

Brust: Auf meiner Brust befindet sich eine Oija Board Planchette mit dem Doppelkreuz – Bandsymbol und zwei Nägeln, die für Verlust und Hoffnung stehen

Schriftzug: Dieser ist ein Songtitel den ich mal für eine erste Bandgeschrieben habe. Er beschreibt ein zerrüttetes Verhältnis zu einer Person innerhalb der Familie.

Linker Arm: Das Allsehende Auge. Es bedeutet Weitsicht und Schutz vor dem bösen Blick. Die alten lateinischen Lettern heißen so viel wie „I still believe in us“. Ich wollte einen „Glaubenssatz“ für mich finden, der dem oftmals tätowierten „I still believe in God“ gegenüber steht. Es bedeutet für mich, dass man an geliebte Menschen und sich selbst glauben soll und nicht an eine Fiktion, von der man hofft, sie würde alles für einen richten.

Schriftzug „Erakko“: Stammt aus einer Zeit, als ich immer wieder einige Zeit in Finnland verbracht habe. Übersetzt heißt es Eremit oder Einsiedler. Ein eher sinnbildlicher Schriftzug in einer besonderen Schriftart, der sowohl für eine Sage als auch für tolle Erinnerungen an dieses Land steht.

Linker Unterarm: Seit meinem zwölften Lebensjahr liebe ich die Geschichten dieses Autors und habe sein Portrait zusammen mit einem Symbol aus den Büchern/Romanen auf meinem Unterarm verewigt.

Herz mit Schloß: Das Symbol bestand früher aus Outlines, wurde später ausgefüllt und mit einem Schloss versehen. Es steht für ein geschlossenes Kapitel in meinem Leben.

Schriftzug „Music“: Erklärt sich von selbst

Linke Hand:

Das Symbol der beiden Linien mit „Öse“ ist ein Cover Up. Dieses vereint eine alte Hexenschrift und Zeichen der Alchemie. Es steht für „Sublime“. Ein weiteres geschlossenes Kapitel in meinem Leben.

Banderole: Die Idee zum Tattoo stammt auch aus einer alten Sage. Diese besagt, dass man eine blutsverwandte Person von einem krankmachenden Dämonen befreien kann, indem man sich etwas von besagter Besessenen, einverleibt und dadurch die Aufmerksamkeit des Dämonen auf sich zieht. Ich habe mir die Banderole tätowieren lassen, als ein enges Familienmitglied schwer krank wurde – diese Person ist heute aber gesund und frei von Spuren dieser Erkrankung.

Stern in der Handinnenfläche; Eine humorvolle Erinnerung.

Nagel: Steht für Mahnung und persönlicher Vorsicht.

Rechte Hand:

Das Symbol am Daumen ist ebenfalls eine Mischung aus einer alten Hexenschrift und Zeichen der Alchemie und steht für „Fusion unter dem Mond“. Im gleichen Stil steht das Wort „Kreativität“ auf meiner Handunterseite.

Da es sich bei dieser Hand um meine Schreibhand handelt, gehören alle Symbole auf ihr zusammen.

Rechtes Bein:

The less I needed the better i felt – Bukowski Zitat und auf sehr viele Dinge passend.

Dreieck – Symbol „Fire of Reverbation“ ist auch ein Symbol aus einer alten Hexenschrift und Alchemie – es bedeutet mir sehr viel, da ich es mir selbst gestochen habe.

Hyvä Yötä, finnisch für „gute Nacht“. Eine humorvolle Erinnerung an meine Zeit in Finnland mit hiesigen Freunden zur Mittsommerzeit.

Planst Du Dir weitere Tattoos stechen zu lassen?

Mal sehen. Ich mache das eher spontan, wenn mir der Gedanke kommt, dann suche ich mir eine Stelle aus. Mir ist nur wichtig, dass alle meine Tattoos haben eine Bedeutung haben, seien es lustige Erinnerungen oder Spaß-Tattoos unter Freunden oder bewegende Ereignisse. Hinter allen verbergen sich Geschichten aus meinem Leben.

Neue Tattoos kommen Heute aber seltener dazu. Es gibt aber ein oder zwei, die gerne nochmal überarbeiten lassen würde.

Wurden alle Tattoos bei demselben Tätowierer gestochen? Wie hast Du den Tätowierer ausgewählt und wer hat die Skizze(n) für Dich gemacht?

Da waren verschiedene Künstler am Werk. Ich habe das Glück ein paar gute – auch internationale – Tätowierer zu kennen bzw. zu meinen Freunden zu zählen. Daher bleiben mir oftmals längere Wartezeiten erspart. Das ist generell super, denn wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, muss es relativ schnell passieren. (Lacht)

Andy von Transsilvania Tattoo in Prag zum Beispiel hat meine letzten Tattoos gestochen und immer wenn er Zeit hat oder mal auf der Durchreise ist, bekomme ich ein neues. Wir verbinden das immer mit freundschaftlichen Long – Time – No – See – Gesprächen. Leider habe ich ihn schon länger nicht mehr getroffen weil er mittlerweile super viel zu tun hat. Er ist fantastisch und arbeitet auch teilweise frei Hand, seine Tattoos sind der Wahnsinn!

Wie lange hat die längste Sitzung gedauert?

Die längste SItzung war der rechte Arm in einer ganzen Nacht in den frühen 2000ern bei mir zu Hause… Ein paar Freunde, darunter war auch der Tätowierer, kamen mit Drinks vorbei. Er hatte einen mobilen Stuhl im Kofferraum dabei, wir besprachen es kurz und saßen bis 9 Uhr morgens da, während die Anderen entweder schon gegangen waren oder auf meiner Couch geschlafen haben.

Tattoos stechen zu lassen ist schmerzhaft. Wie kannst Du die Schmerzen während der Sitzung aushalten, was lenkt Dich ab?

Ich empfinde nur manche Stellen als wirklich schmerzhaft. Ansonsten höre ich gerne Metalcore oder Gothic Metal beim „hacken“. Das unterstützt die Adrenalinausschüttung. (lacht)

Hast Du jemals bereut ein Tattoo stechen zu lassen?

Es gibt keines das ich wirklich bereue. Es gab eins oder zwei, die etwas überarbeitet wurden. Zum einen, weil sich ein Kapitel in meinem Leben geschossen hat und zum anderen, weil es vielleicht nicht richtig fertig wurde in vorigen Sitzungen, quasi ein Feinschliff. Es gibt wie schon gesagt so das ein oder andere, welches ich gerne nochmal überarbeiten lassen würde aber damit lasse ich mir Zeit, da schliesslich jedes meiner Tattoos zu mir gehört.

Welche Arten von Tattoos sind für Dich tabu, welche würdest Du niemals stechen und Dir auch niemals stechen lassen?

Ich persönlich finde Schädel an sich schön aber eher nicht unter der Haut. Mein Gesicht und Hals bleiben ebenfalls frei, was aber jeder für sich entscheidet.

Ansonsten sind für mich Tattoos mit politischer oder extremer Bedeutung tabu. Auch einfach Schwachsinn aus einem Walk in – Katalog. Wenn, dann sollte ein Tattoo eine sehr persönliche Note haben.

Es heißt, es macht süchtig, sich tätowieren zu lassen – hat man einmal damit angefangen kann man nicht mehr aufhören. Wie siehst Du das?

Das war früher so. Heute wähle ich doch bedachter meine Stellen. Ab und an passierten mal Tattoos mit und von Freunden, die aber wiederum auch tolle Erinnerungen mit sich bringen.

Zwei meiner Tattoos habe ich mir selbst gestochen. Auch schon mit einem meiner ältesten Freunde gegenseitig tätowiert. Die entstandenen Werke haben natürlich ebenfalls eine Bedeutung.

An dieser Stelle Grüße an meine alten Freund, den alten Eltviller „Capri-Sonne/Vodka -Giftmischer“.

Im Moment ist es modern sich tätowieren zu lassen, viele Leute denken gar nicht darüber nach, dass sie das Tattoo das ganze Leben tragen müssen. Sie wollen cool sein und mit dem Strom schwimmen. Oftmals kommen sie zum Tätowierer mit der Aussage „zeigen Sie mir, was Sie haben. Wie denkst Du darüber? Der Tätowierer arbeitet dann nicht mehr als Künstler sondern wird zum „Massenproduzenten.

Das ist relativ ähnlich wie bei uns Musikern, wenn Du schnell viel Geld verdienen willst, mach’s massentauglich, Party – Schlager oder Mumble Rap zum Beispiel, das kann auch jeder. Wenn du aber etwas erschaffen willst, was von Bedeutung ist, sei es auch „nur“ für eine Person, dann ist das etwas anderes. Es hat vielmehr Bedeutung und ist zeitlos.

Tätowierer wie Musiker müssen auf der anderen Seite auch von etwas leben – gerade jetzt. Es kommt immer darauf an in wie weit man das mit isch selbst vereinbart. Am Ende muss das jeder für sich selbst entscheiden, ohne dafür verurteilt zu werden.

Früher herrschte die verbreitete Meinung Tattoos seinen asozial – man hatte Schwierigkeiten eine Anstellung zu finden. Hat sich diese Meinung heute geändert oder muss man noch immer mit Vorurteilen rechnen?

Diese Zeiten sind meiner Ansicht nach vorbei, vor allem in den größeren Städten und Metropolen gehören Tattoos zum Alltag. Vielleicht ist es vereinzelt in ländlicheren Gegenden noch so. Es kommt glaube ich auch darauf an, welche Generation man fragt, als auch auf die Art und Stelle der Tätowierung. Daher ist es schwer zu pauschalisieren. Überspitzt gesagt, ich wäre auch irritiert, wenn ich zu meinem Steuerberater ginge und er „All Money is mine“ auf die Stirn tätowiert hätte… Dann wäre glaube ich jeder verwirrt und denkt darüber nach, ob dieser Typ der Richtige für mein Zeugs ist. (Lacht)

Aber im Ernst, ich glaube es ist eher so: Wenn jemand In der heutigen Zeit etwas an anderen Menschen auszusetzen hat oder vorschnell urteilt, hat es meistens nichts mit dem Gegenüber, sondern viel mehr mit der Person selbst zu tun.

Menschen sollten oftmals mehr reflektieren, sich in andere hineinversetzen und ein wenig emphatischer sein. Das betrifft Vorurteile im Allgemeinen.

Zu guter Letzt… was empfiehlst Du unseren Lesern, die ihr erstes Tattoo planen? Worauf sollten sie achten bzgl. Auswahl des Studios, des Tätowierers, der Stilrichtung… Welche Ratschläge hast Du?

Schaut euch den Tätowierer, bzw. die Tatowiererin, die Arbeiten und das Studio an. Besprecht zusammen welche Stelle und welches Motiv es sein soll. Wichtig ist auch, ob die gewünschte Stilrichtung passt. Offene Kommunikation ist da hilfreich.

Ansonsten ist es immer ratsam als erstes Motiv etwas mit tieferer Bedeutung zu wählen und nichts aus einem Katalog. Essentials sind außerdem ausreichend Wasser und eine ordentliche Mahlzeit vor jeder Session.

Meine Freunde in den Tattoostudios würden mir wahrscheinlich für den letzten auf die Schulter klopfen. (Lacht)

Danke für die Anfrage und bleibt gesund, bis bald.

Project by Daria Tessa and Daniela Vorndran, Interview by Daria Tessa
Pictures by Muhme Photography(
https://www.facebook.com/muhme.photgraphy/)

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