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Overtime Krimi mit Happy End

Mit 93:82 gewinnen wir am Samstagabend nach Verlängerung in einem wahren Krimi in Braunschweig. Durch den Sieg befinden sich die MLP Academics Heidelberg mit den Niedersachen in der Tabelle jetzt auf Augenhöhe und sammeln wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt. Aus einer geschlossenen Mannschaftsleistung ragen besonders Brekkott Chapman, Topscorer der Partie und Kelvin Martin, der unglaubliche acht Steals sammelte, heraus. 

Die Schützlinge von Coach Ignjatovic fuhren ohne Keith Wright in den Norden. Er machte sich Mitte der Woche auf den Weg nach Frankreich, um sich dort der Mannschaft von Stade Rochelais Basket anzuschließen. Zudem hatte sich Niklas Würzner beim letzten Spiel gegen Crailsheim verletzt und auch Osasumwen Osaghae ist noch nicht ganz einsatzfähig  gewesen. Den Heidelbergern fehlten also gleich drei Stammkräfte. Zu allem Überfluss war auch Albert Kuppe unter Woche im Training umgeknickt, weshalb auch hinter seinem Einsatz ein Fragezeichen stand.

All das waren sicherlich nicht gerade förderliche Umstände, um einen Sieg in der Ferne zu erringen. Da kam es nicht ungelegen, dass der Neuzugang der Löwen, Arturs Zagars, der für den verletzten Robin Amaize nachverpflichtet wurde, ebenfalls noch nicht auflaufen konnte.

Der Start verlief verheißungsvoll und man schien offensiv an die starke Leistung aus dem Crailsheim-Spiel anknüpfen zu können. Nach zweieinhalb Minuten hatten die Gäste zehn Punkte erzielt und konnten wenig später durch Kelvin Martin auf 13:5 erhöhen. Jesus Ramirez, der Trainer der Gastgeber, der im weiteren Verlauf des Spiels noch im Zentrum des Geschehens stehen sollte, hatte genug gesehen und bat zum Gespräch.

HEIDELBERG GIBT DEN TON AN

Im Vorbericht zum Spiel war die Freiwurfschwäche der Löwen thematisiert worden. Wie zum Beweis verfehlten die ersten beiden Versuche auch prompt ihr Ziel. Leider konnten die Academics hieraus kein Kapital schlagen, da sie den Rebound nicht sichern konnten und in der Folge zwei Punkte durch einen Korbleger kassierten. Die Gäste waren dennoch die tonangebende Mannschaft und schienen Herr der Lage zu sein. Nach einem schönen Alleyoop Anspiel durch Friederici auf Chapman folgte jedoch ein 7:0 Lauf der Gastgeber, der den Spielstand auf 18:16 (noch 1:23 Minuten im ersten Viertel waren zu spielen) stellte.

Dieses mal hatte Ignjatovic genug gesehen und hatte Redebedarf. Dem zwischenzeitlichen Ausgleich, ließ Max Ugrai einen Dreier folgen, der den 21:18 Viertelstand herstellte. Ähnlich wie in der Partie gegen die Crailsheim Merlins machte sich das Gefühl breit, dass die Führung nach dem ersten Viertel durchaus hätte höher ausfallen können, gar müssen.

ES BLEIBT SPANNEND

Das zweite Viertel begann erneut vielversprechend. Es war Phillipp Heyden vorbehalten, die ersten vier Punkte dieses Spielabschnitts zu erzielen. Er wusste seine körperlichen Vorteile zu nutzen, zumal Owen Klassen foulbelastet die meiste Zeit der ersten Halbzeit von der Bank aus verfolgen musste. Doch in der Defensive schlichen sich zunehmend Unkonzentriertheiten ein und auch in der Offensive stockte der Motor ein wenig. Wurde ein freier Wurf herausgespielt, so wurde dieser zu oft verweigert, um dann einen schwierigeren Abschluss zu versuchen. Solche Zweifel scheinen den Schützen der Braunschweiger fernzuliegen.

So drückten Sehnal und Peterka jeweils trocken von jenseits der Dreierlinie ab und stellten den aus Heidelberger Sicht unnötig knappen 43:40 Halbzeitstand her. Interessant: die Dreierquote der Löwen betrug zur Halbzeit 43% und war somit höher als die Freiwurfquote, die bei lediglich 40% lag.

Es dauerte mehr als zwei Minuten, bis die ersten Punkte in der zweiten Halbzeit fielen. Wieder war es Heidelberg, diesmal in Person von Kelvin Martin, der mit einem erfolgreichen And-1 wieder ein Polster von sechs Punkten herstellen konnte. Eventuell hat Coach Ignjatovic Jordan Geist in der Halbzeitansprache daran erinnert, dass er die offenen Würfe nehmen darf und soll. Wesentlich entschlossener wirkte zumindest, was Geist nun zeigte. Zwei erfolgreichen Dreier in Serie – Fortuna war beim zweiten zur Stelle – folgte auch das vierte Foul von Owen Klassen, der erneut auf der Bank Platz nehmen musste.

500 ZUSCHAUER GEGEN DREI UNPARTEIISCHE

Der Lauf der wie entfesselt aufspielenden Academics nahm kein Ende. Lowery erhöhte per Dreier auf 56:43 und Kelvin Martin räumte David Krämer bei dessen Dunk-Versuchs spektakulär ab. Jesus Ramirez, der bereits ein technisches Foul auf seinem Konto hatte, rastete an der Seitenlinie aus und suchte die Schuld bei den Unparteiischen. Die Folge war sein zweites technisches Foul und damit einhergehend der Verweis aus der Halle.

Es ist schwer zu beurteilen, ob es der Frust über die eigene Leistung war oder tatsächlich das Gefühl, von den Schiedsrichtern benachteiligt zu werden. Die 500 Zuschauer hatten ihre Schuldigen jedoch, ähnlich wie Ramirez, ausgemacht. Laute „Schieber“ Rufe kamen von den Rängen und heizten auch die Stimmung auf dem Feld auf. Ganz spurlos ging die Atmosphäre wohl nicht an den Schiedsrichtern vorbei, denn es schien, dass den Löwen nun deutlich mehr Härte zugestanden wurde als den Academics. Doch das allein kann nicht erklären, was sich in der Folge auf dem Feld ereignete. Die 19- Punkte Führung schmolz noch im dritten Viertel in weniger als zwei Minuten auf neun Punkte, um dann zu Beginn des vierten Viertels mit einem weiteren 6:0 Lauf auf drei Punkte zusammenzuschrumpfen.

DIE WENDE?

Auf der Anzeigetafel leuchtete weiterhin eine Heidelberger Führung, doch die wenigsten hätten wohl in diesem Moment noch auf einen Sieg der Gäste gesetzt. Das Momentum war gekippt. Folgerichtig wechselte dann die Führung auch erstmals in diesem Spiel. Mit einem Dreier sorgte Sehnal für das zwischenzeitliche 64:63 für die Löwen. Vier Minuten lang blieben die Kurpfälzer in diesem Viertel ohne weiteren Korberfolg, ehe ausgerechnet Kelvin Martin per Dreier wieder ein Lebenszeichen gab. Doch die Gastgeber setzten sich weiter ab und sahen beim 73:66 (28. Minute) wie der sichere Sieger aus.

Nachdem jedoch David Krämer, er wurde bereits wegen Floppings ermahnt, erneut zu leicht zu Fall kam, konnten die Heidelberger mit einem Freiwurf und einen erfolgreichen Dreier entscheidend auf ein One-Possession-Game verkürzen. Leon Friederici, vor wenigen Wochen an den Neckar gewechselt, ist für diese Momente gemacht. Nicht alles gelang ihm an diesem Abend. Doch es zeichnet ihn aus, dass er weiter an sich und seine Wurfqualität glaubt. Mit einem weiteren Dreier stellte er bei noch 55 Sekunden zu spielen, den wichtigen Ausgleich her.

ERSTE VERLÄNGERUNG IN DER EASYCREDIT BASKETBALL BUNDESLIGA

Nachdem Tookie Brown seinen Korbleger im folgenden Angriff nicht im Korb unterbringen konnte, war somit plötzlich die Chance da, das Spiel erneut zu drehen. Doch auch dieser Angriff blieb ohne Erfolg. An Dramatik war das Spiel nun endgültig nicht mehr zu überbieten. Quasi mit der Schlusssekunde stellte Ondrej Sehnal im folgenden Angriff das 75:73 her. Der Sieg? Noch nicht. Es waren immerhin noch 1,1 Sekunden zu spielen. Auszeit Heidelberg.

Würde man versuchen, mit einem Dreier direkt auf Sieg zu gehen? Oder war die Devise, sich in die Overtime zu retten? Ignjatovic entschied sich für die sicherere Variante und zeichnete ein Play auf, welches Kelvin Martin direkt unter dem Korb finden sollte, und es auch tat. Ausgleich, Verlängerung. Das Momentum war nun endgültig gekippt und die Gegenwehr der Gastgeber gebrochen. Mit 18:7 gehen die fünf Extraminuten an die MLP Academics Heidelberg. Im Hinblick auf einen möglichen direkten Vergleich am Ende der Saison ein auch der Höhe nach wichtiger Erfolg.

Für Heidelberg scorten: Chapman (23), Martin (20), Geist (15), Lowery (8), Ely (8), Heyden (8) & Friederici (8).

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Jesús Ramírez (Basketball Löwen): Glückwunsch an Heidelberg, sie haben den Sieg zu 100 Prozent verdient. Sie haben ihr Spiel gespielt und wir nicht. Und auch der letzte Spielzug von ihnen in der regulären Spielzeit war sehr gut und deshalb sind sie in die Verlängerung gekommen. Da waren sie frischer als wir und Heidelberg hatte erfahrenere Spieler, was sich bemerkt gemacht hat. Ich möchte mich für mein Verhalten entschuldigen. Es war ein Resultat meiner Frustration, dass wir keinen Respekt erhalten und seltsame Pfiffe gegen uns bekommen. Aber diese Frustration darf keine Ausrede für mein Verhalten sein. An dieser Stelle muss ich aber auch sagen, dass ich sehr stolz darauf bin, wie die Mannschaft nach meiner Disqualifikation reagiert hat. Wir haben dann den Gameplan verfolgt, die Körpersprache der Spieler war da und die Jungs waren offensiv wie defensiv bereit. Ich frage mich nur, weshalb wir das nicht von Beginn an gezeigt haben. Abschließend möchte ich darauf eingehen, was ich gesehen habe. Ich habe gesehen, dass unsere Spieler Verwarnungen für Flopping erhalten haben und das wurde dann später auch als technisches Foul gepfiffen. Das ist in Ordnung und korrekt. Es ist allerdings nicht ok, dass dies bei uns gepfiffen und das gleiche Vergehen auf der anderen Seite nicht geahndet wird. Das ist auch in anderen Spielsituationen passiert und ich verstehe nicht, warum hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Es soll keine Ausrede dafür sein, dass wir verloren haben. Aber der Respekt, den wir von den Offiziellen bekommen, ist nicht derselbe, den der Gegner bekommt. Und darüber müssen wir reden.“

Branislav Ignjatovic (MLP Academics Heidelberg): „Ich bin sehr erleichtert und glücklich, dass wir gegen so einen starken Gegner wie Braunschweig auswärts gewonnen haben. Kompliment an Braunschweig und den Coach, die eine tolle Mannschaft zusammengestellt haben. Es ist kein Zufall, dass sie schon so früh in der Saison sechs Siege haben. Sie spielen in den letzten anderthalb Monaten sehr erfrischenden Basketball und ich genieße es, jedes Spiel von Braunschweig live im TV zu sehen. Wir wollten Braunschweigs Transition stoppen und sie in Setplays zwingen und hatten da auch Vorteile. Das hat lange Zeit geklappt. Und dann geschah, was man als erfahrener Coach schon oft erlebt hat. Der Headcoach musste mit zwei technischen Fouls die Halle verlassen und plötzlich befreite sich die offensive Braunschweiger Power. Wir haben dann angefangen nachzudenken und einen 16:0-Lauf kassiert. Den kann ich mir nicht so einfach erklären. Aber wir waren in einer fast aussichtslosen Situation und ich würde lügen, wenn ich sage, wir hätten das letzte Play vorbereitet. Es war improvisiert und es hat funktioniert. In der Verlängerung hat man gesehen, dass wir erfahrenere Leute auf dem Spielfeld hatten und das war der Grund, weshalb wir gewonnen haben.“

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