Auf „All the Others“ sind viele persönliche Einflüsse zu hören. Welche Geschichten und Charaktere haben dich bei der Entstehung dieses Albums besonders inspiriert und wie hast du sie musikalisch umgesetzt?
Da jedes einzelne Stück einem besonderen Charakter aus Filmen, Serien oder Büchern gewidmet ist, würde es wohl etwas ausschweifen, auf alles einzeln einzugehen. Das kann man alles im Booklet meines Albums nachlesen. Um ein Beispiel zu nennen gibt es da aber z.B. „Kaonashi“, zu deutsch das „Ohngesicht“ aus Hayao Miyazakis magischem Klassiker „Spirited Away“.
Das Ohngesicht ist eine mystische, etwas unheimliche und mächtige Gestalt, die sich im Laufe des Films wie ein exaktes Spiegelbild zu seinen Mitmenschen verhält, da es quasi keinen eigenen Charakter besitzt. Die ihm gierig begegnen, indem sie es bestechen und dafür reich belohnt werden wollen, frisst es letztendlich auf, während es Chihiro, dem Hauptcharakter und einem liebevollen, klugen Mädchen, hilft und ihm genau so kindlich und unvoreingenommen beiseite steht.
Dieser Charakter dient wie ich finde als äußerst interessante Metapher auf unsere ganze Gesellschaft.
Diese Ambivalenz habe ich in meinem Stück musikalisch durch sich plötzlich abwechselnde, lyrische sowie konfuse, schmetternde Passagen dargestellt.
Das Album zeigt eine beeindruckende Vielfalt an Klängen und Stilen. Wie bist du bei der Auswahl der Instrumente und der Arrangements vorgegangen, um diese Vielfalt zu erreichen?
Das Quartett mit einer Gitarre zu erweitern war ein langjähriger Wunsch von mir, da dieser Sound, sofern ihn gute Leute bedienen, nochmal ganz andere Räume aufmacht. Den Sound eines Akkordeons, und zwar nicht nur im Tango Kontext, habe ich auch schon lange geliebt; es bringt für mich eine ganz besondere Melancholie in den Bandsound, vor allem bei den beiden Stücken, bei denen ich es eingesetzt habe.
Mit Friedrich Paravincini habe ich dazu noch einen Musiker kennengelernt, der gefühlt alle Instrumente spielt. Ich habe ihm relativ viel Freiraum gegeben, wie er mit den Stücken und seinen verschiedensten Tasteninstrumenten umgeht.
Auf stilistischer Ebene habe ich auf meine vielfältige Ausbildung zurückgegriffen und ein sehr breites Abbild aus Jazz, Klassik aber auch dem Singer-Songwriter Genre darstellen wollen, da sich die beschriebenen Charaktere auch so sehr voneinander unterscheiden.
Deine Bandkollegen spielen eine entscheidende Rolle bei deinem musikalischen Erfolg. Wie ist die Zusammenarbeit mit Niklas Roever, Jakob Obleser, Leo Asal, Ella Zirina und Zuza Jasinska entstanden und wie hat sie sich im Laufe der Zeit entwickelt?
Niklas, Jakob und Zuza habe ich im Bundesjazzorchester kennengelernt, Leo in der Kölner Jazzszene und Ella habe ich mehr oder weniger durch ihre Zusammenarbeit mit Musiker*innen, die ich bewundere, entdeckt und auf Instagram angefragt. Meine Quartett-Kollegen sind mittlerweile zu sehr engen Freunden geworden, was natürlich mit allen anderen auch noch geschehen kann.
Egal wie eng man aber neben der Bühne miteinander ist, eine intime und tiefgründige Art zu musizieren kann glaube ich nur dann entstehen, wenn man auch die Charaktere der einzelnen Personen versteht und ungefiltert mit ihnen umgehen kann. Denn, so abgedroschen es klingt, man spielt letztendlich immer sich selbst.
Deine Musik vereint Elemente der klassischen Musik und des Jazz. Welche klassischen Komponisten haben dich besonders beeinflusst und wie hast du ihre Werke in deine eigene Musik integriert?
Ich bin ja als Sohn zweier klassischer Musiker*innen aufgewachsen und kam so mit fast vielen Musikepochen der letzten Jahrhunderte in Kontakt. In den letzten zwei Jahren habe ich mich aber besonders mit der Musik, die in Europa zwischen 1880 und 1930 entstand, befasst. Ganz besonderes inspiriert haben mich dabei die Kompositionen von Gustav Mahler, Maurice Ravel, Claude Debussy und Alexander Skriabin.
Da diese bereits mit sehr komplexer Harmonik gearbeitet haben, wie man sie später vor allem auch im Modern Jazz wiederfindet, war es gar nicht so schwer, diese Einflüsse dort herein zu integrieren. Schwerer war es da eher, dramaturgisch einen Brücke zu schlagen; zwischen der im Jazz so oft verwendeten Liedform, über die minutenlang improvisiert und einem symphonisch-epischen, genau geplanten und ausgeschriebenen Aufbau eines Stücks. Diese Brücke kann man am ehesten im Song „Tano“ hören.
Die Filmwelt scheint dich ebenfalls zu inspirieren. Welche Filme oder Serien haben einen besonderen Einfluss auf deine Kompositionen?
Ich bin ein riesiger Star-Wars Fan, deswegen habe ich das Stück, welches den dramaturgischen Höhepunkt des Albums darstellt „Tano“, dem Star-Wars Charakter „Ashoka Tano“ gewidmet. Diese kommt allerdings nur in den Star-Wars Serien vor, deswegen werden die Film-Puristen sie gar nicht kennen.
Außerdem bin ich ein riesiger Fan der japanischen „Studio Ghibli“ Animationsfilme von Regisseur Hayao Miyazaki, hier war es auch schwer, sich für einen Charakter entscheiden zu müssen.
Die animierte Serie „Avatar-The Last Airbender“ hat ebenfalls einen großen Platz in meinem Herzen, insbesondere die Mentorenfigur „Iroh“, der ich ein ganz intimes Stück mit wunderschönem Text und Gesang von Zuza Jasinska gewidmet habe.
Deine Musik erzählt Geschichten. Wie wichtig ist es dir, dass deine Zuhörer eine emotionale Verbindung zu deinen Kompositionen aufbauen?
Egal wie komplex oder intellektuell Musik ist, was sich am Schluss im Hörer festsetzt sind immer die Emotionen, die man mit ihr verbindet. Deswegen ist aus meiner Sicht eine emotionale Verbindung zur Musik, die man hört, das Ein und Alles.
“Vasudeva“Dieser Titel ist eine Hommage an Hermann Hesses Siddhartha. Was hat dich an dieser Geschichte so fasziniert und wie hast du sie musikalisch umgesetzt?
Ich habe in den letzten Jahren angefangen, mich vermehrt mit Spiritualität sowie der Rolle von Religionen dabei zu beschäftigen. Da hat „Siddharta“ perfekt in diese Kerbe geschlagen und mich daher langfristig fasziniert und inspiriert. Das Buch ist nämlich, anders als viele von ihm denken bevor sie es gelesen haben, kein Lobgesang auf den Buddhismus sondern eher eine umfassende Religionskritik oder -reflektion.
Die Blaupause dieser Geschichte stellt wahrscheinlich der Fährmann „Vasudeva“ dar, ein alter Mann ohne weltliche Besitztümer, der jedoch im puren Glück ist, da er eine einfache, ihn erfüllende Aufgabe gefunden hat und mit sich selbst komplett im Reinen ist. Ihm habe ich also diese sehr ruhige, warme, unaufgeregte Ballade gewidmet.
“Kauai’o’o“ Das Stück thematisiert den Verlust einer Vogelart. Wie bist du auf dieses Thema gekommen und welche Botschaft möchtest du damit vermitteln?
Dieses Stück hat tatsächlich mein Pianist Niklas Roever geschrieben. Es basiert auf dem Ruf der ausgestorbenen Vogelart von der Hawaiianischen Insel Kauai. Niklas hat hier seine Einflüsse des französischen Komponisten Olivier Messiaen, der selbst auch Ornithologe war, nicht versteckt und viele seiner harmonischen Klangfarben benutzt.
Die Botschaft gegen das nach wie vor fortlaufende, durch den Menschen verursachte, Artensterben liegt natürlich auf der Hand.
Wie hat sich dein musikalischer Stil seit deinem Debütalbum „Opening“ weiterentwickelt?
Ich habe sehr viel mehr verschiedene Musik in der Zwischenzeit kennengelernt und dadurch meinen Horizont erweitern können. Ich würde sagen, dass vor allem die klassischen Einflüsse in meinen Kompositionen noch stärker hörbar sind. Aber es haben auch viele andere Genres ihren Platz in meiner Musik gefunden, auch wenn vielleicht etwas subtiler.
Welche Rolle spielt Improvisation in deiner Musik?
Eine Riesige! Improvisation ist für mich die einzige Möglichkeit, wirklich uns selbst spontan in der Musik ausdrücken zu können. Früher hat man das auch klassische Musiker*innen im Studium gelernt, das ist leider verloren gegangen. Das finde ich extrem schade und einen großen Mangel in einer „künstlerischen“ Ausbildung. Außerdem habe ich das Gefühl, wenn man einmal wirklich musikalisch improvisiert und im Moment etwa mit anderen auf der Bühne kreiert hat, will man aus dieser Welt nie mehr zurück.
Wie wichtig ist es dir, live aufzutreten und mit deinem Publikum zu interagieren?
Studioaufnahmen sind auch cool, aber ich habe das Gefühl, die wirklich besonderen Momente sind mir bisher vor allem dann passiert, wenn gerade kein Tonband mitlief und man auf einer viel zu engen Bühne eines alten, stickigen Jazzclubs, umzingelt vom Publikum, seine Musik spielt. Live aufzutreten und mit der Energie des Publikums zusammen etwas zu kreieren ist das, wofür wir Musiker wirklich gemacht sind.
Welche Rolle spielt die Technologie in deiner Musikproduktion?
Ich muss leider zugeben, dass ich mich noch viel zu schlecht mit der technologischen Seite in der Musik auskenne. Da ich aber immer ein Verfechter von stetigem Fortschritt in der Kunst und Musik sein werde, sollte ich das mal schleunigst ändern. Denn in Zeiten von komplexester Technologie und Künstlicher Intelligenz ist es fast schon ignorant, diese Faktoren nicht längerfristig auf irgendeine Weise in progressive Musik einzubeziehen.
Welche musikalischen Ziele hast du für die Zukunft? Gibt es bestimmte Projekte oder Kooperationen, die du dir wünschst?
Ich will mich so gut es geht weiterbilden und so gut in dem werden, was ich mag, dass ich ohne schlechtes Gewissen jegliche Musiker*innen für Projekte anfragen kann, zu denen ich momentan noch stark aufschaue.
Was möchtest du mit deiner Musik ausdrücken und welche Botschaft möchtest du an deine Zuhörer vermitteln?
Das wichtigste, was ich bezüglich Musik hören in den letzten Monaten gelernt habe ist, sie als komplett unbeschriebenes Blatt wahrzunehmen und ihr so offen wie möglich zu begegnen. Dazu gehört auch, mal ein Stück welches einem zunächst vielleicht noch nicht zusagt, bis zum Ende zu hören um seine eventuelle Entwicklung und wirkliche Aussage mitzubekommen. Mit unseren Erwartungshaltungen an das, was wir hören, stehen wir uns als Konsumenten aber auch als Spieler sehr oft selbst im Weg.
Aber was fast noch wichtiger ist: Nicht zu viel nachdenken beim Hören sondern versuchen, alles so weit es geht mit dem Bauch und Herz wahrzunehmen. Und dann ist es auch völlig okay, wenn einem etwas nicht gefällt.

Jakob Bänsch
All The Others
Label: Jazzline
VÖ: 28.02.2025
Genre: Jazz
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Ich möchte mich noch einmal ganz herzlich für das informative und inspirierende Interview bedanken. Deine Leidenschaft für die Musik und deine detaillierten Erklärungen haben mich sehr beeindruckt.
„All the Others“ ist ein beeindruckendes Werk, das mich tief berührt hat. Ich bin gespannt, wie sich deine musikalische Reise weiterentwickeln wird. CK



