Samstag 28. Februar 2026

Zwischen Krise und Klang: Christoph Letkowski über sein persönlichstes Album #seltensogelacht 

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Dein Album trägt den Titel #seltensogelacht – ein Satz, der sowohl Ironie als auch Erleichterung transportieren könnte. Wie kam es zu diesem Titel?

Erst wollte ich das Album „Zurück aus dem Krieg/der Angst und selten so gelacht nennen, da ich anfangs ein Doppelalbum plante. Mit der Doppelalbum-Idee ging auch die Doppeltitel-Idee und es blieb „selten so gelacht“. Erst im Zuge der Crowdfunding Kampagne setzte ich zufällig ein „#“ vor das selten und schon hatte ich die Idee, den gesamten Ausdruck wie einen Kommentar stehen zu lassen. Denn das ist es: ein Kommentar zu den letzten sieben Jahren. In vielerlei Hinsicht.

Du sagst, das Album sei dein persönlichstes Werk. Gab es einen bestimmten Moment, in dem du wusstest: Jetzt muss ich diese Songs schreiben?

Ich hatte eine längere Schreibblockade und wollte kein aggressives Punkrockalbum machen…,- ich wollte Wörter und Melodien finden, die bestimmte Zustände und Situationen zugleich konservieren, belegen als auch verarbeiten sollten. Dazu musste ich irgendwie noch etwas reifen, schien mir. „Der halbe Weg“ war der erste Song nach einer langen Pause. Wie eine Befreiung. Dann ging wieder schneller und leichter von der Hand.

Viele der Texte wirken wie Reflexionen über Krisen und persönliche Herausforderungen. Wie schwer oder befreiend war es, diese Themen in Musik zu verwandeln?

Ich habe das Privileg, wie ich finde, die Themen auf künstlerische Art zu verarbeiten bzw. verarbeiten zu können. Gitarre spielen und Texte schreiben ist außerdem wesentlich gesünder, als langfristig dem Alkohol oder auch körperlicher Gewalt zu verfallen. Gerade im Familienrecht sehe ich so viel Leid auf allen Seiten, dass ich froh war, diese musische Fähigkeit früh erlernt zu haben. Ohne begleitende Therapien hätte ich es dennoch nicht geschafft durch diese brutalen Zeiten. Am Ende freue ich mich immer sehr über Zuschriften und Kommentare von Hörer:innen, denen meine Musik Mut und Hoffnung macht. Mehr geht in meinen Augen nicht. 

Deine Songs sind emotional tief-gehend, aber musikalisch oft hoffnungsvoll. Wie gelingt es dir, diese Balance zwischen Melancholie und Optimismus zu finden?

Das weiß ich ehrlich gesagt nicht genau. Ich kalkuliere die Songs nicht. Letztlich habe ich vieles der musikalischen Handschrift abgegeben an Thomas Moked Blum, einen engen Freund und begnadeten Multiinstrumentalisten. Diese Mischung zwischen uns macht da ganz viel im endgültigen Sound von #seltensogelacht. Inhaltlich versuche ich immer, einen kleinen Bogen zu spannen. Am Ende kann ja ein melancholisches Ende auch ein optimistisches sein, oder? 

Du hast das Album während langer Fahrten auf der A24 geschrieben. Wie beeinflusst das Unterwegssein dein Songwriting?

Das Gefühl, mit Ende dreißig, Anfang vierzig kein Zuhause mehr zu haben und für dein Kind immer zwischen den Orten zu pendeln ist bei aller Liebe auf Dauer sehr mürbe machend. Dieser Prozess ist schleichend. Irgendwann habe ich gemerkt, dass meine emotionalen und energetischen Puffer aufgebraucht waren. So begann irgendwann die Panik einzuziehen in mein Leben. Und die Verlustangst. Am Anfang waren es Songs wie „Unterm Strich“ oder „Blinder Passagier“, die noch recht hoffnungsvoll das Gefühl von „against all odds“ inne hatten. Doch irgendwann wurde ich entsprechend poröser und anfälliger für äußere Einflüsse und meine Machtlosigkeit innerhalb meiner väterlichen Lebenssituation. Manchmal fehlte dann einfach der Mut und die Hoffnung. Songs wie „Fern von allem“ beschreiben das dann ganz gut. Im Nachhinein hätte ich ne Spedition gründen können zwischen Lübeck und Berlin. Mach ich vielleicht das nächste Mal.

In Provinz singst du über die Versachlichung einer Herzenssache. Was steckt hinter diesem Song und wie politisch ist deine Musik?

Der Song beschreibt für mich die erlebte und leider allgemein gültige Familienrechtssituation in diesem Land. Ich habe versucht, all die beteiligten, teils leider schwer inkompetenten Figuren, die bei Gericht involviert sind, in einen Song zu integrieren. Ohne dem Mitwirken von Pädagog:innen wird oft völlig beliebig und ohne Blick auf ein Kind entschieden und gewaltet. Ich nenne diesen Vorgang staatlich subventionierten Machtmissbrauch. In all den Jahren habe ich unzählige Eltern und Kinder getroffen, die unter solchen und ähnlichen Personen leiden oder traumatisiert worden sind. So auch ich. Mit „Provinz“ wollte ich meinen Frieden mit dieser Situation und diesen Menschen machen. Politisch ist meine Musik vielleicht insofern, als dass ich gerne an die Selbstwirksamkeit und die Eigenverantwortung für ein friedliches und gerechtes Miteinander erinnern möchte. 

Mit Der halbe Weg thematisierst du Beziehung und Grenzen. Welche Erkenntnis hat dich beim Schreiben dieses Songs am meisten überrascht?

Dass es machmal notwendig ist, sich umzudrehen und zu gehen, bevor du an einer Beziehung zerbrichst.

Du hast mit Produzenten wie Swen Meyer und Jens Schneider zusammengearbeitet. Wie haben sie deine musikalische Vision erweitert?

Swen Meyer kommt aus der glorreichen Kettcar- und Tomtezeit, wenn man das überhaupt so sagen kann? Er hat viel von deren Sound mit erschaffen und mich dadurch musikalisch geprägt. Auch hat er dann später die Von Eden – Platte gemischt. Dieses Mal wollte ich einfach mal konzentrierter mit ihm arbeiten und habe den Hauptanteil bei ihm in Hamburg aufgenommen. Er lässt alles sehr gut laufen und schafft dabei eine besondere und entspannte Atmosphäre. Jens Schneider ist ein guter Freund und ein – wenn ich so sagen darf – sehr intuitiver und entscheidungsstarker „Hitproduzent“. Diese Mischung der beiden tut dem Sound der Platte sehr gut, finde ich. 

In Deutschland wird Pop oft missverstanden. Wie würdest du deinen Sound beschreiben, und welche Einflüsse haben dich geprägt?

Ich habe im Vorfeld viel „the war on drugs“ und „gang of youths“ gehört. Ausschläge und musikalische Zitate zu diesen Bands sind dadurch sicher vorhanden und auch ganz bewusst gewählt. Deutscher Pop ist per se nicht missverständlich, finde ich. Wichtig ist mir beim Hören nur, dass etwas passiert im Song, dass etwas riskiert wird, fern ab von bekannten Strukturen und Hörgewohnheiten. Dieser Ansatz ist herausfordernd und bietet gleichzeitig unzählige Möglichkeiten beim Kreieren. Manche Hörer:innen beschreiben meine Songs gerne mit „eine gewisse Portion Indiepathos“. Das finde ich irgendwo ganz schmeichelnd. 

Am Ende von Der Junge an deiner Tür hört man dich atmen – ein intimer Moment. Was bedeutet dieses Finale für dich?

Der Song ist mir im Prozess der Entstehung der Platte nochmal anders ans Herzen gewachsen. Die letzten Zeilen habe ich im Studio noch kurzfristig geändert. „So allein an deiner Tür führt kein Weg an ihm selbst vorbei.“ ist in gewisser Weise die Schlusspointe. Wenn auch keine neue. Aber vielleicht gerade jetzt wichtiger, denn je: In Zeiten der Bildung eines anderen Männerbildes, wo Emotionen eine reale und wichtige Währung sind im Umgang miteinander und unseren Kindern. In gewisser Weise geht es mir sehr darum, wie wir unsere Söhne begleiten und befähigen und welche Vorbilder wir dabei schaffen.

Christoph, vielen Dank für das offene Gespräch und die Einblicke in dein neues Album. Deine Musik zeigt, wie aus persönlichen Herausforderungen etwas Kraftvolles und Schönes entstehen kann. Wir freuen uns darauf, #seltensogelacht zu hören und wünschen dir viel Erfolg auf dieser Reise! CK

LETKOWSKI – Bild © by Stefanie Schmid Rincon

Letkowski
#seltensogelacht

Label: Motor Entertainment
VÖ: 23.05.2025
Genre: Pop
Bei iTunes kaufen

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