Zwischen Dorfleben, Krankenpflege und Indie-Pop mit Punk- und Rap-Einflüssen: Siggi ist einer dieser Künstler, die nicht nur Songs schreiben, sondern ganze Geschichten aus dem Alltag destillieren. Ob über toxische Männlichkeit, Sehnsucht, Sucht oder den eigenen Beruf – Siggis Texte sind ehrlich, direkt und berührend. Mit seiner EP „Wovon träumst du eigentlich?“ hat er 2024 gezeigt, dass verletzliche Ehrlichkeit in Musik eine unglaubliche Stärke sein kann.
Nun geht es mit seiner „Alles darfst du lieben Tour 2025“ auf die nächste große Etappe. Am 01.10.2025 macht Siggi Halt im Nachtleben, Kurt-Schumacher-Straße 45, 60313 Frankfurt. Ein Abend, den man sich nicht entgehen lassen sollte.
Wir haben mit Siggi über Dorfleben, Krankenpflege, Musik und Zukunftspläne gesprochen.
Siggi, deine Songs sind oft sehr persönlich und handeln von Themen wie toxischer Männlichkeit, Sehnsucht oder deinem Berufsalltag. Wie gelingt es dir, aus diesen teils schweren Themen so zugängliche Musik zu machen?
Ich glaube das Musik, oder generell Kunst, ein gutes Ventil ist, um alles rauszulassen was einen beschäftigt, und das können natürlich auch schwere Themen sein. Oft mag ich dann auch den Kontrast zwischen leichter Musik und melancholischem Thema, das passt irgendwie nicht zusammen aber es ist halt eben traurige Tanzmusik.
Du arbeitest in einer Psychiatrie – wie stark beeinflusst dich dieser Job als Krankenpfleger beim Songwriting?
Ich liebe quasi beide Seiten meines Berufslebens. Auf der einen Seite mache ich was ich liebe und stehe auf Bühnen und bin in ganz Deutschland unterwegs und darf diese ganzen schönen Sachen erleben und auf der anderen Seite arbeite ich in einem ganz normalen Job und habe den gleichen Struggle mit Schichtarbeit und Unterbesetzung, wie jede andere Pflegekraft in Deutschland auch. Das ist schon extrem anstrengend aber es gehört halt auch beides zu meiner Identität und daher ist natürlich in dem Krankenpfleger Siggi auch ein bisschen der Künstler, und in dem Künstler wahrscheinlich auch ein bisschen der Krankenpfleger.
Dein Song „Kaff“ ist fast schon eine romantische Hymne ans Dorfleben. Was bedeutet dir dein Heimatort – Fluchtpunkt oder kreative Tankstelle?
Ich liebe das schon sehr. Ich bin hier aufgewachsen und fühle mich hier einfach sehr wohl, auch wenn ich es liebe durch Städte zu reisen und Konzerte zu spielen, oder Freund*innen zu besuchen, aber nach ein paar Tagen Tour hierher zurückzukommen und einfach Stille zu haben ist überragend. Ich glaube dauerhaft Großstadt wäre nicht so gut für meinen Kopf.
In deiner Musik vereinst du Indie-Pop mit Rap- und Punk-Elementen. Wie würdest du deinen Sound selbst beschreiben – und wohin entwickelt er sich gerade?
Ich tue mich immer sehr schwer das in irgendeine Schublade zu stecken und fühle mich
manchmal wie ein Hochstapler wenn ich mich einem Genre zuordnen möchte, weil da so viele andere tolle Künstler*innen sind, mit denen ich mich gar nicht vergleichen möchte. Ich glaube der Sound ist eine Mischung aus allem was mich bis zur Aufnahme beeinflusst und geprägt hat, und so entwickelt sich der Sound auch immer weiter. Wenn die zwanzigste Platte klingt wie die erste, das wäre doch langweilig.
Mit Songs wie „Halt dein Maul“ sprichst du sehr direkt Themen wie rückschrittliche Männlichkeitsbilder an. Ist es dir wichtig, dass Musik auch gesellschaftlich etwas bewegt?
Ich glaube sich mit einem Mikrofon auf eine Bühne zu stellen vor der hunderte, oder gar tausende Leute stehen, und zu sagen das wir Männer mehr weinen dürfen, oder die AfD gottverdammt nochmal gefährlich und scheiße ist, das ist ein riesengroßes Privileg. Und wenn wir als Künstlerinnen dieses Privileg haben, dann sollten wir das auch nutzen, auch wenn das vielleicht bedeutet, dass mir fünf Leute nicht mehr folgen, aber dann ist das auch gut so. Ich würde mir vor allem in der Popmusik mehr wünschen, dass Künstlerinnen öfter den Mund aufmachen.
Deine aktuelle Single „Wenn ich liebe“ ist voller Intensität und Gefühl. Bist du privat auch jemand, der „zu viel fühlt“ – oder ist das eher eine künstlerische Überhöhung?
Ich fühle schon sehr viel, das kann aber auch an meiner ADHS liegen haha. Ich konnte schon immer ganz gut Gefühle in Worte fassen. Wahrscheinlich habe ich deshalb angefangen Songs zu schreiben.
2024 hast du auf großen Festivals gespielt und Künstler wie Herbert Grönemeyer oder Blumengarten supported. Was war dein bislang größter Gänsehautmoment“ auf der Bühne?
Die Herbert Shows waren natürlich schon sehr sehr berührend. Das zu erleben, mit den Freunden die ich liebe, das war richtiges Glück. Aber ich glaube die schönsten Momente sind bisher die gewesen wo du auf der Bühne stehst und siehst, dass Leute die Texte mitsingen oder weinen, weil sie das gerade fühlen. Manchmal kommen nach der Show Menschen auf mich zu und erzählen mir durch was für harte Zeiten sie gehen mussten und dass ihnen dann Songs von mir geholfen haben, nicht durchzudrehen, und das ist einfach richtig, richtig besonders und schön und dafür mache ich das Ganze.
Am 01.10.2025 spielst du im Frankfurter Nachtleben – was dürfen die Fans von deinem Auftritt im Rahmen der „Alles darfst du lieben Tour“ erwarten?
Ich freue mich so sehr auf die Tour und vor allem auf die Städte wie Frankfurt, in denen ich noch nie gespielt habe. Das sich dann trotzdem dort Leute Tickets kaufen ist echt verrückt. Ich habe auf jeden Fall die beste Band, die ich mir wünschen kann mit dabei. Wir haben das erste Mal ein wenig Merch mit und wir haben eventuell auch neue Musik!
Deine Texte wirken oft sehr verletzlich und gleichzeitig kraftvoll. Wie gehst du persönlich damit um, so viel Intimes auf der Bühne zu teilen?
Das ist genau was ich eben meinte, es geht darum das zu teilen. Irgendwann habe ich mich entschieden meine Gefühle, meinen Schmerz, meine Wut, meine Freude in Lieder zu packen und zu veröffentlichen, und ab dem Moment sind die frei und Leute können das für sich beanspruchen und eventuell sagt es genau das, was sie fühlen. Und wenn es ihnen genauso hilft wie mir, dann ist doch alles geil.
Wenn du einen Blick in die Zukunft wirfst: Wo siehst du Siggi in fünf Jahren – im „Kaff“ am Lagerfeuer mit Gitarre oder auf der Bühne eines riesigen Festivals?
Riesiges Festival spielen mit meinen Freunden und dann nach Hause fahren und Lagerfeuer
anmachen und dummes Zeug erzählen.
Lieber Siggi, vielen Dank für deine Offenheit und deine Zeit. Wir wünschen dir für deine bevorstehende „Alles darfst du lieben Tour 2025“, insbesondere für deinen Auftritt am 01.10.2025 im Frankfurter Nachtleben, nur das Beste. Möge dir die Musik auch weiterhin Rückenwind geben – auf allen Wegen und Bühnen. CK
Bild © Siggi



