Eine beißende Ironie durchzieht “Far From Nowhere”, das neue Album der von der Kritik gefeierten Sängerin, Songwriterin und Gitarristin Josienne Clarke. Seit jeher geschätzt für ihre kristallklare Stimme und ihren schonungslosen lyrischen Blick, besitzt Clarke die Fähigkeit, eine kollektive Melancholie heraufzubeschwören. Doch mit diesem Album, aufgenommen in einer abgelegenen Hütte in Schottland, gelingt es ihr, die Barriere zwischen Künstlerin und Zuhörerin vollständig aufzulösen. Entstanden ist ein Werk von bemerkenswerter Intimität und Integrität, in dem Clarke Stille und Verletzlichkeit zulässt. Ursprünglich auf der Suche nach völliger Isolation, hat sie etwas erschaffen, das noch viel tiefgreifender verbindet. Auch aus praktischer Notwendigkeit geboren, ist “Far From Nowhere” ein logischer Schritt und eine trotzige Antwort auf die logistischen und emotionalen Belastungen, die es im Jahr 2025 mit sich bringt, im Musikbusiness zu überleben. “Musik zu machen fühlt sich für mich heute oft wie ein Akt des Rückzugs an“, sagt Clarke. “Die Struktur der Branche erstickt nach und nach den Spirit der Künstlerinnen, raubt ihnen das Selbstwertgefühl, das aus einer fairen Bezahlung für gute Arbeit erwächst – da war es nur folgerichtig, mich in eine Hütte im Wald zurückzuziehen, um dieses Album aufzunehmen.“

JOSIENNE CLARKE
Far From Nowhere
Label: Corduroy Punk
VÖ: 17.10.2025
Genre: Singer-Songwriterin
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Mit Skizzen von Songs, einem Bündel Instrumenten und dem Plan, ausschließlich analog aufzunehmen, kam Clarke für eine Woche in die schottischen Highlands. Gemeinsam mit Murray Collier, der zusammen mit Clarke co-produzierte und das Tonbandgerät bediente, begann die Arbeit. Es gab keinen festen Plan, keine Pre-Production – und dank einer zur Unzeit auftretenden Bronchitis fast keine Stimme in den ersten Tagen. Anstelle von Perfektion tritt Rohheit – die diese fast durchgehend solo aufgenommenen Stücke nur umso schöner macht.
Was dabei entstand – einschließlich des manchmal schmerzhaften Prozesses, eingefangen im begleitenden Kurzfilm “Deluded” unter der Regie von Alec Bowman_Clarke – ist eine Form des Songwritings, die elementar wirkt. Das Album knistert förmlich vor Präsenz: Bandrauschen, schnarrende Saiten, Finger auf dem Griffbrett, gelegentlich ein nicht ganz getroffener Ton oder hörbare Atemzüge. Auch Stille wird zu einer aktiven Komponente, ebenso wie Clarkes markante Stimme und die kargen, aber eleganten Melodien.
Trotz spürbarer Unsicherheit strahlt das Album eine tiefe innere Stärke aus. In 13 Songs bewegt sich Clarke zwischen existenzieller Reflexion, stiller Wut, dunklem Humor und berührender Schönheit. “Tiny Birdʼs Lament” – der erste wirklich reduzierte Moment, begleitet nur von Nylon-Gitarre und sich überlagernden, vogelähnlichen Gesangsspuren – vereint all das. Die Melodie ist wunderschön und doch unheimlich, der Text beschützend und zugleich voller Bedrohung. Auch Stücke wie “Dreams of Sleep”, “The Sucker of Struggle” und “Bushes, Briars & Thorns” sind größtenteils ungeschmückt und bewegen sich in einem luftigen, ätherischen Raum – beeinflusst von der dunklen Seite englischer Folk-Traditionen. Sie wirken so durchdrungen, dass sie trotz der spärlichen Instrumentierung fast symphonisch anmuten.
Thematisch ist das Album weit gefasst, auch wenn der Aufnahmeort minimal war: Es geht um den kreativen Prozess, Identität, Erinnerung und ihre Last, das Echo von Bedauern. Und es gibt sogar einen Ausflug in kulturelle Kritik: “AI Love You” persifliert die Künstlichkeit maschinell erzeugter Kunst. Die klagende Gitarre trifft auf trockenen Text und glitchige Omnichord-Töne, während Clarke in die Rolle eines pedantischen Automaten schlüpft. Es ist klug – und leise gnadenlos. “Ich habe einen Algorithmus in meinem Gehirn entwickelt, genannt Vorstellungskraft, und berechnet, basierend auf dem, was ich weiß und beobachte, was ein Computer an menschlichen Lovesongs auffallen könnte“, sagt Clarke – mit einem Augenzwinkern.
Doch jede Schärfe steht niemals im Widerspruch zum Gefühl. “Afternoon Shadow”, in zehn Minuten geschrieben und in einem Take aufgenommen, ist ein Meisterstück impressionistischer Haptik – getragen von trillernden Vocals und gezupften Akkorden, erschöpft und schwebend zugleich. “In the Dark of the Night” hat die warme Schwere eines honiggoldenen Sonnenuntergangs – mit taumelndem Bass, schimmerndem Tamburin und der leicht fallenden Melodie ihrer Stimme. Das eröffnende “Weʼre Never Coming Back” ist einer der ergreifendsten Songs, die Clarke je geschrieben hat: Ihre Stimme steigt wie Nebel über Drohnen und Arpeggien auf, der Text liest sich wie ein beruhigendes Manifest kreativen Schaffens:
“You already know the answer / To sing / To breathe / To feel for form and formula”
“Genau das können Songs tun: Verbindung im Dunkeln stiften – ein kleiner Lichtfunke sein“, sagt Clarke.
Doch “What Do I Do?”, direkt im Anschluss, stellt das sofort infrage: Wenn alles möglich ist – wo soll man überhaupt anfangen? Mit zuckenden Akkorden und Drum Machine entsteht ein nervöser, innerlich zerrissener Song über kreative Rastlosigkeit, Mutterschaft, Beziehungen – oder alles zugleich. Die Stärke von Clarkes Schreiben liegt in dieser Offenheit: Sie lässt Mehrdeutigkeit stehen und traut dem Gegenüber zu, seinen eigenen Zugang zu finden.
Ihr Gitarrenspiel, das Clarke selbst oft bescheiden beschreibt, ist voller Charakter und Anmut – die Unverfälschtheit betont nur ihre Musikalität. Sie hat offen über ihre Unsicherheiten beim Spielen gesprochen, doch genau dieser Selbstzweifel ist Teil der Kraft des Albums. In ihrer Fingertechnik liegt Klarheit und Ausdruck – sanft, präzise, erzählerisch.
Clarke hat nie gezögert, Fragen zu stellen, auf die es keine einfachen Antworten gibt – und sie gibt sich hier keinerlei Rückzugsraum. In dieser Hinsicht ist “Far From Nowhere” ihr vollständigstes künstlerisches Statement: ein Album, das aus Rohheit Eleganz formt. Auch wenn sie sagt, dass es womöglich nie als klassisches Isolation-Album gelten wird – “Ich habe keinen Einfluss auf die Zeit oder den Kontext, in dem ich erschaffe, und es steht mir nicht zu, mich davon ablenken zu lassen, ob meine Arbeit einmal populär sein wird“ – reiht es sich dennoch ein in die Linie von Bruce Springsteens Nebraska, Bon Ivers For Emma, Forever Ago oder Adrianne Lenkers lo-fi Soloalben.
“Far From Nowhere” spricht mit großer Authentizität – musikalisch auf das Wesentliche reduziert, nicht nur aus praktischen Gründen (auch wenn es ein stilles Plädoyer für Aufmerksamkeit und Unvollkommenheit ist), und niemals als Effekt, sondern aus dem tiefen Bedürfnis nach Wahrheit. So entsteht ein Raum, in dem Clarkes Songs neu atmen dürfen: unperfekt und zerbrechlich, leuchtend und fokussiert zugleich.
Das letzte Stück, “A Slow Burn”, ist Schlusswort und Essenz zugleich: Eine Meditation über Geduld, Ausdauer und den langen Atem eines künstlerischen Lebens. Clarke richtet sich dabei nicht nur an sich selbst, sondern an alle, die zuhören – als stille, offene Ermutigung weiterzugehen, selbst wenn das kreative Feuer nur noch ein Glimmen ist. Diese Geste – wie das Album selbst – ist weniger Aussage als vielmehr eine ausgestreckte Hand.



