Mittwoch 28. Januar 2026

Halestorm & Bloodywood im Schlachthof Wiesbaden – Ein Abend zwischen Donner, Feuer und Revolution

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Wiesbaden bebte. Der Schlachthof, sonst ein Ort für alternative Nächte und Clubshows, verwandelte sich am 22. Oktober 2025 in ein brodelndes Epizentrum aus Wut, Leidenschaft und musikalischer Befreiung. Zwei Bands, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und doch dieselbe Energie teilen – sorgten für einen der intensivsten Konzertabende des Jahres: Bloodywood aus Neu-Delhi und Halestorm aus Pennsylvania.

Bloodywood – Revolution mit Trommel, Flöte und Wut im Bauch

Schon lange bevor das Licht erlosch, war die Spannung spürbar. Ein dichter Nebel lag über der Bühne, die Menge drängte sich erwartungsvoll nach vorn. Als die ersten elektronischen Beats und traditionellen Percussionklänge erklangen, war klar: Bloodywood betreten das Schlachtfeld.

Mit „Gaddaar“ eröffneten sie ihr Set – und es war, als explodierte ein Ventil. Der Schlachthof, prall gefüllt und längst überheizt, verwandelte sich binnen Sekunden in ein Meer aus bangenden Köpfen und erhobenen Fäusten. Sänger Jayant Bhadula, in seiner Mischung aus Growls, Rap und hymnischem Gesang, fauchte seine Zeilen heraus, während Rapper Raoul Kerr die Bühne mit politischem Feuer durchmaß. „This is for everyone who’s had enough of corruption, discrimination, and hate!“ schrie er – und Wiesbaden antwortete mit einem kollektiven Schrei der Zustimmung.

Mit „Jee Veerey“ und „Dana Dan“ zogen Bloodywood die Schraube weiter an. Die Mischung aus brachialen Metalriffs, dröhnenden Dhol-Trommeln und indischen Melodien klang in der Halle wie ein Sturm aus Welten, der Kulturen nicht trennt, sondern verschmilzt. Besonders „Dana Dan“, ein Song über das Aufstehen gegen sexuelle Gewalt, traf tief – die Wut und Hoffnung im Publikum waren beinahe greifbar.

„Bekhauf“ brachte schließlich den emotionalen Höhepunkt der ersten Hälfte: ein Aufruf zur Furchtlosigkeit, getragen von einer Melodie, die trotz der Härte fast hymnisch wirkte. Die Band schien jedes einzelne Publikumsgesicht zu fixieren – und in genau diesem Moment verband sich der politische Anspruch mit echter Empathie.

Mit „Nu Delhi“ bewiesen Bloodywood, dass Revolution auch tanzbar sein kann. Der Groove, der von Schlagzeuger Vishesh Singh und Percussionist Sarthak Pahwa angetrieben wurde, ließ keinen Fuß stillstehen.

Dann „Aaj“ – eine Hymne an den Mut, das Heute zu leben – und das kämpferische „Halla Bol“, bei dem die Menge unisono „Fight back!“ brüllte. Als Abschluss dann „Machi Bhasad (Expect a Riot)“, der Titel, der längst zu Bloodywoods Markenzeichen geworden ist. Wiesbaden tat, was der Song versprach: Es tobte ein Aufruhr – friedlich, aber ohrenbetäubend.

Die Band verließ die Bühne mit erhobenen Fäusten. Kein Zugabenruf blieb unbeantwortet, denn sie hatten bereits alles gegeben. Was blieb, war eine Mischung aus Schweiß, Staub und Aufbruchsstimmung – als hätte man gerade nicht nur ein Konzert erlebt, sondern eine Bewegung.

Halestorm – Die Macht einer Stimme, die Mauern sprengt

Nach einer kurzen Umbaupause, in der die Temperatur kaum sank, begann das zweite Kapitel dieses Abends – und es stand unter dem Zeichen einer Frau, die längst zu den mächtigsten Stimmen des modernen Rock gehört: Lzzy Hale.

Als das Licht in tiefes Rot tauchte und die ersten Töne von „Fallen Star“ erklangen, brandete ein Jubel auf, der die Stahlträger des Schlachthofs erzittern ließ. Lzzy stand im Zentrum des Geschehens, Lederjacke, Gitarre, und dieses unnachahmliche Funkeln in den Augen. Von der ersten Sekunde an war klar: Hier würde niemand unberührt bleiben.

Mit „I Miss the Misery“ und „Love Bites (So Do I)“ folgte ein Doppelschlag aus purer Energie und kontrolliertem Chaos. Lzzy schrie, sang, flüsterte – und die Menge schrie zurück. Ihr Bruder Arejay Hale am Schlagzeug war wie entfesselt, warf Sticks in die Luft, grinste manisch, als wollte er sagen: „Das hier ist unser Zuhause.“

„WATCH OUT!“ und „Like a Woman Can“ bewiesen, dass Halestorm auch 2025 nichts von ihrer rebellischen Kraft verloren haben. Lzzy predigte Empowerment, nicht als Slogan, sondern als gelebte Wahrheit.

Einen emotionalen Ruhepunkt bot „Darkness Always Wins“, gefolgt von der intimen Doppelnummer „Break In / Beautiful With You“ – ein stilles Duett mit dem Publikum. Kein Geräusch außer ihrer Stimme, die sich durch die Halle schraubte, roh und ehrlich.

Mit „How Will You Remember Me?“ fragte Lzzy fast philosophisch in die Menge – und die Antwort kam in Form hunderter gehobener Hände und leuchtender Augen.

Dann die symbolträchtige Geste: Lzzy hob ihr Glas, und „Raise Your Horns“ verwandelte den Schlachthof in einen Tempel des Zusammenhalts. Jeder Ton schien von innen heraus zu brennen.

Die zweite Hälfte des Sets war ein Feuerwerk aus Rockhymnen: „I Am the Fire“, „Familiar Taste of Poison“, „Rain Your Blood on Me“ – allesamt mitreißend, theatralisch und unverschämt ehrlich. Besonders „Back From the Dead“ sorgte für Ekstase: Der Song, der schon in Pandemiezeiten zur Überlebenshymne wurde, erhielt live eine neue Wucht.

Mit „Freak Like Me“ und „Everest“ zeigte Halestorm ihre Vielseitigkeit – zwischen Glamrock, Grunge und moderner Härte. „I Gave You Everything“ und „Here’s to Us“ ließen den Abend schließlich in purem Gemeinschaftsgefühl münden. Als das letzte Lied „Shiver“ verklang und die Band mit „I Get Off“ noch einmal alles aufbot, was Rock’n’Roll je bedeutete – Leidenschaft, Schweiß, Freiheit –, war klar: Das hier war kein Konzert. Es war Katharsis.

Zwei Welten, eine Flamme

Bloodywood und Halestorm schufen an diesem Abend eine Verbindung, die weit über Genregrenzen hinausging. Beide Bands stehen für Selbstbestimmung, Aufrichtigkeit und den Mut, laut zu sein in einer Welt, die zu oft schweigt.

Bloodywood lieferten die rohe, politische Energie, die den Körper in Bewegung setzt. Halestorm gaben ihr eine Stimme, die die Seele trifft. Gemeinsam verwandelten sie den Schlachthof Wiesbaden in ein Manifest aus Klang, Schweiß und Wahrheit.

Als das Publikum schließlich in die kalte Herbstnacht hinaustrat, klang Lzzy Hales Stimme noch lange nach: „Raise your horns – and never forget who you are.“

Bilder und Text by Jan Heesch

Bloodywood

Halestorm

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