Es gibt Konzerte, zu denen man geht, um einfach nur gute Musik zu hören – ein netter Abend, ein paar Hits, zufrieden nach Hause. Und dann gibt es Abende, an denen man Zeuge von Geschichte wird. Der Auftritt von Sir Rod Stewart in der SAP Arena Mannheim am 29. November 2025 gehörte definitiv zur zweiten Kategorie.
Wenn ein Künstler, der das stolze Alter von 80 Jahren erreicht hat, eine Tournee unter dem vielsagenden Titel „One More Time“ ankündigt, schwingt im Vorfeld unweigerlich eine gewisse Melancholie mit. Die Fragen hingen wie ein unsichtbarer Nebel über dem Vorplatz der Arena: Ist es der Abschied? Ist es das allerletzte Mal, dass wir diese ikonische stachelige Frisur, die Leoparden-Prints und dieses schelmische Grinsen live erleben dürfen?
Doch wer an diesem kühlen Novemberabend in der ausverkaufte Mannheimer SAP Arena strömte, vergaß diese Fragen binnen Sekunden. Was Rod Stewart ablieferte, war kein brüchiges Denkmal seiner selbst, kein nostalgisches „Best of“ eines alternden Stars, sondern eine absolute Masterclass in Entertainment. Es war eine Demonstration von Vitalität, purer Spielfreude und einer musikalischen Klasse, die in der heutigen, oft so kurzlebigen Popwelt ihresgleichen sucht.
Der Auftakt: Schottischer Stolz und pure Rock-Energie
Die Bühne lag noch hinter einem schweren roten Vorhang, als um Punkt 20 Uhr das Intro einsetzte. Martialisch, stolz und laut füllte „Scotland the Brave“ die SAP Arena und ließ sofort erkennen, wo dieser Abend seinen emotionalen Ursprung hat. Der Song war nicht einfach ein Auftakt. Er war ein Statement, ein Gruß aus der Heimat, ein Moment, in dem man Stewarts schottische Seele fast greifen konnte. Noch bevor der Maestro selbst erschien, vibrierte die Halle unter diesen Klängen. Ein Auftakt, der in den Bauch fuhr und das Publikum von der ersten Sekunde an packte.
Dann hob sich der Vorhang und Rod Stewart trat heraus. In diesem Augenblick war jedem klar: Der Mann will es noch einmal wissen. Mit dem Robert-Palmer-Cover „Addicted to Love“ setzte er auf einen Einstieg, der sofort Fahrt aufnahm. Keine behutsame Annäherung, keine Ballade zum Warmwerden, sondern Energie pur. Stewart wirkte fit, agil und vor allem voller Lust, diesen Abend zu feiern. Genau diese Lust unterscheidet ihn von vielen anderen Altstars, die nur noch ihr Archiv verwalten. Er spulte nichts ab. Er spielte. Er interagierte, schickte Handküsse in die Menge und tänzelte mit dieser typisch hüftsteifen Eleganz über die Bühne, die so charmant ist, dass man sie eigentlich schützen lassen müsste.
Mit „You Wear It Well“ folgte direkt ein eigener Klassiker, der die Zeit zurückdrehte und die Halle endgültig in einen gigantischen Pub in London verwandelte. „Ich bin nicht hier, um mich auszuruhen. Ich bin hier, um mit euch zu feiern!“ – Diese ungesagte Botschaft strahlte Stewart in jeder Sekunde aus.
Das „Große Besteck“: Eine Band der Extraklasse
Ein Konzert von Rod Stewart ist immer eine Teamleistung, und in Mannheim brachte er das sprichwörtliche „große Besteck“ mit. Seine vielköpfige Band war nicht nur Begleitung, sondern das musikalische Rückgrat einer perfekten Show: Zwei Gitarristen, Bass, Keyboard, Saxophon, Drums, Percussion und sechs Damen sorgten für einen Sound, der so fett und differenziert war, dass er bis in die letzten Reihen des Oberrangs drückte.
Besonders hervorzuheben – und das war eines der Highlights des Abends – sind die Background-Sängerinnen Holly Brewer, Joanne Bacon und Becca Kotte. Sie waren weit mehr als nur schmückendes Beiwerk in glitzernden Kleidern. In den Momenten, in denen Stewart sich eine kurze Verschnaufpause (oder einen seiner legendären Kostümwechsel) gönnte, übernahmen sie das Ruder und verwandelten die Rock-Show in eine Soul-Revue.
Ihre Versionen von Chaka Khans „I’m Every Woman“ und dem CCR-Klassiker „Proud Mary“ waren absolute Power-Performances. Sie brachten eine Soul- und R’n’B-Dynamik in die Show, die den Abend auflockerte und bewies, dass Stewart keine Angst hat, das Rampenlicht zu teilen. Diese Frauen haben Stimmen, die Hallen füllen können, und sie gaben dem Konzert in Mannheim eine zusätzliche, kraftvolle Note.
Ebenso unverzichtbar für den typischen Stewart-Sound: J’Anna Jacoby. Die Multiinstrumentalistin, die hauptsächlich die Violine und die Mandoline spielt, verlieh Songs wie „You Wear It Well“ oder den folkigeren Nummern jenen keltischen Charme, der Stewarts Musik so zeitlos macht. Ihr Geigenspiel war präzise, emotional und der perfekte Gegenpol zur rockigen Rhythmusgruppe.
Eine Reise durch fünf Jahrzehnte Musikgeschichte
Rod Stewart ist nicht nur Sänger, er ist ein Kurator seiner eigenen Legende. Die Setlist in Mannheim war perfekt austariert zwischen Rock-Krachern, Soul-Nummern und den unverzichtbaren Pop-Hymnen der 70er und 80er Jahre.
Es war beeindruckend zu sehen, wie nahtlos sich Coversongs in sein eigenes Repertoire einfügen. Stewart hat die seltene Gabe, fremde Songs so zu interpretieren, dass man vergisst, dass sie nicht aus seiner Feder stammen.
Highlights der ersten Hälfte
Der Abend bot früh emotionale Höhepunkte. Mit „Ooh La La“ zollte er seiner alten Band The Faces Tribut – ein Moment für die Kenner und Nostalgiker. Das Sam Cooke Cover „Having a Party“ war Programm: Mannheim tanzte. Doch es waren die Balladen, die für Gänsehaut sorgten. Als die ersten Akkorde von „It’s a Heartache“ (Bonnie Tyler) und später „The First Cut Is the Deepest“ (Cat Stevens) erklangen, verwandelte sich die SAP Arena in ein Lichtermeer aus Handydisplays.
Die Stimme: Ein guter Whisky reift nach
Die Frage, die sich Kritiker und Fans vorab stellten: Kann er es noch? Hält die Stimme mit 80 Jahren noch stand? Die Antwort aus Mannheim lautet eindeutig: Ja, und wie. Natürlich erreicht er vielleicht nicht mehr jede Spitze wie 1975, aber seine Stimme hat an Charakter gewonnen. Sie ist wie ein guter Whisky – rauchig, warm und vollmundig. In den ruhigen Momenten wie bei „I’d Rather Go Blind“ (Etta James), einer tiefen Verbeugung vor dem Blues und Soul, zeigte er eine stimmliche Verletzlichkeit und Intensität, die tief berührte.
Das Finale: Party und Pathos
Gegen Ende des Sets zog Stewart das Tempo noch einmal massiv an. „Downtown Train“ und „Young Turks“bereiteten den Boden für den großen Pop-Exzess. Als die Synthesizer-Klänge von „Baby Jane“ einsetzten, gab es kein Halten mehr auf den Sitzplätzen.
Und dann kam natürlich die Frage aller Fragen: „Da Ya Think I’m Sexy?“. Ironisch, fast parodistisch, aber mit ungeheurer Energie zelebrierte Stewart seinen größten Disco-Hit, gefolgt von „Hot Legs“. Es ist dieser Mix aus Selbstironie und Rockstar-Attitüde, den das Publikum so liebt.
Doch Rod Stewart wäre nicht Rod Stewart, wenn er uns ohne das ultimative Gemeinschaftsgefühl nach Hause schicken würde. Als vorletzter Song erklang „Sailing“. Es ist vielleicht der Moment, auf den viele gewartet haben. Tausende Menschen sangen den Refrain, Arm in Arm, eine hymnenhafte Einheit. Es war der emotionale Höhepunkt, der zeigte, warum diese Musik Generationen verbindet.
Ein unvergesslicher Abend
Mit „Love Train“ als letzter Zugabe schickte Rod Stewart sein Publikum samt bunter Luftballons hinaus in die Mannheimer Nacht. Zurück bleibt das Gefühl, einen Künstler erlebt zu haben, der dem Älterwerden mit Leichtigkeit die Stirn bietet. Auch nach mehr als fünf Jahrzehnten auf den großen Bühnen hat sein Charisma nichts von seiner Kraft verloren.
Die Show in der SAP Arena war technisch brillant, musikalisch hochklassig durch eine fantastische Band (Chapeau an die Ladies!) und emotional bewegend. Wenn dies tatsächlich die „One More Time“-Tour war, dann war es ein Abschied, wie man ihn sich besser nicht wünschen könnte: Würdevoll, laut und voller Lebensfreude.
Die Setlist – Rod Stewart live in Mannheim (29.11.2025)
- Intro (Scotland the Brave)
- Addicted to Love (Robert Palmer Cover)
- You Wear It Well
- Ooh La La (Faces Song)
- Having a Party (Sam Cooke Cover)
- It’s a Heartache (Bonnie Tyler Cover)
- Rollin‘ & Tumblin‘ (Muddy Waters Cover)
- Forever Young
- The First Cut Is the Deepest (Cat Stevens Cover)
- Tonight’s the Night (Gonna Be Alright)
- Maggie May
- I’d Rather Go Blind (Etta James Cover)
- Young Turks
- Downtown Train (Tom Waits Cover)
- I’m Every Woman (Chaka Khan Cover – Performed by Holly Brewer, Joanne Bacon & Becca Kotte)
- Reason to Believe (Tim Hardin Cover)
- I Don’t Want to Talk About It (Crazy Horse Cover)
- Have I Told You Lately (Van Morrison Cover)
- Proud Mary (CCR Cover – Performed by Holly Brewer, Joanne Bacon & Becca Kotte)
- Baby Jane
- It Takes Two (Kim Weston Cover)
- Some Guys Have All the Luck (The Persuaders Cover)
- Da Ya Think I’m Sexy?
- Hot Legs
- Sailing (The Sutherland Brothers Band Cover)
Encore:
- Love Train (The O’Jays Cover)
Text & Fotos © by Boris Korpak | bokopictures

















































