Manche Menschen verarbeiten ihr Leben im Stillen, andere im Yoga-Retreat – Nikita Miller geht einen anderen Weg: Er stellt sich auf die Bühne und macht Comedy daraus. In seinem Programm „Schuld und Bühne“ verwandelt er Schmerz, Wut, Trauer und absurde Familiengeschichten in gnadenlos ehrliche, böse und befreiend komische Momente. Kein Betroffenheitskitsch, keine moralische Nachhilfe – sondern Humor, der weh tut und gleichzeitig heilt. Am 21. Januar 2026 bringt Nikita sein Programm nach Frankfurt – und beweist, dass Lachen manchmal die ehrlichste Form von Therapie ist.
1. Dein Programm heißt „Schuld und Bühne“ – ein Titel, der klingt wie ein Therapieseminar mit Eintrittskarte. Wann hast du gemerkt, dass Humor dein bester Weg ist, mit Schuld und Schmerz umzugehen?
Humor kam früh. Er vereinfacht Dinge, die sonst kompliziert wehtun. Er schafft Abstand.
Eine günstige und sehr zuverlässige Schutzweste.
Ein guter Gag war mir bald mehr wert als ein ruhiger Schultag. Der war sowieso Illusion. Es folgten Einträge ins Klassenbuch, Verweise und eine durchgehende Festanstellung als Störenfried.
Rückblickend: keine Rebellion. Dazu fehlte der Idealismus. Es war Überleben.
Die Lacher machten mich nicht frei. Sie waren einfach die bessere Alternative.
2. Du erzählst extrem persönliche Geschichten auf der Bühne. Gab es einen Moment, in dem du dachtest: „Okay, das ist vielleicht zu ehrlich“ – und es dann trotzdem gemacht hast?
Regelmäßig. Aus der Seele zu reden ist riskant.
Du bist offen, verletzlich. Genau da knallt es.
Gute Kunst entsteht nicht im Komfortbereich, sondern da, wo es scheuert. Ohne tiefen Schmerz keine gute Kunst. Macht die Arbeit unangenehm. Dafür aber authentisch. Kunst aus Bequemlichkeit ist Dekoration.
3. Viele Comedians verpacken ihr Leben in Pointen – bei dir fühlt es sich eher an wie eine offene Rechnung mit der Vergangenheit. Ist Bühne für dich eher Kampf, Beichte oder Befreiung?
Alles. Leider. Schreiben ist Kampf. Präzisionsarbeit. Wie jemand, der weiß, wo es wehtut, und trotzdem weiterschneidet.
Auf der Bühne wird es frei. Kurz. Entladung. Aber auf Dauer?
Jeder Witz trägt Spuren. Je öfter man denselben Schmerz spielt, desto schwerer wird er.
Darum baue alle paar Monate ich um. Nicht aus Kreativität. Aus Selbsterhaltung.
4. Dein Gewissen beschreibst du als ziemlich nerviges Arschloch. Was bringt dein innerer Kritiker heute noch aus der Ruhe – und worüber lacht er inzwischen selbst?
Wenig. Ich bin heute halbwegs einig mit mir.
Das Landleben macht still. Und Stille verstärkt alles, was man sonst überhört.
Dann stehst du irgendann vor der Wahl: Lerne ich jetzt, vernünftig mit mir selbst zu sprechen? Oder sperre mich im Zimmer ein und gebe Schimpanselaute von mir?
Stille ist ein Geschenk. Oder ein Urteil.
Sie kann auch einsam machen. Einsamkeit entsteht selten durch Alleinsein. Meist durch schlechte Gesellschaft. Oft ist man selbst gemeint.
5. Du hast schwere Verluste erlebt und sprichst darüber ohne Filter. Wie schaffst du es, dass aus Leid keine Schwere, sondern Humor mit Wucht entsteht?
Durch Verarbeitung. Gags scheitern selten an Technik, sondern an Haltung. Das Publikum spürt das. Man muss nicht eins mit sich selbst sein, aber mit dem Thema.
6. Dein Stil ist direkt, böse, ehrlich – und trotzdem verbindend. Wo ziehst du für dich die Grenze zwischen schwarzem Humor und Selbstschutz?
Guter Humor macht sich nicht über etwas lustig. Er zeigt, wo die Probleme sind. Der Kontext ist nur wichtig. Man kann über alles Witze machen. Wichtig ist nur, dass es eine Message hat. Er soll nicht sinnlos nach unten treten.
7. Am 21. Januar 2026 stehst du in Frankfurt auf der Bühne. Was bedeutet dir dieser Termin – und warum ist „Schuld und Bühne“ genau jetzt das richtige Programm für diese Zeit?
Weil die Welt schon voll ist. Überladen. Laut. Dauerbeschallt.
Ich füttere das nicht. Hätte auch nichts zu sagen, was nicht schon 500x gesagt wurde.
Ich erzähle Geschichten. Ich lenke ab. Zwei Stunden Pause von da draußen. Ein kleiner Urlaub sozusagen.
8. Dein Publikum lacht oft an Stellen, wo man eigentlich schlucken müsste. Was ist für dich das schönste Geräusch: Stille nach einem harten Satz oder der befreiende Lachanfall danach?
Beides. Lachen ist klarer. Lachen öffnet. Stille ist intensiver, aber nicht leichter. Stille erfordert Mut.
9. Wenn du heute auf dein jüngeres Ich schaust – den Typen mitten im Chaos – würdest du ihm einen Rat geben oder ihn einfach auf die Bühne schubsen?
Ich würde ihn warnen. Dieser Job ist hart. Einsamkeit, permanentes Feedback, Druck.
Wenn es funktioniert, ist es groß und sehr dankbar. Wenn nicht, und das kann passieren, wird es still. Und Stille ist… hatte ich glaube ich, schon gesagt.
10. Wenn Menschen nach deiner Show nach Hause gehen und eine Sache mitnehmen sollen: Was darf das auf keinen Fall sein – und was wünschst du dir stattdessen?
Kein Mitleid.
Ich erzähle nicht, um mich zu entlasten. Ich erzähle, um zu zeigen, wie widersprüchlich diese Welt ist und wie oft ich daran gescheitert bin, sie zu begreifen.
Offenbar lerne ich langsam. Aber solange man darüber lachen kann, besteht Hoffnung.
Lieber Nikita, vielen Dank für deine Zeit, deine Offenheit und deine kompromisslos ehrlichen Antworten. Dein Humor ist nicht nur laut, sondern auch mutig – und genau das macht ihn so besonders. Wir wünschen dir für „Schuld und Bühne“, für den Auftritt in Frankfurt am 21. Januar 2026 und für alles, was danach kommt, weiterhin volle Säle, offene Ohren und genau die Art von Lachen, die lange nachhallt. Bleib unbequem, bleib ehrlich – und vor allem: bleib auf der Bühne. Alles Gute für die Zukunft! 🎤✨ Interview by CK
Nikita Miller – Credits © D. M. Miller



