Seit über drei Jahrzehnten stehen Tocotronic für deutschsprachigen Rock mit Haltung, Tiefe und Widerspruch. Was 1993 in Hamburg begann, ist längst zu einem Werk gewachsen, das Generationen begleitet, herausfordert und tröstet. Mit ihrem aktuellen Album „Golden Years“ blicken Tocotronic zurück und nach vorn zugleich: auf gelebte Zeit, auf kommende Wege, auf das Altern, die Liebe und die Kraft des immer wieder Neuanfangens.
Im Rahmen der Golden Years Tour 2026 kommen Tocotronic am 24. Januar in die Batschkapp, Frankfurt, begleitet von Frau Lehmann – ein Abend, der Intimität, Wucht und Gedankenreichtum verspricht.
„Golden Years“ klingt nach Rückblick – und gleichzeitig nach Aufbruch. Sind diese goldenen Jahre für euch eher Erinnerung, Gegenwart oder ein Versprechen für das, was noch kommt?
„Golden Years“ schien uns vor allem deshalb als Titel interessant, weil er eine „Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeiten“ markiert. Denn dass die Zeiten im Zeichen der Faschisierung, Krieg und allgegenwärtiger Gewalt nicht gerade golden sind, versteht sich von selbst. Trotzdem kann man auch in solchen Zeiten in bestimmten Situationen eine innere Sonne spüren, auch wenn sie manchmal nur schwach und dunkel leuchtet. Der Song „Golden Years“ selbst handelt von „vorauseilender Wehmut“ – einem der schönsten Gefühle überhaupt, wie ich persönlich finde. „Vielleicht wird’s nie wieder so schön“ sang der ostdeutsche Liedermacher Gerhard Schöne einmal.
Das trifft‘s.
Seit „Digital ist besser“ begleitet ihr mehrere Generationen. Was bedeutet es euch, dass eure Songs über Jahrzehnte hinweg immer wieder neu gelesen und gehört werden?
Dass wir uns 1993 gegründet haben, war eigentlich einer zufälligen Begegnung geschuldet. Es ist ein großes Glück, dass wir es geschafft haben, diesen Zufall zu fixieren und in eine lang anhaltende Freundschaft zu transformieren.
Dass dabei Lieder herausgekommen sind, die anderen Menschen etwas bedeuten, hätten wir damals nie zu träumen gewagt, erfüllt uns aber mit großer Freude. Es ist ein Privileg, über die Jahre hinweg von Zuhörer*innen begleitet zu werden, die unsere Gedanken und Gefühle zu teilen bereit sind.
Eure Musik bewegt sich seit jeher zwischen politischer Haltung und persönlicher Intimität. Hat sich euer Blick auf Verantwortung als Band im Laufe der Jahre verändert?
Ja, das glaube ich schon. Als wir uns gegründet haben, waren wir jung und ungestüm, viele unserer Aussagen waren von einem privaten Humorverständnis und nicht zuletzt auch von der Lust an der Provokation geprägt. Es war auch typisch für die Neunzigerjahre, dass man sich über ästhetische Differenzen definiert hat.
Es herrschte eine gewisse Sorglosigkeit, gepaart mit Trotz. In der Gegenwart kann man nicht umhin, mit den Dead Kennedys zu sagen:
„We‘ve got a bigger problem now“.
Dieses Problembewusstsein bringt sicherlich auch ein stärkeres Gefühl der Verantwortlichkeit mit sich.
Auf Golden Years“ geht es um Reife. Vergänglichkeit und Vertrauen. Was hat euch das Älterwerden über euch selbst gelehrt – als Menschen und als Band?
Das ist eine schöne Frage, aber sie ist wirklich schwer zu beantworten. Man kann (und sollte) sich ja selber nicht so gut beim älter werden zusehen. Selbstgerechtigkeit ist dabei eine große Gefahr.
Vielleicht sind wir aber über all die Jahre ein bisschen weniger altklug und angeberisch geworden, das wäre zumindest ein Ziel und eine Hoffnung.
Tocotronic stehen für Wandel ohne Selbstverlust. Wie schafft ihr es, euch immer wieder zu erneuern und trotzdem unverkennbar Tocotronic zu bleiben?
Ich glaube, da ist eine große Portion Glück mit dem Spiel. Das Glück, zu entscheidenden Zeitpunkten in der Bandgeschichte Menschen getroffen zu haben, die unseren Horizont erweitern und ein allzu geschlossenes Weltbild der Band aufsprengen konnten.
Plus: wir sind im Herzen vielleicht immer Fans geblieben. Es gibt gerade in Berlin eine ganze Reihe jüngerer Musiker*innen, mit denen wir gut befreundet sind, deren Arbeiten wir sehr bewundern und von denen wir immer noch sehr viel lernen können. Naja, und neugierig sind wir schon auch.
Am 24. Januar spielt ihr in der Batschkapp in Frankfurt. Was bedeutet euch dieser Ort – und was dürfen die Menschen an diesem Abend erwarten?
Wir haben erst einmal, vor ein paar Jahren, in der neuen Batschkapp gespielt.
Das Konzert hat uns ausgesprochen gut gefallen. Als Teenager bin ich öfters von Offenburg nach Frankfurt gefahren, um in der alten Batschkapp Konzerte zu sehen, beispielsweise Henry Rollins. Deshalb klingelt der Name natürlich sehr gut in meinen Ohren. Wir werden nach Frankfurt wieder eine große Auswahl alter und neuer Stofftiere zum Konzert mitbringen und auf der Bühne drapieren, darauf können sich die Besucher*innen freuen.
Viele eurer Texte funktionieren wie Leitsätze, die sich ins Leben einschreiben. Wann merkt ihr selbst, dass eine Zeile mehr ist als nur ein Songtext?
Es gibt beim Schreiben manchmal magische Momente. Der Song „Golden Years“ war so ein Fall.
Ich bin an einem frühen Sonntagmorgen aufgewacht, habe mir die Gitarre geschnappt und einen Kaffee gemacht und das Lied in 5 Minuten komplett heruntergeschrieben und in mein Handy gesungen. Wenn so etwas passiert, weiß man meistens, dass man vielleicht etwas richtig gemacht hat.
Mit „Nie Wieder Krieg“ und jetzt „Golden Years“ sprecht ihr offen über Hoffnung, Angst und Heilung. Ist Musik für euch eher Widerstand oder Zuflucht – oder beides zugleich?
Der linke italienische Philosoph Paolo Virno hat einmal von „Flucht und Ungehorsam“ als politisch-persönlichen Fixpunkten gesprochen.
Das fand und finde ich immer noch sehr schön.
Wenn ihr eure Hörerinnen mit einem Gefühl aus der Golden Years Tour 2026 entlassen könntet – welches sollte es sein?
Happiness
Wenn ihr auf eure Berlin-Trilogie, die späteren Alben und das aktuelle Werk schaut: Gibt es ein Motiv. das euch bis heute nicht loslässt?
Vielleicht am ehesten die Flucht vor dem eigenen Ich und der Ungehorsam gegenüber den Umständen?
Liebe Tocotronic, vielen Dank für eure Zeit, eure klugen Gedanken und die Offenheit, mit der ihr eure Antworten geteilt habt. Eure Musik begleitet, stärkt und hinterfragt – und schenkt dabei Trost und Hoffnung, gerade in bewegten Zeiten. Wir wünschen euch für die Golden Years Tour 2026, für den Abend am 24. Januar in der Batschkapp Frankfurt und für alles Kommende von Herzen weiterhin Inspiration, Neugier und die Kraft des immer wieder neuen Anfangs.
Danke für eure Lieder – und für all die Jahre, die noch kommen. 💛🎶 Interview by CK
Bild: Tocotronic © Hires



