Mit seinem neuen Soloalbum „Ins Gras“ meldet sich Sven van Thom am 27. Februar 2026 kraftvoll, klug und unverschämt ehrlich zurück. Nach dem vielbeachteten Vorgänger „Liebe & Depression“ widmet er sich diesmal dem vielleicht letzten großen Tabu unserer Selbstoptimierungs-Gesellschaft: dem Scheitern.
Zwischen Darkwave-Persiflage, Kammerpop, Powerpop und bittersüßer Resignation legt van Thom den Finger in die Wunde – und reicht uns gleichzeitig das Pflaster. „Ins Gras“ ist politisch und privat, albern und abgründig, schonungslos und emphatisch. Ein Album, das lacht, stolpert, hinfällt – und genau darin seine Stärke findet.
„Ins Gras“ klingt nach Picknick und Abgesang zugleich. Wann wusstest du, dass genau diese Ambivalenz der perfekte Titel für dein neues Album ist?
Kurz nachdem der Titeltrack vor gut einem Jahr aufgenommen war, spielte ich mit dem Gedanken, das Album „Ins Gras“ zu nennen. Irgendwann hatte ich dann die Idee vom Plattencover, mit der Zahnbürste. Die Vorstellung, dass Leute dieses Bild sehen und sich irritiert fragen, was das mit dem Albumtitel zu tun haben soll, hat mich sofort amüsiert. Einige checken den albernen Witz sicherlich sofort. Aber gewiss nicht alle.
Du sprichst offen von täglichem Versagen – vom Fitnessstudio bis zur Steuererklärung. Warum ist es dir gerade jetzt so wichtig, das Scheitern nicht nur zuzulassen, sondern zu feiern?
Zum Einen gehört das Scheitern einfach zu unser aller Leben dazu – das versuchen viele Menschen mit ihrer Selbstdarstellung auf Social Media gerne auszublenden. Parallel dazu nehme ich jedoch auch einen Trend zum Unperfekten wahr – Leute erzählen von ihren psychischen Erkrankungen und tragen damit Dinge in die Öffentlichkeit, die vor 20 Jahren kaum sagbar gewesen wären. Eine Entwicklung, die ich sehr begrüße. Zum Anderen haben mich Schattenseiten schon immer mehr interessiert als Glanz und Gloria. Da steckt einfach mehr Potenzial für Humor drin! Und mal ehrlich: Wenn immer alles glücken würde, was wir uns vornehmen, dann wäre das Dasein doch unerträglich langweilig.
In Zeiten von Selbstoptimierung und Dauer-Positivität wirkt dein Album fast wie ein Gegenentwurf. Ist „Ins Gras“ auch ein stiller Protest gegen das perfekte Instagram-Lächeln?
Das ist eine Seite der Medaille, obwohl ich den Protest gar nicht als so still empfinde. Aber auch ich bin ja leider nicht immun dagegen, mich auf Fotos von meiner Schokoladenseite zeigen zu wollen – so es die denn überhaupt noch gibt. Ich fürchte, „Ins Gras“ ist viel mehr ein Akt der Verzweiflung, weil mir der körperliche Verfall wirklich auf den Sack geht. Es hilft jedoch, das eigene Verwelken einfach zu akzeptieren, anzunehmen und darüber zu singen. Den Gedanken, dass wir alle irgendwann ins Gras beißen, finde ich jedoch tatsächlich tröstlich. Auch Trump und Putin leben nicht ewig. Das ist doch mal eine gute Nachricht!
Songs wie „Staubsaugerarm“ oder „Wütend auf junge Menschen“ balancieren Humor und Melancholie. Wie findest du den Punkt, an dem Albernheit plötzlich existenziell wird?
Ich finde, Humor ist immer noch die schönste Art, mit unangenehmen Dingen umzugehen und damit klarzukommen. Ich habe ja durchaus einen Hang zur Schwermut. Vermutlich hätte ich keine 48 Jahre auf dieser Welt durchgehalten, hätte es nicht eine große Portion Albernheit in meinem Leben gegeben. Vor allem die Arbeit mit meinem Freund Gotti, mit dem ich als „Tiere streicheln Menschen“ auf der Bühne stehe und eine Radiokolumne beim rbb habe, fordert mich immer wieder heraus, der Albernheit und Absurdität unserer menschlichen Existenz auf den Grund zu gehen.
Du hast lange gebraucht für dieses Album – fünf Jahre. War das bewusste Entschleunigung oder Teil des kreativen Scheiterns, das du thematisierst?
Meinetwegen hätte mein fünftes reguläres Album auch schon zwei oder drei Jahre früher erscheinen können. Allerdings kam immer etwas dazwischen – Auftritte, Proben, die Radiokolumne, Kinderkonzerte, das Texten für ein Musical und natürlich der alltägliche familiäre Wahnsinn. Dass es erst jetzt veröffentlicht wird, ist weder eine bewusste Entschleunigung, noch kreatives Scheitern gewesen, sondern: bewusstes Scheitern im Bereich Zeitmanagement.
Politische Kommentare fallen dir aktuell schwerer, sagst du – und plötzlich entsteht ein Sauflied. Ist Humor manchmal ehrlicher als die perfekte Pointe?
Ist es schlimm, dass ich diese Frage nicht so ganz verstehe? Jedenfalls habe ich in den vergangenen Jahren oft das Bedürfnis gehabt, politische Begebenheiten in Songs zu gießen und irgendwie kabarettistisch auszuwerten. Jedoch ist nie das dabei herausgekommen, das ich mir zu Beginn des jeweiligen Schreibprozesses vorgestellt hatte. Das Lied „Hoch die Tassen, Prost!“ zum Beispiel sollte ursprünglich explizit ein Kommentar zu Russlands Einmarsch in die Ukraine werden. Von der Ursprungsidee ist am Ende jedoch kaum noch etwas übriggeblieben. Allerdings bin ich froh, dass mir die Idee mit der naiven, wenn nicht gar kindlichen Aggression gekommen ist: „Ich wünsch Dir Hundekot am Schuh und Hubba Bubba in den Haaren“, klingt jedenfalls sympathischer als: „Ich hoffe, Du fällst bald tot um!“ Ein schönes Beispiel für erfolgreiches Scheitern.
Mit „Der Life-Coach“ nimmst du Optimierungs-Gurus auseinander. Was würdest du deinem eigenen inneren Life-Coach entgegnen?
Jetzt tu mal nicht so, als hättest Du wirklich Ahnung von irgendwas! Setzt Dich hin, trink ´nen Kakao und halt die Klappe!
Deine Duette wirken besonders intim. Was geben dir weibliche Stimmen, das du alleine nicht erzählen kannst?
Es ist natürlich derer Stimmfarbe und der Kontrast zu meiner eigenen Stimme, was mich immer wieder glücklich macht. Als großer Fan von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood gerate ich wiederholt in Versuchung, ausprobieren zu wollen, ob ich der Magie dieses unschlagbaren Gesangs-Duos nicht vielleicht doch einmal mit einem eigenen Lied etwas näherkommen kann. Mag sein, dass ich daran scheitere, aber es macht Spaß, es abermals auszuprobieren. Auf diesem Album sogar gleich dreimal: mit „Karl die Große“, Suzie Kerstgens von der Band „Klee“ und Ina Simone Mautz. Ich bin mir sicher, dass diese Duette viele Freunde unter meinen Hörer:innen finden werden.
Du blickst hörbar auf Vergänglichkeit, Älterwerden und Zeit. Ist „Ins Gras“ ein Album der Versöhnung – mit dir selbst und der eigenen Geschichte?
Eine Versöhnung nur in wenigen Momenten, ja. Aber viel eher ist das Album so etwas wie eine ernüchternde Inventur, bei der man merkt, dass die Regale im Discounter des Lebens schon ganz schön geplündert sind. Und anstatt für Nachschub zu sorgen, sitzt die Marktleiterin im Kabuff mit den Überwachungsmonitoren und wartet darauf, dass endlich jemand über das Achtung-Rutschgefahr-Schild stolpert.
Wenn jemand dein Album hört und denkt: „Okay, ich darf scheitern“ – wäre das der größte Erfolg, den „Ins Gras“ haben kann?
Das wäre tatsächlich schön. Aber am meisten würde ich mich freuen, wenn die Leute beim Hören mindestens einmal lachen und einmal weinen. Meinetwegen auch gleichzeitig.
Lieber Sven, vielen Dank für deine Zeit, deine Offenheit und den Mut, Unperfektes nicht zu glätten, sondern hörbar zu machen. „Ins Gras“ ist ein Album, das tröstet, herausfordert und dabei wunderbar unterhält – gerade weil es das Scheitern umarmt, statt es zu verstecken.
Wir wünschen dir von Herzen alles erdenklich Gute für die Veröffentlichung, viele offene Ohren, neugierige Herzen und genau die Freiheit, die deine Musik ausstrahlt. Mögest du noch oft ins Gras gehen – und jedes Mal mit neuen Liedern zurückkommen. Herzlichen Dank! Alles Gute Dir! Interview by CK
Bild © Bernd-Helge Ei



