Alice Cooper in Stuttgart bei der Too Close For Comfort Tour in der Porsche-Arena

Alice Cooper in Stuttgart: Horror trifft Hardrock

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Draußen dreht sich auf dem Cannstatter Wasen die Geisterbahn, ein paar hundert Meter weiter wartet an diesem 3. Oktober 2024 die deutlich bessere Horrorshow. In der Porsche-Arena gastiert Alice Cooper in Stuttgart mit seiner „Too Close For Comfort“-Tour. Als Special Guest bringt der Schockrock-Pionier niemand Geringeren als Doro Pesch mit. Die gemeinsame Deutschlandtour war für sechs Termine angesetzt, Stuttgart machte den Anfang.

Schon vor Konzertbeginn sieht man im Publikum, dass hier mehrere Generationen zusammenkommen. Alice-Cooper-Shirts aus verschiedenen Jahrzehnten, daneben Warlock- und Doro-Kutten. Viele wissen ziemlich genau, was sie erwartet. Guillotine, Frankenstein, schwarzer Humor. Trotzdem funktioniert diese Show noch immer.

Doro bringt die Porsche-Arena früh auf Betriebstemperatur

Kurz vor 19.30 Uhr betritt Doro Pesch die Bühne. Keine lange Ansage. Mit „I Rule The Ruins“ geht es direkt zurück in die Warlock-Jahre, „Burning The Witches“ setzt nach. Anfangs braucht die Porsche-Arena noch ein paar Minuten, bis die ersten Reihen wirklich auftauen. Doro arbeitet daran.

Und sie bekommt sie.

Sie läuft von einer Bühnenseite zur anderen, sucht ständig Blickkontakt und trägt dieses breite Lächeln im Gesicht, das bei ihr selbst nach Jahrzehnten auf Tour nie aufgesetzt wirkt. „Fight For Rock“, „Raise Your Fist In The Air“, „Für Immer“ und „Hellbound“ bilden das Rückgrat eines kompakten 45-Minuten-Sets. Mit „Children Of The Dawn“ und „Fire In The Sky“ finden auch zwei Stücke des damals aktuellen Albums „Conqueress – Forever Strong And Proud“ ihren Platz. Bei „All We Are“ ist die Halle schließlich da, wo Doro sie haben wollte: Arme oben, Refrain laut zurück zur Bühne.

Dann Umbau. Vorhang zu.

Jetzt wird es dunkel.

Alice Cooper zerreißt seine eigene Schlagzeile

Auf dem riesigen Vorhang prangt eine fiktive Zeitungsschlagzeile: „Banned in Germany – Alice Cooper“. Kurz darauf zeichnet sich dahinter eine Silhouette ab. Cooper schneidet sich mit einem Säbel durch das Papier und tritt durch die Öffnung auf die Bühne.

Besser kann man eine Alice-Cooper-Show kaum eröffnen.

„Lock Me Up“ wird angerissen, danach folgt mit „Welcome To The Show“ der einzige Song des Abends vom 2023 erschienenen Album „Road“. Schon „No More Mr. Nice Guy“, „I’m Eighteen“ und „Under My Wheels“ führen wieder tief zurück in die Siebziger. „Bed Of Nails“, „Billion Dollar Babies“, „Be My Lover“, „Lost In America“ und „Hey Stoopid“ ziehen die Linie durch mehrere Jahrzehnte.

Vor der Bühne bleibt kaum Zeit, alles gleichzeitig zu verfolgen. Cooper wechselt Kostüme und Requisiten, die seitlichen Bühnenelemente verändern ihre Position, Glen Sobel hämmert hinter seinem Drumkit, während Ryan Roxie, Tommy Henriksen und Nita Strauss eine massive Gitarrenwand aufbauen. Chuck Garric hält am Bass das Fundament zusammen.

Und mittendrin steht ein damals 76-jähriger Alice Cooper, der nicht den Eindruck macht, sein eigenes Gruselkabinett nur noch zu verwalten.

Frankenstein marschiert durch Stuttgart

Natürlich kommt irgendwann „Feed My Frankenstein“.

Und natürlich bleibt Frankenstein nicht bloß eine Textzeile. Eine riesige Figur erscheint auf der Bühne und stapft zwischen den Musikern hindurch. Das Publikum kennt die Nummer, Smartphones gehen trotzdem sofort hoch.

Vorher hat „Poison“ die Porsche-Arena bereits geschlossen zum Mitsingen gebracht. Einer dieser Songs, bei denen man auch aus den hinteren Rängen deutlich hört, wie viele Menschen jede Zeile kennen.

Doch die eigentliche Stärke dieser Show steckt in den dunkleren Szenen. „Welcome To My Nightmare“, „Cold Ethyl“, „Go To Hell“ und später „Ballad Of Dwight Fry“ liefern Cooper die Vorlage für sein morbides Theater. Eine Puppe wird malträtiert, Figuren tauchen auf und verschwinden wieder. Während Sobels Drumsolo sitzt Cooper oben auf einer der seitlichen Plattformen und beobachtet mit dem Degen in der Hand das Geschehen.

Die Guillotine bleibt der Star der Horrorshow

Dann kommt das Ritual, auf das viele gewartet haben.

Alice Cooper wird zur Guillotine geführt.

Auch wenn man weiß, dass dieser Kopf seit Jahrzehnten Abend für Abend fällt, schaut die Halle hin. Genau das ist der Trick. Cooper hat die Hinrichtung längst zum festen Bestandteil seiner Bühnensprache gemacht, doch innerhalb der Sequenz aus „Ballad Of Dwight Fry“, „Killer“ und „I Love The Dead“ besitzt sie immer noch diesen wunderbar makabren Charme.

Der Kopf fällt.

Jubel.

Schockrock kann manchmal erstaunlich unkompliziert sein.

„School’s Out“ entlässt Stuttgart in die Nacht

Mit „Elected“ steuert die Show schließlich auf ihr Ende zu. Danach fehlt nur noch ein Song.

„School’s Out“.

Konfetti schießt durch die Porsche-Arena, der Klassiker verschmilzt mit Pink Floyds „Another Brick In The Wall“. Die Halle singt noch einmal geschlossen mit, während auf der Bühne alles gleichzeitig passiert. Licht, Gitarren, Papierfetzen und dieser Mann mit schwarz umrandeten Augen, der seit mehr als fünf Jahrzehnten sehr genau weiß, wie man ein Konzert beendet. Draußen leuchten noch immer die Fahrgeschäfte des Cannstatter Wasens. Die bessere Geisterbahn war an diesem Abend aber nebenan.

Text & Foto © Daniel Selke

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