
Apocalyptica in Wiesbaden: Metallica auf vier Saiten
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Am 7. Oktober 2024 kehrten die finnischen Cello-Metaller in den Schlachthof zurück und brachten ihre „Plays Metallica Vol. 2 Tour 2024“ nach Hessen. Mit dabei waren The Raven Age als Support. Ab 21 Uhr gehörte die Bühne dann Eicca Toppinen, Perttu Kivilaakso und Paavo Lötjönen, die ihre eigene Geschichte noch einmal dort aufnahmen, wo 1996 alles richtig Fahrt aufgenommen hatte: bei der Musik von Metallica.
Fast drei Jahrzehnte liegen zwischen dem Debüt „Plays Metallica by Four Cellos“ und „Plays Metallica Vol. 2“. Das Prinzip klingt noch immer so absurd wie genial. Metallica ohne Gitarren. Dafür Celli, die sägen, knurren, singen und in den tiefen Lagen einen Druck erzeugen, der mit gepflegter Kammermusik wenig zu tun hat.
The Raven Age eröffnen den Abend im Schlachthof Wiesbaden
Bevor die ersten Cellobögen flogen, gehörte die Bühne The Raven Age. Die britische Band setzte auf einen modernen, melodischen Metal-Sound mit schweren Gitarren und atmosphärischen Passagen. Dabei steht nicht George Harris am Mikrofon, wie gelegentlich zu lesen ist: Harris spielt Gitarre, Frontmann ist Matt James. Zur Besetzung gehören außerdem Gitarrist Tommy Gentry, Bassist Matt Cox und Schlagzeuger Jai Patel.
Mit Stücken wie „Nostradamus“, „The Day the World Stood Still“, „The Journey“, „Essence of Time“ und „Grave of the Fireflies“ bekamen die Wiesbadener einen kompakten Vorgeschmack auf das, was The Raven Age ausmacht. Die für den Abend dokumentierte Setlist ist zwar ausdrücklich als unvollständig gekennzeichnet, zeigt aber gut die Richtung dieses halbstündigen Auftakts.
Dann Umbau. Kurze Pause. Und ein komplett anderes Klangbild.
Apocalyptica lassen Metallica-Klassiker auf dem Cello explodieren
„The Ecstasy of Gold“ leitete den Auftritt ein, danach ging es ohne Umweg in „Ride the Lightning“. Spätestens jetzt wurde klar, dass Apocalyptica ihre Metallica-Hommage nicht als nostalgische Rückschau verstehen. Die Finnen nehmen diese Songs auseinander, verschieben ihre Klangfarben und setzen sie neu zusammen, ohne den ursprünglichen Charakter glattzubügeln.
„Enter Sandman“ funktionierte im Schlachthof sofort. „Creeping Death“ wurde aggressiver, kantiger, während „For Whom the Bell Tolls“ gerade von den tiefen Frequenzen der Celli profitierte. Wo bei Metallica das Gitarrenriff marschiert, arbeiten sich bei Apocalyptica mehrere Saitenstimmen ineinander. Das Ergebnis klingt vertraut und gleichzeitig eigenartig neu.
Genau darin liegt seit 1996 die Stärke der Finnen. Sie spielen Metallica nicht einfach nach. Ihr Debüt entstand damals aus der Idee klassisch ausgebildeter Musiker der Sibelius-Akademie, ihre Lieblingsband mit den Instrumenten zu interpretieren, die sie beherrschten. Aus dem ungewöhnlichen Experiment wurde eine internationale Karriere.
Von „Battery“ bis „Master of Puppets“
Mit „Battery“ zog das Tempo weiter an, bevor „The Call of Ktulu“ mehr Raum für die instrumentale Seite der Band ließ. Auch „St. Anger“ und „The Four Horsemen“ standen in Wiesbaden auf dem Programm. Gerade solche Stücke zeigen, wie weit Apocalyptica inzwischen von einem bloßen Cello-Coverprojekt entfernt sind. Rhythmik, Attacke und Dynamik werden auf die eigenen Instrumente übertragen, statt Gitarrenparts lediglich Ton für Ton nachzubauen.
„Blackened“ setzte noch einmal einen harten Kontrast, danach kam einer jener Songs, bei denen sich die Atmosphäre im Schlachthof schlagartig veränderte. „Nothing Else Matters“ braucht keine brachiale Lautstärke. Die Melodie trägt allein, und auf dem Cello bekommt sie eine fast kammermusikalische Schwere.
Dann „Master of Puppets“. Wieder Spannung. Wieder Druck.
Das aktuelle Album „Plays Metallica Vol. 2“ knüpft bewusst an das Debüt an, geht musikalisch aber weiter. Auf der Platte wirkten sogar Metallica-Mitglieder mit: Rob Trujillo ist bei „The Four Horsemen“ zu hören, James Hetfield und Trujillo bei „One“. Apocalyptica beschreiben das Album selbst als neue Perspektive auf die Energie und Emotionalität der Metallica-Kompositionen.
„One“ beendet Apocalyptica in Wiesbaden
Für die Zugabe blieb „One“. Kein beliebiger Rausschmeißer, sondern ein Stück, das perfekt zu dieser Band passt: zunächst fragil, beinahe zerbrechlich, später immer bedrohlicher und härter. Die Cellisten konnten beide Extreme ausspielen.
Die für Wiesbaden dokumentierte Apocalyptica-Setlist nennt „Ride the Lightning“, „Enter Sandman“, „Creeping Death“, „For Whom the Bell Tolls“, „Battery“, „The Call of Ktulu“, „St. Anger“, „The Four Horsemen“, „Blackened“, „Nothing Else Matters“ und „Master of Puppets“, bevor „One“ als Zugabe folgte. Die Quelle weist allerdings darauf hin, dass die Aufzeichnung möglicherweise nicht vollständig ist.
Was an diesem Abend hängen blieb, war weniger die Frage, wie nah Apocalyptica am Metallica-Original liegen. Viel spannender war das Gegenteil. Nach fast 30 Jahren haben diese vier Saiten ihre eigene Sprache entwickelt. Und wenn im Schlachthof plötzlich „Master of Puppets“ aus mehreren Celli herausbricht, vermisst für ein paar Minuten niemand eine E-Gitarre.
Text & Foto © Jan Heesch














