
Cirque du Soleil „Corteo“ in Frankfurt: Poesie zum Träumen
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Cirque du Soleil Corteo Frankfurt verwandelte die Festhalle für einige Abende in einen Ort zwischen Zirkus, Theater und Traumwelt. Vom 30. Oktober bis 3. November 2019 gastierte die international erfolgreiche Produktion in Frankfurt und zeigte, wie eindrucksvoll moderner Zirkus funktionieren kann, wenn Artistik nicht zur bloßen Leistungsschau wird, sondern Teil einer Geschichte bleibt. Insgesamt standen acht Vorstellungen auf dem Spielplan der Festhalle.
Im Mittelpunkt steht Mauro. Ein Clown, der sich seine eigene Beerdigung vorstellt, allerdings keineswegs als düsteres Ende. Vielmehr entwickelt sich daraus eine eigenwillige, mal melancholische, mal ausgelassen komische Prozession. Genau von diesen Gegensätzen lebt „Corteo“: Leben und Tod, Stärke und Zerbrechlichkeit, Perfektion und menschliche Unvollkommenheit liegen ständig dicht beieinander.
Akrobatik bei Corteo wird Teil der Geschichte
Es sind die artistischen Nummern, die immer wieder für jene Sekunden sorgen, in denen es selbst in einer großen Arena plötzlich erstaunlich still wird. Körper schnellen in die Höhe, Bewegungen greifen mit enormer Präzision ineinander, und aus sichtbarer Kraft entsteht auf der Bühne etwas, das beinahe mühelos wirkt.
Doch „Corteo“ reiht seine spektakulären Nummern nicht einfach aneinander. Die Akrobatik wächst aus den einzelnen Szenen heraus und bleibt eng mit Mauros Fantasiewelt verbunden. Clowns, Musiker, Sänger und Artisten bewegen sich gemeinsam durch diese Erinnerungen und Bilder. Bei der damaligen Produktion standen insgesamt 51 Akrobaten, Musiker, Sänger und Schauspieler aus verschiedenen Ländern auf und über der Bühne.
Das macht den Unterschied. Eine technisch perfekte Darbietung beeindruckt. Eine Darbietung, die gleichzeitig eine Figur oder einen Gedanken weitererzählt, bleibt im Kopf.
Und genau darin liegt eine Stärke dieses Abends.
Die Bühne verändert die Festhalle Frankfurt
Besonders ungewöhnlich war das Bühnenkonzept. Die Spielfläche teilte das Publikum in zwei gegenüberliegende Zuschauerbereiche. Wer auf das Geschehen blickte, sah deshalb immer wieder auch die Menschen auf der anderen Seite. Die übliche klare Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum wurde zumindest optisch aufgebrochen.
Für die Arena-Version von „Corteo“ war dieses Konzept eine Besonderheit. Die Zuschauer erlebten einzelne Szenen aus einer Perspektive, die jener der Artisten ungewöhnlich nahekam. Handbemalte Vorhänge, deren Gestaltung vom Eiffelturm inspiriert wurde, gaben dem Bühnenraum dazu den Charakter eines alten europäischen Theaters.
Die monumentale Festhalle wirkte dadurch erstaunlich intim. Nicht klein. Aber näher.
Zwischen den artistischen Spitzen blieb Raum für stille Szenen, Musik und kleine Gesten, die bei einer Produktion dieser Größenordnung schnell untergehen könnten. „Corteo“ lässt ihnen diesen Platz.
Zwischen Komik, Melancholie und stillen Momenten
Der Titel „Corteo“ bedeutet Prozession oder Festzug. In Mauros Vorstellung wird daraus seine eigene Beerdigung in einer karnevalesken Welt. Engel wachen über das Geschehen, Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, Erinnerungen scheinen plötzlich Gestalt anzunehmen. Tragisches und Lächerliches stehen dabei ebenso nebeneinander wie Perfektion und Unvollkommenheit.
Das könnte schnell kitschig werden.
Wird es erstaunlich selten.
Denn die Inszenierung von Daniele Finzi Pasca gibt der Komik genügend Raum. Kleine Absurditäten durchbrechen die großen Bilder, Figuren dürfen schrullig sein, und manches fühlt sich an wie eine Erinnerung, die Mauro in seinem Kopf ein wenig schöner und größer werden lässt, als sie vielleicht tatsächlich war.
Die Musik hält diese Welt zusammen. Mal verspielt, mal lyrisch und zurückgenommen begleitet sie die Szenen, ohne sich ständig in den Vordergrund zu schieben. So entsteht eine Atmosphäre, die häufig näher am Theater liegt als am klassischen Zirkus.
Warum Cirque du Soleil mit „Corteo“ anders wirkt
„Corteo“ wurde ursprünglich als Produktion für das große Zirkuszelt entwickelt und später für Arenen angepasst. Bis zum damaligen Frankfurt-Gastspiel hatte die Show nach Veranstalterangaben bereits mehr als acht Millionen Zuschauer in 19 Ländern auf vier Kontinenten erreicht.
Die Zahlen erklären den Erfolg allerdings nur teilweise.
Interessanter ist, wie konsequent die Produktion ihre großen artistischen Bilder mit kleinen menschlichen Momenten verbindet. Ein Clown blickt auf sein Leben zurück. Freunde, Engel, Erinnerungen und Fantasiefiguren ziehen vorbei. Gleichzeitig vollbringen Artisten Dinge, bei denen man gelegentlich vergisst, dass Schwerkraft eigentlich ziemlich zuverlässig funktioniert.
Für einen Abend verliert sie in der Festhalle jedenfalls ein wenig von ihrer Autorität.
Text & Foto © by Jan Heesch














