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Ein Konzertbesuch im Frühjahr 2020 sah plötzlich völlig anders aus. Kein Gedränge vor der Bühne, kein Bier in der Hand zwischen Hunderten anderen Fans, kein gemeinsames Mitsingen Schulter an Schulter. Stattdessen saß das Publikum am 21. Mai in seinen Autos vor den Hessenhallen in Gießen. Auf der Bühne: Laith Al-Deen. Einen Tag vor der offiziellen Veröffentlichung seines neuen Albums „Kein Tag umsonst“ präsentierte der Sänger die neuen Songs erstmals live. Für Laith Al-Deen im Autokino Gießen wurde aus einer Notlösung damit ein Konzertabend, den es unter normalen Umständen vermutlich nie gegeben hätte.
Das Prinzip war damals noch ungewohnt. Die Bühne stand vor der großen Autokinoleinwand, das Livebild wurde zusätzlich auf rund 140 Quadratmeter projiziert. Den Ton hörten die Besucher über eine UKW-Frequenz direkt im Autoradio. Konzertfeeling mit geschlossenen Türen und Windschutzscheibe dazwischen. Klingt erst einmal seltsam. War es auch.
Normalerweise lebt ein Laith-Al-Deen-Konzert stark vom Kontakt zwischen Bühne und Publikum. Menschen singen mit, reagieren, werden laut. Im Autokino musste diese Verbindung neu entstehen.
Applaus funktionierte hier schließlich nur eingeschränkt. Dafür gab es Lichthupe, Warnblinker und Autohupen. Wo sonst Hände nach oben gehen, blinkten plötzlich Scheinwerferreihen auf. Das hatte etwas Skurriles, aber nach den Wochen ohne reguläre Veranstaltungen auch etwas Befreiendes.
Laith Al-Deen spielte tatsächlich live vor Ort. Wer weiter hinten stand, konnte ihn zusätzlich auf der großen Kinoleinwand verfolgen, während die Musik über das eigene Soundsystem im Wagen kam. Ein völlig anderes Hörerlebnis. Kein Bassdruck aus einer großen PA, der durch den Körper geht. Dafür eine erstaunlich direkte Situation zwischen Künstler, Bildschirm und Auto.
Und man konnte endlich wieder Live-Musik erleben.
Das war im Mai 2020 schon ziemlich viel.
Auch musikalisch war der Termin besonders. Das zehnte Studioalbum „Kein Tag umsonst“ erschien offiziell erst am folgenden Tag, dem 22. Mai 2020. Gießen bekam die zwölf neuen Stücke damit gewissermaßen vorab serviert.
Das Album beschäftigt sich mit Dingen, die Halt geben, mit Beziehungen, Selbstzweifeln und der Frage, was im Leben tatsächlich zählt. Songs wie „C’est La Vie“, „Liebe ist ein Geschenk“, „Zwischen den Zeilen“, „So nah“, „Du bist es wert“, „Glaub an dich“ und der Titelsong „Kein Tag umsonst“ gehören zu der zwölf Stücke umfassenden Veröffentlichung.
Im Mai 2020 bekamen einige dieser Texte plötzlich eine zusätzliche Ebene. Nicht weil sie für eine Pandemie geschrieben worden waren. Sondern weil ein Lied über Halt, Nähe oder Zuversicht anders wirkt, wenn das Publikum währenddessen getrennt in seinen Autos sitzt.
Al-Deen machte daraus keine große Corona-Pathosveranstaltung. Das war angenehm.
Natürlich trägt Laith Al-Deen genügend bekannte Stücke mit sich herum, um einen Abend nicht ausschließlich auf neues Material stellen zu müssen. „Bilder von Dir“, „Dein Lied“ und „Keine wie Du“ gehören seit Jahren zu seinem festen musikalischen Fundament. Sein Vorgängeralbum „Bleib unterwegs“ hatte 2016 sogar Platz eins der deutschen Albumcharts erreicht.
Gerade deshalb war diese Vorpremiere interessant. Der Mann hätte bequem einen bekannten Hit nach dem anderen spielen können. Stattdessen stand ein Album im Mittelpunkt, das außerhalb seines Teams zu diesem Zeitpunkt praktisch noch niemand vollständig kannte.
Das Publikum musste also zuhören.
In einem normalen Konzertsaal erkennt man schnell, wie ein neuer Song ankommt. Im Autokino sah das etwas anders aus. Kein lauter Jubel direkt vor der Bühne. Stattdessen Lichtsignale, Hupen und Bewegung hinter Windschutzscheiben.
Gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie charmant.
Viele Autokino-Konzerte entstanden 2020 aus einer ziemlich simplen Frage: Wie kann überhaupt noch live gespielt werden, wenn klassische Veranstaltungen nicht möglich sind?
Gießen fand mit den Hessenhallen eine Antwort. Bei Laith Al-Deen kam noch der Zufall des Veröffentlichungstermins hinzu. Einen Abend vor dem Release eines neuen Albums hätte normalerweise wahrscheinlich ein Club, Theater oder eine Halle auf dem Programm gestanden. Stattdessen parkten die Fans ihre Autos vor einer Leinwand und stellten die richtige Radiofrequenz ein.
Das ersetzt kein normales Konzert. Sollte es auch nicht.
Aber für diesen einen Abend funktionierte es. Man sah wieder Musiker auf einer Bühne, hörte neue Songs tatsächlich live und konnte zumindest für ein paar Stunden etwas zurückholen, das wenige Monate zuvor noch vollkommen selbstverständlich gewesen war.
Text & Foto © Jan Heesch
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