Revolverheld live beim Autokino-Konzert an der Hessenhalle Gießen 2020

Revolverheld im Autokino Gießen: Live-Musik hinter der Windschutzscheibe

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Am 22. Mai 2020 standen Revolverheld auf einer Bühne vor der Hessenhalle Gießen. Das allein wäre kaum bemerkenswert gewesen. Doch im Frühjahr 2020 war bei Konzerten nichts mehr normal: Statt dicht gedrängt vor der Bühne saßen die Besucher in ihren Autos, den Sound empfingen sie über das Autoradio. Revolverheld im Autokino Gießen wurde damit zu einem dieser sehr speziellen Konzertabende, die unmittelbar mit den ersten Monaten der Corona-Pandemie verbunden bleiben.

Das Interesse war enorm. Der ursprünglich für den 22. Mai angesetzte Termin war innerhalb von rund 30 Minuten ausverkauft, weshalb kurzfristig ein Zusatzkonzert am 20. Mai angesetzt wurde. Auch dieses war schnell vergriffen. Pro Show waren lediglich 250 Fahrzeuge zugelassen.

Vom Kultursommer direkt auf den Parkplatz der Hessenhalle

Für Revolverheld war Gießen kein unbekanntes Pflaster. Erst im August 2019 hatte die Band beim Gießener Kultursommer auf dem Kloster Schiffenberg gespielt. Weniger als neun Monate später sah die Welt komplett anders aus.

Großveranstaltungen waren verboten, Festivals und Tourneen abgesagt oder verschoben. Veranstalter Konzertbüro Bahl und Kinopolis reagierten darauf mit einem temporären Autokino auf dem Parkplatzgelände an der Hessenhalle. Neben Filmen sollten dort auch Konzerte stattfinden. Revolverheld gehörten zu den ersten großen Bands, die dieses Experiment in Gießen wagten.

Die Bühne stand vorne, dahinter beziehungsweise daneben eine 140 Quadratmeter große Leinwand, auf der Johannes Strate und seine Mitstreiter auch für die hinteren Reihen zu sehen waren. Der entscheidende Unterschied zu einem normalen Konzert steckte allerdings im Armaturenbrett: Der Live-Ton wurde über eine UKW-Frequenz direkt ins Autoradio übertragen.

Schon das Einschalten der richtigen Frequenz gehörte plötzlich zum Konzertbesuch.

Applaus mit der Lichthupe

Bei einem Revolverheld-Konzert wird normalerweise gesungen, geklatscht und gerufen. In Gießen war genau das nur sehr eingeschränkt möglich.

Die Motoren mussten ausbleiben, die Fenster grundsätzlich geschlossen bleiben. Hupen war aus Rücksicht auf die Anwohner ausdrücklich nicht erwünscht. Also bekam der Applaus eine neue Form: Lichthupe. Nach Songs blitzten Scheinwerfer auf dem Parkplatz auf, und die Band musste lernen, die Reaktion ihres Publikums eher zu sehen als zu hören.

Das war gewöhnungsbedürftig. Für beide Seiten.

Gerade der direkte Austausch gehört schließlich zu einem Konzert. Wer vor Hunderten Autos spielt, hört keinen Chor aus dem Publikum und kein Klatschen, das nach einem Song anschwillt. Ein zeitgenössischer Bericht über den ersten der beiden Gießener Abende beschreibt genau diese Distanz: Auf dem Gelände selbst war außer dem Schlagzeug wenig vom eigentlichen Konzertton zu hören, während die Besucher die Musik in ihren Fahrzeugen empfingen.

Und trotzdem saßen dort Menschen, die endlich wieder eine Band live vor sich sahen.

Revolverheld zwischen Abstand und vertrauten Songs

Für Johannes Strate, Kristoffer Hünecke, Niels Grötsch und Jakob Sinn war diese Situation ebenfalls neu. Revolverheld sind eine Band, deren große Songs stark von gemeinschaftlichen Momenten leben. „Halt dich an mir fest“, „Ich lass für dich das Licht an“, „Spinner“, „Das kann uns keiner nehmen“ oder „Immer in Bewegung“ funktionieren normalerweise besonders dann, wenn vor der Bühne viele Stimmen zusammenkommen.

Im Autokino musste dieses Konzertgefühl anders entstehen.

Man sah Menschen hinter Windschutzscheiben mitsingen. Scheinwerfer blinkten. Manche bewegten sich auf ihren Sitzen, soweit das in einem Auto eben möglich ist. Der Parkplatz wurde dadurch nicht plötzlich zur Festivalwiese. Das wäre auch eine falsche Romantisierung dieses Formats.

Es blieb ein Konzert mit Abstand.

Aber es war ein Konzert.

Ein ungewöhnlicher Konzertabend aus dem Frühjahr 2020

Das Autokino konnte eine volle Halle oder ein Open-Air nicht ersetzen. Gerade die fehlende unmittelbare Reaktion zwischen Band und Publikum machte deutlich, was Live-Musik normalerweise auszeichnet. Auch der Bericht über das erste Revolverheld-Konzert in Gießen kam damals zu einem eher nüchternen Urteil: Das Format bot nur einen Teil der gewohnten Konzertatmosphäre, war unter den damaligen Umständen aber eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt größere Live-Acts zu erleben. Die Organisation vor Ort wurde ausdrücklich gelobt.

Genau deshalb ist der Abend rückblickend interessant. Nicht, weil plötzlich das perfekte neue Konzertformat entdeckt worden wäre. Sondern weil Veranstalter, Musiker und Besucher unter ziemlich schwierigen Bedingungen versucht haben, Kultur überhaupt stattfinden zu lassen.

250 Autos vor einer Bühne. Musik aus dem Autoradio. Lichtsignale statt Applaus.

Im Mai 2020 war das für viele schon verdammt nah an einem richtigen Konzert.

Text & Foto © Jan Heesch

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