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Man kennt ihn von den ganz großen Bühnen der Welt. Ob als charismatischer Frontmann von Alter Bridge oder an der Seite von Slash vor zehntausenden rockenden Fans: Myles Kennedy besitzt eine jener Stimmen, die mühelos jede Arena füllen. Doch am gestrigen Abend zeigte sich der US-amerikanische Ausnahmesänger von einer völlig anderen, ungewohnt nahbaren Seite. Mit seiner Solo-Tour zum stark reflektierten Debütalbum „Year of the Tiger“ gastierte er im restlos ausverkauften Colos-Saal in Aschaffenburg – und verwandelte den ehrwürdigen Club in einen Ort voller Intimität und musikalischer Tiefenwirkung.
Bevor der Meister selbst die Bühne betrat, übernahm ein nicht minder spannender Gast den Support: Dorian Sorriaux, weithin bekannt als brillanter Gitarrist der schwedischen Blues-Rock-Größen Blues Pills, eröffnete den Abend. Ganz allein mit seiner Gitarre stand er im spärlichen Licht und präsentierte eine feine Auswahl erdiger, handgemachter Songs. Mit seiner warmen, bluesigen Note und einem unaufgeregten, aber hochpräzisen Gitarrenspiel zog er das anwesende Publikum schnell in seinen Bann. Ein stimmiger, ehrlicher Auftakt, der die perfekte akustische Brücke zum folgenden Hauptact schlug.
Als Myles Kennedy schließlich die Bühne betrat, spürte man sofort die besondere Anspannung und Vorfreude im Saal. Das Album „Year of the Tiger“, an dem er seit 2009 in unregelmäßigen Abständen gearbeitet und das nach einigen Verschiebungen im März das Licht der Welt erblickt hatte, ist für den Musiker ein absolutes Herzensprojekt. Es verarbeitet die schweren Jahre nach dem Verlust seines Vaters und taucht tief in die Wurzeln des Akustik-Rock, Blues und Americana ein.
Im engen Rahmen des Colos-Saals entfalteten diese Songs eine schier greifbare Intensität. Kennedy, der längst nicht mehr nur als herausragender Sänger, sondern auch als Meister an der Gitarre geschätzt wird, wechselte an diesem Abend mühelos zwischen akustischen und elektrischen Instrumenten. Stücke wie der Titeltrack „Year of the Tiger“ lebten von dieser ungefilterten Ehrlichkeit. Es gab keine pyrotechnischen Effekte oder wuchtigen Stadionwände, die von der Musik ablenken konnten – es zählte allein das Songwriting, die makellose Intonation und das feinfühlig eingespielte Zusammenspiel seiner Band.
Das Publikum im Colos-Saal dankte es ihm mit andächtiger Stille während der leisen, melancholischen Passagen und frenetischem Applaus, wenn die Nummern an Fahrt aufnahmen. Kennedy wirkte sichtlich entspannt, genoss die Nähe zu seinen Fans und schlug zwischen den Songs mit kleinen Anekdoten die Brücke zu den Entstehungsgeschichten seiner Stücke. Nach gut anderthalb Stunden intensiver Live-Musik verließ ein sichtlich zufriedener Ausnahmekünstler unter stehenden Ovationen die Bretter. Ein rarer, hoch emotionaler Club-Abend, der bewiesen hat, dass wahre musikalische Größe keine großen Bühnen braucht, um tief zu berühren.
Foto © by Jan Heesch
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