
Nibelungen-Festspiele Worms 2019: „Überwältigung“ vor dem Dom
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Worms und die Nibelungen gehören zusammen. Doch wer glaubt, die Geschichte von Siegfried, Kriemhild, Brünhild und Hagen sei längst auserzählt, bekommt bei den Nibelungen-Festspielen 2019 eine ziemlich deutliche Antwort. Mit „Überwältigung“ nimmt Autor Thomas Melle den bekannten Stoff auseinander und setzt ihn neu zusammen. Nicht irgendwo. Sondern unmittelbar vor dem Nordportal des Wormser Doms.
Wir waren auch in diesem Jahr bei den Fotoproben der Nibelungen-Festspiele Worms dabei und haben erste Szenen der Inszenierung mit der Kamera festgehalten. Schon während der Probe zeigte sich, dass Regisseurin Lilja Rupprecht nicht auf historisches Ausstattungstheater setzt. Ihre Bilder sind kühl, groß und teilweise verstörend. Genau das passt zu einem Stück, das ständig an einer entscheidenden Frage rüttelt: Kann eine Geschichte anders enden, wenn ihre Figuren ihr Ende bereits kennen?
Klaus Maria Brandauer wird zu Hagen
Im Mittelpunkt steht Klaus Maria Brandauer als Hagen. Eine Besetzung, die bereits im Vorfeld für Aufmerksamkeit sorgte. Brandauer gehört seit Jahrzehnten zu den international bekanntesten deutschsprachigen Schauspielern. Filme wie „Mephisto“, „James Bond 007 – Sag niemals nie“ und „Jenseits von Afrika“ machten ihn weit über den deutschsprachigen Raum hinaus bekannt.
In Worms übernimmt er nun eine der zentralen Figuren des Nibelungenstoffes. Und Hagen ist in Thomas Melles Version weit mehr als der bekannte finstere Gegenspieler Siegfrieds.
Um Brandauer versammelt sich ein starkes Ensemble. Kathleen Morgeneyer spielt Kriemhild, Inga Busch Brünhild, Alexander Simon Siegfried, Moritz Grove Gunther und Boris Aljinovic Gernot. Lisa Hrdina ist als Ortlieb zu sehen, Andreas Leupold als Ute, Winfried Küppers als Frigga und Edgar Eckert als Spielmann.
Hinzu kommen Sänger, Musiker, der Chor der Nibelungen sowie „Ortliebs Schatten“. Dadurch entstehen vor der gewaltigen Domfassade Szenen, die weit über ein klassisches Schauspiel mit zehn Hauptdarstellern hinausgehen.
„Überwältigung“ erzählt die Nibelungen vom Ende her
Thomas Melle macht etwas Spannendes. Er beginnt dort, wo andere Erzählungen aufhören.
Am Hof des Hunnenkönigs Etzel ist die Katastrophe bereits geschehen. Die Burgunder sind dem Untergang geweiht. Tod und Vernichtung stehen am Anfang. Dann aber weigern sich die Toten plötzlich, ihr Schicksal einfach hinzunehmen.
Die Geschichte startet neu.
Siegfried kämpft gegen den Drachen, Brünhild wird betrogen, Hagen schmiedet seine Intrige und der vermeintlich unverwundbare Siegfried bewegt sich erneut auf seinen Tod zu. Nur diesmal wissen die Figuren, wohin ihre Entscheidungen führen werden. Sie versuchen deshalb, gegen ihre eigene Geschichte anzuspielen und einen anderen Weg zu finden.
Genau darin steckt die eigentliche Stärke des Stücks. Die Nibelungensage dient Melle als Versuchsanordnung für eine ziemlich gegenwärtige Frage: Lernen Menschen tatsächlich aus den Folgen ihres Handelns oder wiederholen sie dieselben Fehler, obwohl sie es besser wissen müssten?
Das klingt theoretisch. Auf der Bühne ist es das nicht.
Lilja Rupprecht setzt auf starke Bilder
Regisseurin Lilja Rupprecht arbeitet gemeinsam mit Bühnenbildnerin Anne Ehrlich mit einer auffallend reduzierten Bildsprache. Rund 600 Quadratmeter weißes Tuch bilden eine kalte, beinahe gletscherartige Landschaft vor dem Dom.
Und genau dieser Kontrast funktioniert.
Hinter der Bühne ragt der jahrhundertealte Wormser Dom empor, davor entsteht eine moderne Theaterwelt aus Licht, Stoff, Bewegung, Video und Musik. Die Figuren wirken darin manchmal klein, dann wieder monumental. Die historische Kulisse wird nicht versteckt. Sie wird Teil der Inszenierung.
Für das Videodesign und die Live-Kamera zeichnet Moritz Grewenig verantwortlich, die Videokunst stammt von Tilo Baumgärtel. Friederike Bernhardt komponierte die Musik, Hartmut Litzinger und Jürgen Kapitein verantworten das Lichtdesign.
Gerade bei einer Fotoprobe ist interessant zu beobachten, wie stark diese Ebenen ineinandergreifen. Gesichter verschwinden im Schatten, Gruppen formieren sich, einzelne Figuren lösen sich daraus wieder. Dann verändert ein Lichtwechsel das komplette Bild.
Der Dom bleibt dabei immer präsent.
Ein Nibelungenstoff mit Gegenwartsbezug
„Überwältigung“ will die bekannte Sage nicht einfach noch einmal erzählen. Thomas Melle interessiert vielmehr der Moment, in dem Menschen erkennen, was ihre Entscheidungen angerichtet haben.
Das verändert auch den Blick auf Figuren, deren Schicksal seit Jahrhunderten festgeschrieben scheint.
Besonders Ortlieb bekommt dabei Gewicht. Das Kind wird gewissermaßen zur Stimme einer Generation, die mit den Entscheidungen der Erwachsenen leben muss. Bei der Premiere wurde gerade dieser Aspekt als Verbindung zur Gegenwart und sogar zu den damaligen Debatten rund um Fridays for Future wahrgenommen.
Plötzlich liegen zwischen einer rund 800 Jahre alten Heldensage und dem Jahr 2019 gar keine Welten mehr.
Das ist unbequem. Und gut so.
Nibelungen-Festspiele 2019 vor historischer Kulisse
Die Uraufführung von „Überwältigung“ fand am 12. Juli 2019 statt. Gespielt wurde bis zum 28. Juli auf der Freilichtbühne am Nordportal des Wormser Doms.
Der Spielort könnte kaum passender sein. Ausgerechnet an der Nordseite des Wormser Doms verortet die Überlieferung eine Schlüsselszene der Sage: den Streit der Königinnen. Für die Festspiele entsteht hier Jahr für Jahr eine Tribüne mit rund 1.300 Plätzen.
2019 war das Interesse enorm. Bereits vor Beginn der Festspiele wurden sämtliche Vorstellungen als ausverkauft gemeldet.
Kein Wunder, dass rund um den Dom schon während der Proben diese besondere Festspielatmosphäre zu spüren war. Worms wird in diesen Wochen tatsächlich ein wenig zur Theaterstadt.
Unsere Impressionen von den Fotoproben
Bei den Fotoproben konnten wir erste intensive Momente von „Überwältigung“ festhalten. Klaus Maria Brandauer als Hagen, Kathleen Morgeneyer als Kriemhild, Alexander Simon als Siegfried, Inga Busch als Brünhild und die weiteren Ensemblemitglieder stehen dabei nicht einfach vor einer historischen Kulisse.
Der Dom, das weiße Bühnenbild, die Körper der Darsteller und das harte Licht greifen ineinander.
Manchmal genügt eine einzelne Figur.
Dann füllt wieder fast das komplette Ensemble die Bühne.
Für Fotografen ist diese Inszenierung ein Geschenk, allerdings keines, das einem die Bilder einfach vor die Füße legt. Vieles lebt von Kontrasten, Schatten und ungewöhnlichen Perspektiven. Wer nur auf den prominenten Namen im Sucher wartet, verpasst einen Teil dessen, was diese Bühne ausmacht.
„Überwältigung“ zeigt schon bei den Fotoproben, welchen Weg die Nibelungen-Festspiele 2019 einschlagen: kein gemütlicher Ausflug ins Mittelalter, sondern eine moderne Auseinandersetzung mit Schuld, Schicksal und der Möglichkeit, den Lauf einer bekannten Geschichte doch noch zu verändern.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













