Tears for Fears bei Summer in the City 2019 in der Zitadelle Mainz

Everybody Wants to Rule the World – Tears for Fears in der Zitadelle Mainz

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Ein warmer Sommerabend, eine historische Kulisse und Songs, die längst mehrere Generationen überlebt haben: Tears for Fears gastierten am 14. Juli 2019 im Rahmen von Summer in the City in der Zitadelle Mainz. Roland Orzabal und Curt Smith brauchten dabei keine lange Anlaufzeit. Gleich zum Auftakt kam jener Song, den vermutlich fast jeder auf dem Gelände schon nach wenigen Sekunden erkannt hatte: „Everybody Wants to Rule the World“. Der Termin in Mainz gehörte zur damaligen „Rule The World“-Tour und folgte unmittelbar auf Auftritte beim Tollwood Festival in München und in Bruchsal.

Das Publikum stand. Und damit zeigte sich ziemlich schnell ein Problem des Abends.

Lawrence Taylor stimmt Mainz auf Tears for Fears ein

Bevor die britischen Pop-Ikonen die Bühne übernahmen, gehörte sie zunächst Lawrence Taylor. Bei angenehm sommerlichen Temperaturen musste der Support keine frierenden Open-Air-Besucher aus der Reserve locken. Die Voraussetzungen passten ohnehin.

Taylor nutzte seine Spielzeit, um das ankommende Publikum auf den Hauptact einzustimmen. Kein unnötiges Spektakel, sondern ein kompakter Auftakt, der seinen Zweck erfüllte. Die Zitadelle füllte sich, Gespräche wurden langsam weniger und die Aufmerksamkeit wanderte Richtung Bühne.

Dann wurde es Zeit für Tears for Fears.

„Everybody Wants to Rule the World“ eröffnet den Abend

Normalerweise hebt man sich einen der größten Hits für später auf. Tears for Fears machten es genau andersherum.

Schon auf der „Rule The World“-Tour war „Everybody Wants to Rule the World“ als Eröffnungssong gesetzt. Ein cleverer Einstieg. Man muss niemandem erst erklären, dass das Konzert jetzt wirklich angefangen hat. Die ersten Takte reichen.

Auch in Mainz funktionierte das sofort. Kaum standen Roland Orzabal und Curt Smith auf der Bühne, hielt es einen großen Teil der Besucher nicht mehr auf den Stühlen. Aus dem bestuhlten Open-Air-Konzert wurde innerhalb weniger Augenblicke eine stehende Veranstaltung.

Musikalisch saß der Einstieg. Organisatorisch offenbar weniger.

Enge Bestuhlung wird zum Ärgernis

Der Vorverkauf war gut gelaufen und entsprechend eng standen die Stuhlreihen in der Zitadelle. Solange alle Besucher saßen, funktionierte das Konzept. Sobald die Menschen bei den großen Hits aufstanden, wurde es jedoch unangenehm eng.

Ein Durchkommen zwischen den Reihen war teilweise kaum noch möglich.

Wer sich während der rund 90-minütigen Show etwas zu trinken holen wollte, brauchte Geduld oder musste sich durch die stehenden Besucher arbeiten. Gerade bei einem Popkonzert von Tears for Fears hätte man einkalkulieren können, dass „Everybody Wants to Rule the World“, „Mad World“ oder später „Shout“ nicht unbedingt Songs sind, bei denen das komplette Publikum brav sitzen bleibt.

Das war der Schwachpunkt des Abends. Und ein vermeidbarer.

Tears for Fears setzen auf Präzision statt große Gesten

Auf der Bühne sah die Sache anders aus. Tears for Fears lieferten musikalisch eine präzise und ausgesprochen sauber gespielte Show.

Vielleicht sogar etwas zu sauber.

Orzabal und Smith konzentrierten sich weitgehend auf ihre Musik. Ausgedehnte Geschichten zwischen den Songs, spontane Dialoge mit dem Publikum oder längere Ansagen gab es kaum. Die Vorstellung der Band gehörte zu den wenigen direkten Wortbeiträgen des Abends.

Das kann man mögen. Wer ausschließlich wegen der Songs gekommen war, bekam eine konzentrierte Hitshow ohne unnötige Unterbrechungen. Wer von einem Livekonzert allerdings jene kleinen Unwägbarkeiten erwartet, die einen Abend einmalig machen, dürfte etwas vermisst haben.

Denn genau hier lag der Widerspruch dieses Konzerts: Musikalisch gab es wenig auszusetzen, emotional blieb zwischen Bühne und Publikum trotzdem etwas Abstand.

„Mad World“, „Woman in Chains“ und die großen Klassiker

Beim Songmaterial konnten Tears for Fears dagegen aus dem Vollen schöpfen. Die Tournee 2019 führte tief durch die Bandgeschichte. Neben „Everybody Wants to Rule the World“ gehörten unter anderem „Sowing the Seeds of Love“, „Pale Shelter“, „Break It Down Again“, „Change“, „Mad World“, „Memories Fade“, „Woman in Chains“, „Badman’s Song“ und „Head Over Heels“ zum damaligen Programm. Selbst eine Version von Radioheads „Creep“ fand auf dieser Tour ihren Platz.

Damit wurde schnell klar, welchen Stellenwert das Konzert für viele Besucher hatte. Besonders die großen Songs aus den 1980er-Jahren lösten unmittelbar Reaktionen aus. Hier musste niemand zum Mitsingen aufgefordert werden.

„Mad World“ gehört zu jenen Liedern, deren Wirkung sich über Jahrzehnte kaum abgenutzt hat. Noch stärker zeigte sich das bei „Woman in Chains“. Tears for Fears konnten sich auf ihre Kompositionen verlassen. Viel Show drumherum brauchten diese Songs nicht.

Und dann fehlte eigentlich nur noch einer.

„Shout“ setzt den Schlusspunkt in der Zitadelle

Das Finale war praktisch vorprogrammiert. „Shout“ bildete auf der „Rule The World“-Tour regelmäßig den Abschluss und machte auch deutlich, warum dieser Song seit 1984 zu den zentralen Stücken der Band gehört.

Jetzt war endgültig niemand mehr wegen der Sitzplätze gekommen.

Die Zitadelle sang den Refrain mit, die letzten Reserven wurden mobilisiert und für einige Minuten verschwand auch jene Distanz, die zuvor stellenweise zwischen Band und Publikum gelegen hatte. Genau solche Momente zeigen, welche Kraft diese Songs Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung noch besitzen.

Tears for Fears lieferten in Mainz keinen Abend voller spontaner Überraschungen. Sie lieferten ihre Songs. Sehr präzise, klanglich sauber und mit einer Setlist, die tief genug in die eigene Geschichte griff, um Fans verschiedener Phasen mitzunehmen.

Manchmal hätte ein bisschen weniger Perfektion sogar gutgetan.

Aber wenn an einem warmen Sommerabend in der Mainzer Zitadelle Tausende gemeinsam „Shout“ singen, wird ziemlich deutlich, warum Tears for Fears nach all den Jahren noch immer auf großen Bühnen stehen.

Text & Fotos © Jan Heesch

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