
Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein: Torsten Sträter begeistert Gießen mit Humor und Improvisation
Beitrag teilen
Wenn Torsten Sträter die Bühne betritt, weiß man im Grunde genau, was einen erwartet – und wird am Ende doch völlig überrascht. Mit seinem unverkennbaren Programm „Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein“ gastierte der Meister des sonoren Deutsch und der tiefenentspannten Pointen-Dichte in Gießen. Was der Kabarettist im Vorfeld versprochen hatte, löste er auf der Bühne ohne Abstriche ein: Eine große Tüte Pointen, lässig runtergebrummt, und Geschichten, die man garantiert noch nicht auf YouTube oder im Fernsehen gesehen hatte.
Technischer Holperstart? Kein Problem für Sträter
Schon die ersten Minuten zeigten, dass ein Abend mit Sträter weit über ein starres Stand-up-Skript hinausgeht. Weil die Technik zu Beginn nicht ganz so wollte wie die Verantwortlichen, wurde der Tontechniker kurzerhand zum fixen Bestandteil der Show ernannt. Wer auch immer im Saal irgendwie auffiel oder vom gewohnten Raster abwich, geriet unweigerlich in den Fokus des Improvisations-Genies.
Doch anstatt sich aus der Ruhe bringen zu lassen, machte Sträter das Einzige, was ein echter Profi tun kann: Er dehnte die Show kurzerhand aus. Wie er selbst mit einem Schmunzeln anmerkte, sei es ohnehin schwer, die angepeilten zwei Stunden einzuhalten, wenn es so viel zu erzählen gibt. Und da ohnehin niemand auf der Flucht war, nahm das Publikum diese Zugabe an reinem Wortwitz mehr als dankbar an.
Vom Tapezieren in L.A. bis zum Kampf mit modernen Trends
Neben Passagen aus seinem aktuellen Live-Programm, das unter anderem eine launige Story im Gepäck hatte, die im fernen Los Angeles entstand („You know… Sunset Boulevard…“), brillierte Sträter vor allem durch seine genialen Abschweifungen. So gab es die gewohnte Dosis feinstes Polit-Kabarett, den obligatorischen Blick auf den Alltag der jüngeren Generationen und eine wunderbare Abrechnung mit moderner Technologie. Wenn Sträter erklärt, dass „die Cloud“ in seiner Jugend noch eine völlig andere Bedeutung hatte und die unerlaubte Mitnahme fremden Eigentums umschrieb, bleibt im Saal kein Auge trocken.
Auch vor Selbstironie schreckte der Mann mit der Mütze nicht zurück. So berichtete er detailreich von seinen heroischen Versuchen mit einer radikalen Diät, bei der Porree im Mittelpunkt stand, und erklärte dem amüsierten Publikum, dass ein Intervallfasten von „16 Stunden fasten und 8 Stunden essen“ eben nicht bedeutet, die gesamten acht Stunden durchgehend zu kauen. Wie sich das Ganze am Ende schlüssig mit dem Weltklima und einem katholischen Priester verknüpfen lässt, bleibt am besten jenen vorbehalten, die sich diesen Live-Abend selbst zu Gemüte geführt haben.
Musikalische Einstimmung durch die Lokalmatadore Lebendig
Bevor Sträter die Bretter betrat, gehörte die Bühne der Band Lebendig. Die Formation aus Gießen übernahm charmant und druckvoll die Aufgabe, die Wartenden ab Einlass mit einer gelungenen Mischung aus eigenen Titeln und handverlesenen Coversongs auf Betriebstemperatur zu bringen.
Als schließlich auch noch eine stimmungsvolle Weihnachtsgeschichte vorgetragen wurde und die letzten Lacher verklangen, war der Abend perfekt. Ein rundum gelungener Schlagabtausch zwischen Künstler und Publikum, der bewies: Pünktlichkeit ist vielleicht eine Tugend, aber unpünktlich und dafür grandios unterhalten zu werden, ist eindeutig die bessere Wahl.
Text & Foto © by Jan Heesch














