Alice Cooper in Butzbach bei seiner Schock-Rock-Show im historischen Schlosshof am 4. Juli 2024

Alice Cooper in Butzbach: Der Schlosshof wird zur Bühne des Schock-Rock

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Er ist noch gar nicht richtig zu sehen, da beginnt das Theater bereits. Eine Stimme verliest die Anklage gegen Alice Cooper, aus den Lautsprechern kommt das erwartete „Guilty!“, wenig später schneidet sich der Angeklagte seinen Weg auf die Bühne frei. Rund um ihn erhebt sich die historische Kulisse des Butzbacher Schlosshofs. Davor wartet ein Publikum, das genau weiß, was jetzt kommt. Oder zumindest glaubt, es zu wissen.

Am 4. Juli 2024 machte Alice Cooper mit seiner „Too Close For Comfort“-Tour beim Butzbach Open Air Station. Die Stadt hatte den Schock-Rock-Pionier für eine von sechs deutschen Sommershows angekündigt.

Black Mirrors drehen früh die Verstärker auf

Bevor Horror, Guillotine und schwarzer Zylinder übernehmen, gehört die Bühne Black Mirrors. Die belgische Rockband um Sängerin Marcella Di Troia erwischt einen dankbaren Slot: Der Schlosshof ist längst gefüllt, die Menschen stehen dicht vor der Bühne und warten auf Rockmusik.

Die bekommen sie.

Black Mirrors setzen nicht auf langes Vorgeplänkel. Gitarren nach vorne, Rhythmussektion dahinter, Di Troia mittendrin. Stücke wie „Funky Queen“, „Burning Warriors“ und das herrlich betitelte „Günther Kimmich“ bringen Bewegung in die ersten Reihen. Das ist deutlich mehr als bloße Wartezeit auf den Hauptact.

Dann wird umgebaut.

Und mit jedem Handgriff auf der Bühne wächst die Erwartung. Schließlich ist ein Alice-Cooper-Konzert seit Jahrzehnten eben halb Rockshow, halb schwarzes Theater.

Alice Cooper beginnt mit einem Schuldspruch

Kurz nach 21 Uhr hämmert Glen Sobel das Intro von „Lock Me Up“ ins Schlagzeug. Die Band steht bereits auf der erhöhten Bühnenkonstruktion, Nita Strauss setzt mit der Gitarre nach. Dann erscheint Alice Cooper.

Zylinder. Dunkles Augen-Make-up. Stock.

Da steht keine Figur, die erst langsam in einen Konzertabend finden muss. Cooper ist sofort Alice Cooper.

Mit „Welcome to the Show“ folgt der einzige Song des Abends aus dem 2023 erschienenen Album „Road“, danach schlägt die Setlist weit zurück. „No More Mr. Nice Guy“, „I’m Eighteen“, „Under My Wheels“. Drei Songs, drei Jahrzehnte Rockgeschichte scheinen gleichzeitig durch den Schlosshof zu ziehen. Die aktuelle Touring-Band mit Ryan Roxie, Tommy Henriksen und Nita Strauss an den Gitarren, Chuck Garric am Bass sowie Glen Sobel am Schlagzeug gibt den alten Nummern dabei ordentlich Druck.

Gerade Strauss steht immer wieder im Mittelpunkt. Ein Solo hier, ein kurzer Schlagabtausch mit den anderen Gitarristen dort. Cooper lässt seinen Musikern Platz, bevor er die Aufmerksamkeit mit der nächsten Requisite wieder an sich zieht.

Poison, Cold Ethyl und das große Horrortheater

Mit „Bed of Nails“ springt die Show in die späten Achtziger, danach folgen „Billion Dollar Babies“ und „He’s Back (The Man Behind the Mask)“. Die Setlist funktioniert wie eine Fahrt quer durch Coopers Karriere.

Aber nur Songs abzuspielen wäre ihm zu wenig.

Bei „Welcome to My Nightmare“ kippt die Bühne endgültig ins makabre Theater. „Cold Ethyl“ gehört ohnehin zu diesen Cooper-Nummern, bei denen schwarzer Humor und morbide Inszenierung kaum voneinander zu trennen sind. „Go to Hell“ legt nach.

Dann fällt dieses Gitarrenriff.

„Poison“.

Jetzt muss im Schlosshof niemand mehr aufgewärmt werden. Der Refrain kommt laut zurück, Hände gehen hoch und für ein paar Minuten gehört die Bühne einem der größten Hits seiner Karriere.

„Feed My Frankenstein“ hält die Szenerie anschließend im Horrormodus. Und Cooper arbeitet weiter mit genau jener Mischung aus Überzeichnung, schwarzem Humor und Rocktheater, die andere nachspielen können, die bei ihm aber nach mehr als fünf Jahrzehnten noch immer erstaunlich selbstverständlich wirkt.

Die Guillotine wartet schon

Irgendwann hat Alice Cooper in seiner Bühnenwelt genügend Verbrechen begangen.

Das Urteil folgt.

Seine Tochter Calico Cooper, selbst seit Jahren Teil verschiedener Alice-Cooper-Produktionen, führt ihn zur Guillotine. Sekunden später fällt das Messer. Der Kopf ist ab.

Natürlich nur vorübergehend.

Denn ein Alice Cooper bleibt nicht lange tot. Wenig später steht er wieder auf der Bühne und geht mit „Elected“ gleich in den Wahlkampf. Die makabre Hinrichtung wird zur politischen Groteske, der Schlosshof jubelt.

Genau diese Übergänge machen die Show aus. Ein Song endet nicht einfach. Er führt in die nächste Szene, eine Requisite verschwindet, eine andere taucht auf, Kostüme wechseln. Konzert und Theater hängen ständig ineinander.

School’s Out setzt den Schlosshof ein letztes Mal in Bewegung

Nach gut anderthalb Stunden bleibt eigentlich nur noch ein möglicher Schlusspunkt.

Die ersten Akkorde von „School’s Out“ reichen.

Jetzt singt Butzbach geschlossen mit. Cooper verbindet seinen Klassiker mit Pink Floyds „Another Brick in the Wall (Part 2)“, die Band zieht noch einmal an und vor der Bühne wird aus dem Schlosshof eine einzige große Rockparty.

Ein paar Minuten zuvor lag Alice Cooper noch unter der Guillotine. Jetzt steht er wieder vorne, dirigiert das Publikum und beendet den Abend mit einem Song aus dem Jahr 1972.

Historische Schlossmauern. Drei Gitarren. Schwarzer Zylinder. Eine Guillotine.

Für Alice Cooper ein ziemlich normaler Donnerstagabend.

Setlist von Alice Cooper in Butzbach

  1. Lock Me Up
  2. Welcome to the Show
  3. No More Mr. Nice Guy
  4. I’m Eighteen
  5. Under My Wheels
  6. Bed of Nails
  7. Billion Dollar Babies
  8. He’s Back (The Man Behind the Mask)
  9. Be My Lover
  10. Lost in America
  11. Hey Stoopid
  12. Welcome to My Nightmare
  13. Cold Ethyl
  14. Go to Hell
  15. Poison
  16. Feed My Frankenstein
  17. Black Widow Jam
  18. I Love the Dead
  19. Elected
  20. School’s Out / Another Brick in the Wall (Part 2)

Text & Fotos © by Boris Korpak/bokopictures

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