
Martin Rütter in Ludwigshafen: NachSITZen für Zweibeiner
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Ein Hund zieht an der Leine, ignoriert jedes Kommando und besetzt zu Hause selbstverständlich den besten Platz auf dem Sofa. Wer trägt die Schuld? Bei Martin Rütter in Ludwigshafen fällt die Antwort am 11. Februar 2016 meistens ziemlich eindeutig aus: Der Vierbeiner war es eher nicht. Mit seinem Programm „nachSITZen“ verwandelt Deutschlands bekanntester Hundetrainer die Friedrich-Ebert-Halle in ein tierisch-menschliches Klassenzimmer. Unterricht bekommen allerdings vor allem diejenigen, die an diesem Abend auf den Stühlen sitzen. Herrchen und Frauchen müssen nachsitzen.
Seit Oktober 2014 ist Rütter mit dem Programm unterwegs. Die Grundidee funktioniert auch 2016 hervorragend: Fachwissen über Hundeverhalten trifft auf Stand-up, Alltagssatire und jene Geschichten, bei denen sich Hundebesitzer häufig schon nach wenigen Sätzen selbst erkennen. Es geht um falsch verstandene Körpersprache, inkonsequente Erziehung, Langeweile, Überforderung und die erstaunliche Fähigkeit mancher Menschen, aus einem einfachen „Sitz“ eine komplette Verhandlung zu machen. Rütter erklärt, beobachtet, spielt Situationen nach und hält seinem Publikum dabei mit sichtbarem Vergnügen den Spiegel vor.
Der Hund hat Burn-out. Oder vielleicht einfach Langeweile
Schon die Fragen des Programms geben die Richtung vor. Hat der Hund Burn-out? Leidet er an ADHS? Ist er hochbegabt? Ist er zu dick oder sind es wirklich nur die berühmten schweren Knochen? Und warum hört der Vierbeiner eigentlich hervorragend, solange niemand etwas von ihm möchte?
Rütter zerlegt solche menschlichen Erklärungsversuche genüsslich. Aus vermeintlich komplizierten Hundeproblemen werden plötzlich ziemlich nachvollziehbare Kommunikationsfehler. Sein Prinzip bleibt dabei klar: Hunde handeln aus ihrer eigenen Logik heraus. Menschen sind diejenigen, die daraus häufig ein Drama machen. Das Publikum lacht deshalb selten nur über fremde Hundebesitzer. Viele Pointen treffen hörbar mitten in die eigene Wohnung, das eigene Sofa und wahrscheinlich auch direkt auf die Leine im heimischen Flur.
Genau darin liegt Rütters Stärke. Er macht sich über Fehlverhalten lustig, ohne die Menschen vorzuführen. Die Pointe sitzt, danach folgt häufig eine Erklärung, die tatsächlich hängen bleibt. Comedy mit Nutzwert. Ein Abend, an dem zwischen zwei Lachern plötzlich klar wird, warum Bello gestern wieder exakt das getan hat, was er angeblich niemals tut.
Das Problem steht meistens am anderen Ende der Leine
Auf der Bühne braucht Martin Rütter dafür keine große Showmaschine. Er erzählt, gestikuliert, wechselt Rollen und spielt Hund und Halter gleich selbst. Ein paar Sekunden reichen, um aus dem erfahrenen Hundetrainer einen völlig überforderten Besitzer oder einen Vierbeiner zu machen, der längst verstanden hat, wer in dieser Beziehung wirklich das Kommando führt.
Besonders treffsicher wird „nachSITZen“, wenn es um Vermenschlichung und mangelnde Konsequenz geht. Der Hund darf heute aufs Sofa, morgen plötzlich nicht mehr und übermorgen nur, wenn Besuch da ist. Das Kommando wird dreimal wiederholt, anschließend mit Leckerli nachverhandelt und irgendwann einfach aufgegeben. Für den Hund ist die Sache damit relativ klar. Für den Menschen offenbar weniger. Rütter beschreibt genau diese kleinen Widersprüche und macht aus ihnen Szenen, die auch ohne eigenen Hund funktionieren.
Das vermeintliche Problemverhalten des Tieres wird dabei immer wieder zum Verhaltenstest für den Menschen. Wer erzieht hier eigentlich wen? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend.
Zwischen Fachwissen und Stand-up-Comedy
Dass Rütter aus der Hundearbeit kommt und nicht aus einer klassischen Comedy-Schmiede, ist ständig spürbar. Hinter den Pointen steckt konkrete Beobachtung. Seit Mitte der Neunziger beschäftigt er sich professionell mit Hundetraining, einem breiten Fernsehpublikum ist er vor allem durch „Der Hundeprofi“ bekannt. Auf der Bühne verdichtet er diese Erfahrung zu Geschichten, die auch ohne Fachbegriffe verständlich bleiben.
Mal geht es um die Leinenführigkeit, dann um Beschäftigung und geistige Auslastung, wenig später um die Frage, warum der angeblich perfekt erzogene Familienhund seine Regeln offenbar nur dann kennt, wenn es ihm gerade passt. Rütter springt schnell zwischen Information und Pointe. Das hält den Abend leicht, ohne dass das Thema zur bloßen Kulisse für Witze wird.
Im Gegenteil. Hinter fast jedem Lacher steckt dieselbe Botschaft: Wer seinen Hund verstehen will, muss zunächst genauer hinsehen und das eigene Verhalten überprüfen.
Das klingt pädagogisch.
Auf der Bühne ist es vor allem ziemlich komisch.
Ludwigshafen bekommt tierischen Nachhilfeunterricht
Der Termin in der Friedrich-Ebert-Halle gehört zu einer langen Tour, die „nachSITZen“ noch bis 2017 durch Deutschland führt. Mehr als 180 Vorstellungen werden es bis zum Tourfinale schließlich sein. Der Erfolg zeigt, dass Rütter eine ungewöhnliche Mischung gefunden hat: Hundeschule für Menschen, aber ohne erhobenen Zeigefinger. Fachvortrag, nur ohne trockene PowerPoint-Schlacht. Comedy, bei der nach dem Applaus tatsächlich etwas für den Alltag übrig bleibt.
Am Ende dürfte sich mancher Hundebesitzer auf dem Heimweg die Frage gestellt haben, wer zu Hause wohl wirklich nachsitzen muss.
Der Hund jedenfalls hatte wahrscheinlich längst Feierabend.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













