
Alice Merton in Frankfurt: Die Batschkapp unter Strom
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Am 24. Februar 2020 kehrte Alice Merton an einen Ort zurück, zu dem sie schon biografisch eine Verbindung hat: Frankfurt ist ihre Geburtsstadt. Diesmal kam sie allerdings nicht zum Heimatbesuch, sondern mit ihrer „MINT +4 Tour“ in die ausverkaufte Batschkapp. Der Frankfurter Abend war die zweite Station einer kurzen Deutschlandtour mit sechs Konzerten. Und Alice Merton in Frankfurt funktionierte genau dort besonders gut, wo eine Clubshow funktionieren muss: dicht dran, laut und ohne viel Platz zwischen Künstlerin und Publikum.
Da stand keine Sängerin auf der Bühne, die nur auf diesen einen großen Hit wartete.
Gut so.
Declan J Donovan eröffnet den Abend in der Batschkapp
Bevor Alice Merton übernahm, gehörte die Bühne Declan J Donovan. Der britische Singer-Songwriter begleitete sie auf mehreren Stationen dieser Tour, darunter ausdrücklich auch beim Frankfurter Konzert.
Donovan hatte die Aufgabe, einen bereits gut gefüllten Club auf eine Künstlerin vorzubereiten, deren Publikum ziemlich genau wusste, weshalb es gekommen war. Keine leichte Position. Trotzdem passte sein Singer-Songwriter-Sound zu diesem Abend, bevor die Umbaupause noch einmal kurz Luft ließ.
Dann Alice Merton.
Und damit änderte sich die Temperatur ziemlich schnell.
„MINT +4“ klingt live deutlich kantiger
Merton brachte mit „MINT +4“ die erweiterte Fassung ihres Debütalbums auf Tour. Die vier zusätzlichen Songs „Back to Berlin“, „PCH“, „Easy“ und „Keeps Me Awake“ waren im Oktober 2019 hinzugekommen. Damit hatte sie inzwischen genügend Material, um nicht mehr permanent auf ihre Durchbruchssingle angewiesen zu sein.
Das merkte man.
Songs wie „Learn to Live“, „Funny Business“, „Lash Out“ oder „Why So Serious“ funktionieren live härter als ihre saubere Studioproduktion zunächst vermuten lässt. Bass und Schlagzeug schieben nach vorne, Merton selbst hält sich ebenfalls nicht lange an einem Fleck auf. Ihre Stimme kann dunkel und kontrolliert klingen, im nächsten Moment bekommt sie diese raue Kante, die den Refrains zusätzlichen Druck gibt.
Die Batschkapp ist für solche Musik der bessere Ort als eine sterile Mehrzweckhalle.
Kein kilometerweiter Abstand. Kein Konzert, das sich irgendwo hinter einer riesigen Produktion verstecken könnte. Wenn die Band anzieht, kommt das unmittelbar vorne an.
Alice Merton hat sich ihren eigenen Weg gebaut
Natürlich schwingt an diesem Abend ihre ungewöhnliche Geschichte mit.
Vor „No Roots“ lagen Angebote von Plattenfirmen auf dem Tisch. Merton und ihr Manager Paul Grauwinkel entschieden sich trotzdem für das eigene Label Paper Plane Records, nachdem Änderungen am Song im Raum standen. „No Roots“ erschien im Dezember 2016 und wurde zum internationalen Durchbruch.
Ein ziemliches Risiko.
Im Nachhinein wirkt die Entscheidung fast selbstverständlich. War sie damals aber nicht.
Vielleicht passt gerade deshalb diese direkte Bühnenpräsenz so gut zu ihr. Merton wirkt nicht wie eine Interpretin, der irgendwann ein perfekt kalkulierter Hit hingelegt wurde. Da ist Eigensinn drin. Man hört ihn in den Songs und sieht ihn auch live.
Die Karriere hatte bis Frankfurt ohnehin schon einige ziemlich große Abzweigungen genommen: internationale Festivalauftritte, US-Fernsehen und 2019 der Platz als Coach bei „The Voice of Germany“. Ein paar Jahre zuvor war da erst diese eine Single gewesen.
Bei „No Roots“ braucht Frankfurt keine Aufforderung mehr
Und natürlich kommt irgendwann der Song, den jeder kennt.
„No Roots“.
Die Basslinie allein reicht inzwischen als Erkennungszeichen. Im ausverkauften Club wird aus dem Stück sofort etwas anderes als der Song, der seit Jahren aus Radios und Playlists kommt. Stimmen setzen ein, Körper bewegen sich, der Refrain wird zurück auf die Bühne geworfen.
Man kann sich gegen einen solchen Hit als Künstler irgendwann wehren. Oder man nimmt ihn an.
Merton tut Letzteres, ohne den restlichen Abend darauf zu reduzieren.
Das ist entscheidend. „No Roots“ hat ihre Karriere geöffnet, aber 2020 war längst hörbar, dass dahinter mehr Material wartet. Schon das Debütalbum „MINT“ enthielt neben dem Welthit Stücke wie „Learn to Live“, „2 Kids“, „Funny Business“, „Homesick“ und „Lash Out“.
Frankfurt bekommt deshalb keine knapp zweistündige Ehrenrunde für einen Erfolg aus dem Jahr 2016.
Es bekommt eine Band.
Ausgerechnet Frankfurt passt zu „No Roots“
Eine kleine Ironie lässt sich an diesem Abend trotzdem nicht übersehen. Alice Merton wurde in Frankfurt geboren, zog aber bereits als Baby weiter und lebte später unter anderem in Kanada, den USA, England und Deutschland. Diese vielen Ortswechsel wurden schließlich zu einem Ausgangspunkt für „No Roots“.
Und nun steht sie wieder hier.
Nicht in irgendeiner riesigen Arena, sondern in einer ausverkauften Batschkapp, ein paar Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt. Viel Pathos braucht diese Geschichte nicht. Der Bass setzt wieder ein. Frankfurt kennt den Rest.
Text & Foto © Jan Heesch














