
Avatar in Mannheim: Zwischen Wahnsinn und Metal-Theater
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Dieses Gesicht vergisst man nicht. Weiß geschminkt, die Augen dunkel umrandet, dazu das breite Grinsen und eine Körpersprache, bei der man nie genau wusste, was Johannes Eckerström als Nächstes anstellen würde. Als Avatar am 7. Dezember 2014 in Mannheim die Bühne der Alten Seilerei übernahmen, stand dort keine gewöhnliche Metalband. Die Schweden brachten ihre „Hail the Apocalypse“-Phase mitten in den kleinen Club und machten aus der überschaubaren Bühne eine ziemlich düstere Manege. The Defiled begleiteten Avatar auf der damaligen Europatour als Special Guest; der Mannheimer Termin ist für beide Bands eindeutig dokumentiert.
Schon beim Fotografieren war klar, dass der Blick zwangsläufig immer wieder bei Eckerström hängen blieb. Seine Bewegungen waren überzogen, manchmal fast grotesk, dann stand er plötzlich sekundenlang vollkommen kontrolliert am Mikrofon. Daneben die Gitarren von Jonas „Kungen“ Jarlsby und Tim Öhrström, Henrik Sandelin am Bass und John Alfredsson am Schlagzeug. Alles wirkte präzise, aber nie steril. Diese Mischung aus Theater und brutaler Direktheit machte Avatar damals schon zu einer Band, die sich live kaum mit jemand anderem verwechseln ließ. Die Besetzung dieser Phase blieb über Jahre der feste Kern der Band.
Eldrimner eröffnen den Metal-Abend in Mannheim
Den Anfang machten Eldrimner. Die Schweden kamen aus einer deutlich düstereren Ecke und verbanden Black-Metal-Wurzeln mit modernen, progressiveren Strukturen. Erst im März 2014 hatten sie ihre Veröffentlichung „Jag känner ingenting för dig“ herausgebracht, auf der schwere Riffs, melancholische Passagen und aggressive Vocals eng zusammenlagen.
Für einen Abend mit Avatar war das ein ziemlich passender Auftakt. Noch war auf der Bühne weniger Theater angesagt, dafür ging es musikalisch roh zur Sache. Eldrimner ließen ihren Songs Raum, bauten Druck auf und bereiteten den Boden für zwei Bands, die anschließend noch einmal völlig andere Formen von Härte in die Alte Seilerei bringen sollten. Gerade bei solchen Drei-Band-Abenden gefällt mir, wenn nicht einfach dreimal derselbe Sound wiederholt wird. Hier hatte jede Formation eine eigene Handschrift.
The Defiled bringen Industrial Metal aus London
Mit The Defiled änderte sich das Bild deutlich. Die Londoner setzten stärker auf Industrial Metal, elektronische Elemente und eine moderne, fast mechanische Härte. Ihr zweites Album „Daggers“ war 2013 bei Nuclear Blast erschienen, mit Songs wie „Sleeper“, „Unspoken“, „As I Drown“, „No Place Like Home“ und „Infected“. Ende 2014 waren sie als Special Guest von Avatar auf dem europäischen Festland unterwegs.
Live war das kompakter und aggressiver. Stitch D führte die Band am Mikrofon und an der Gitarre an, The AvD brachte Keyboards, Samples und Backing Vocals hinein, während Vincent Hyde und Needles das Fundament bauten. Zu diesem Zeitpunkt waren The Defiled bereits nur noch zu viert unterwegs. Gitarrist Aaron Curse hatte die Band einige Monate zuvor verlassen.
Die Alte Seilerei war für diesen Sound ein guter Ort. Keine große Distanz, keine Möglichkeit, sich vor der Wucht der Anlage irgendwo in den hintersten Arenarang zurückzuziehen. Die elektronischen Elemente trafen direkt auf Gitarren und Schlagzeug, alles wirkte dichter. Und trotzdem war nach diesem Set noch Luft nach oben.
Avatar machen aus Metal eine bizarre Show
Dann kam Johannes Eckerström.
Avatar hatten mit „Hail the Apocalypse“ im Mai 2014 ihr fünftes Studioalbum veröffentlicht und damit eine Phase erreicht, in der sich ihr musikalischer Stil und die immer stärkere visuelle Inszenierung endgültig miteinander verzahnten. Das Album brachte Stücke wie „Hail the Apocalypse“, „Vultures Fly“, „Bloody Angel“, „Murderer“, „Tsar Bomba“, „Puppet Show“ und „Tower“.
Vor der Bühne wirkte das deutlich extremer als auf Platte. Eckerström war Sänger, Zeremonienmeister und Freakshow-Direktor in einer Person. Dieses starre Grinsen. Dann wieder Headbanging, abrupte Bewegungen und Gesten, die bewusst größer ausfielen, als es in einem Club eigentlich nötig gewesen wäre. Genau deshalb funktionierten sie. Die Bühne der Alten Seilerei schien für Avatar fast zu klein, gleichzeitig machte gerade diese Enge den Auftritt so intensiv.
Fotografisch war das natürlich ein Geschenk. Man musste allerdings schnell sein. Eckerström hielt eine Pose manchmal gerade lange genug, dass man glaubte, jetzt das Bild zu haben, und im nächsten Moment flog das Haar wieder durchs Gesicht. Auch Jonas Jarlsby und Tim Öhrström spielten diesen visuellen Ansatz mit, während Henrik Sandelin und John Alfredsson dafür sorgten, dass hinter dem ganzen Theater musikalisch nichts auseinanderfiel.
„Hail the Apocalypse“ trifft auf „Black Waltz“
Die damaligen Shows lebten stark vom Wechsel zwischen dem neuen Album und „Black Waltz“ von 2012. Bei den dokumentierten Konzerten der „Hail the Apocalypse“-Phase gehörten Titel wie „Bloody Angel“, „Vultures Fly“, „Hail the Apocalypse“, „Tsar Bomba“ und „What I Don’t Know“ ebenso zum Kern wie „Let It Burn“, „Paint Me Red“, „Torn Apart“ und „Smells Like a Freakshow“.
Gerade diese beiden Alben passten live hervorragend zusammen. „Black Waltz“ hatte den bizarren Charakter von Avatar bereits stark nach vorne gebracht, „Hail the Apocalypse“ machte daraus endgültig eine eigene Welt. Härte allein war längst nicht mehr das Entscheidende. Die Songs hatten Groove, Melodien, abrupte Wechsel und immer wieder Passagen, bei denen Eckerström mit dem Publikum spielte, statt einfach nur darüber hinwegzubrüllen.
Und dann diese Optik. Militärisch anmutende Kleidung, geschminkte Gesichter, lange Haare und ein Frontmann, der aussah, als wäre er gerade aus einem ziemlich kaputten Wanderzirkus entkommen. In der Alten Seilerei wirkte das nicht wie eine Kulisse. Dafür stand man viel zu nah dran.
Ein Abend, an dem Avatar längst mehr als Geheimtipp waren
2014 war für Avatar ein wichtiges Jahr. „Hail the Apocalypse“ brachte ihnen international neue Aufmerksamkeit, das Album schaffte erstmals den Sprung in die US-Billboard-200, und nach zahlreichen Shows in Nordamerika ging es im Herbst und Winter wieder ausführlich durch Europa. Mannheim lag im letzten Abschnitt dieser Tour: Am 6. Dezember spielte die Band in Sittard, am 7. Dezember in der Alten Seilerei und einen Abend später bereits im Frankfurter Zoom.
Damals konnte man Avatar noch in einem Raum erleben, in dem Johannes Eckerström nur wenige Meter vor der Kamera stand. Kein riesiger Festivalgraben, keine gigantische Produktion. Dafür Schweiß, Gitarren, dieses irre Grinsen und eine Band, die gerade dabei war, ihre ganz eigene Version von Metal-Theater zu perfektionieren.
The Defiled hatten vorher ordentlich Druck gemacht, Eldrimner den Abend eröffnet. Aber als Avatar loslegten, gehörte die Alte Seilerei ihrer Freakshow.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













