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Noch bevor Doro richtig am Mikrofon stand, war die Alte Seilerei in Bewegung. Gegen 21 Uhr kam sie an diesem Sonntagabend auf die Bühne, schwarzes Leder, blonde Mähne, Faust nach oben, und vor mir gingen sofort die Hände hoch. Am 30. November 2014 feierte die Düsseldorfer Metal-Ikone in Mannheim ein Jubiläum, das schon für sich eine Ansage war: 30 Jahre auf der Bühne. Die „30 Years – Strong & Proud“-Tour führte Doro nach Stuttgart direkt in die Alte Seilerei, zwei Tage später ging es in Würzburg weiter.
Gerade in diesem Club wirkte die ganze Sache angenehm direkt. Keine riesige Arenabühne, hinter der die Musiker irgendwann verschwinden, sondern Doro und ihre Band wenige Meter vor den Fans. Für mich bedeutete das mit der Kamera: dicht dran bleiben. Doro suchte ständig den Kontakt nach vorne, reckte die Faust ins Publikum, ging an den Bühnenrand und wirkte dabei keine Sekunde wie jemand, der gerade pflichtbewusst sein 30-jähriges Dienstjubiläum abarbeitet.
Bevor Doro übernahm, gehörte die Bühne dem Schweizer Luke Gasser und seiner Band. Gasser war auf dem kompletten November- und Dezemberblock der Jubiläumstour als Support dabei und hatte gerade sein Album „Flicker“ veröffentlicht. Musikalisch ging es geradlinig in Richtung Hard Rock und Rock’n’Roll, also genau dorthin, wo sich das Publikum für den späteren Hauptact schon einmal warmspielen konnte. Die Verbindung zu Doro ging dabei über die gemeinsame Tour hinaus: Auf „Flicker“ ist sie beim Song „Fire On My Mind“ selbst als Gast zu hören.
Das funktionierte in der Alten Seilerei gut, weil zwischen Support und Headliner kein künstlicher Stilbruch lag. Gasser kam mit Gitarren, rauem Rocksound und einer schnörkellosen Haltung. Danach musste nichts umgebaut werden, was die Stimmung wieder heruntergezogen hätte. Als Doro schließlich erschien, war der Raum längst bereit.
Drei Jahrzehnte Karriere lassen sich nicht in einen einzigen Abend pressen. Doro versuchte es trotzdem ziemlich überzeugend. Die Jubiläumstour griff weit zurück in die Warlock-Jahre, stellte die alten Heavy-Metal-Wurzeln neben spätere Solo-Songs und verband diese Vergangenheit mit dem damals aktuellen „Raise Your Fist“-Kapitel. Für die Tour durften Fans sogar mitentscheiden, welche Titel sie hören wollten; bei den Shows dieses Tourblocks entstand daraus ein rund zweieinhalbstündiges Programm, das tief durch Doros Geschichte ging.
Genau deshalb fühlte sich der Abend nicht wie die Präsentation eines einzelnen Albums an. Es ging um diese gesamte Geschichte. Um die frühen Achtziger, als eine Frau im deutschen Heavy Metal noch weit stärker gegen festgefahrene Vorstellungen ankämpfen musste. Um Warlock. Um Amerika, Wacken, zahllose Tourneen und um eine Sängerin, die nach 30 Jahren noch immer mit derselben sichtbaren Begeisterung vor ihren Fans stand.
Und diese Begeisterung kam zurück. Laut.
Doro ist ohnehin eine Künstlerin, die von der Verbindung zu ihrem Publikum lebt. In der Alten Seilerei Mannheimkonnte sie diese Stärke voll ausspielen. Zwischen Bühne und Fans gab es kaum Distanz, und entsprechend direkt kamen die Reaktionen zurück. Wenn sie die Faust hob, gingen vor ihr Dutzende mit nach oben. Wenn sie sich Richtung erste Reihen beugte, war sofort Bewegung drin.
Fotografisch sind genau solche Shows die spannenden. Doro liefert ständig Bilder, ohne dass es einstudiert aussieht: Haare fliegen, die Hand geht hoch, ein Lachen Richtung Publikum, dann wieder dieser konzentrierte Blick unmittelbar vor dem nächsten Einsatz. Dahinter arbeitete ihre Band mit ordentlich Druck. Das Ganze war laut und körperlich, aber nie anonym.
2014 war für Doro ohnehin ein besonderes Jahr. Im Mai hatte sie ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum mit zwei großen Shows in Düsseldorf gefeiert, im Sommer folgten Festivals, im Herbst eine Nordamerika-Tour und anschließend der nächste lange Europaabschnitt. Mannheim lag mittendrin.
Was mir bei diesem Abend am stärksten hängen blieb, war nicht irgendeine riesige Produktion. Es war Doro selbst. Nach 30 Jahren hätte sie sich problemlos auf ihren Status als „Metal Queen“ verlassen und ein routiniertes Best-of-Programm abliefern können. Genau so wirkte es aber nicht.
Sie stand in der Alten Seilerei, als müsste sie sich die ersten Reihen immer noch neu verdienen. Nähe, Energie, Metal und diese beinahe unverwüstliche Begeisterung für die eigene Musik. Das Publikum nahm ihr das sofort ab, weil es nicht nach Pose aussah.
Doro musste an diesem 30. November niemandem mehr beweisen, dass sie zur deutschen Metalgeschichte gehört. Sie tat es trotzdem. Direkt vor uns.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopicturesSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
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