Bosse in Gießen beim Kultursommer 2024 auf dem Schiffenberg

Bosse in Gießen: Tanz, Chor und große Gefühle auf dem Schiffenberg

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Am 22. August 2024 eröffnete Axel Bosse mit seiner Band den Gießener Kultursommer auf der Freilichtbühne am Kloster Schiffenberg. Rund 2.500 Besucher kamen zu seinem ersten Konzert in Gießen, mit dabei waren Das Lumpenpack als Support und der Licher Chor Songlines als besondere Verstärkung. Schon beim Blick vor die Bühne war klar: Das hier würde kein Abend zum stillen Zuhören werden.

Der Schiffenberg spielte Bosse dabei in die Karten. Sommerliche Temperaturen, Open-Air-Kulisse, dicht gedrängte Reihen vor der Bühne. Und mittendrin ein Sänger, für den Stillstehen offenbar keine ernsthafte Option ist. Bosse lief, sprang, tanzte über die Bühne, verschwand kurz am Rand und war Sekunden später wieder ganz vorne. Diese Energie sprang schnell über.

Das Lumpenpack bringt den Schiffenberg früh auf Temperatur

Bevor Bosse übernahm, gehörte die Bühne Das Lumpenpack. Max Kennel und Jonas Frömming haben ihre Wurzeln im Poetry Slam, und genau das hört man ihren Songs bis heute an. Pointierte Texte, manchmal ziemlich böse, dazu eine Band, die daraus längst echten Rock gemacht hat.

Bei „Hauch mich mal an“ und „Immer noch drauf“ konnten viele vor der Bühne bereits mitsingen. Noch deutlicher wurde es bei „Ford Fiesta“: Frömming forderte kurzerhand zur Polonaise auf, und tatsächlich setzte sich Bewegung durch die Zuschauerreihen.

Humor funktioniert bei Das Lumpenpack allerdings selten ohne Spitze. Bei „Pädagogen“ wollten die Musiker zunächst wissen, wie viele Vertreter dieser Berufsgruppe anwesend waren. Erstaunlich viele Hände gingen hoch. Danach mussten genau diese Menschen die musikalische Abrechnung über sich ergehen lassen.

Einfach nur Vorgruppe? Dafür war hier schon zu viel los.

Auch politisch wurde der Abend deutlich. Das Lumpenpack fand klare Worte gegen Demokratiefeindlichkeit und Rechtspopulismus, später bezog Bosse ebenfalls unmissverständlich Position. Der Beifall vom Schiffenberg fiel entsprechend deutlich aus.

Bosse hält es keine Minute lange ruhig

Als Bosse schließlich auf die Bühne kam, änderte sich das Tempo noch einmal. Seine Tour stand im Zeichen des Albums „Übers Träumen“, doch die Setlist ließ genügend Platz für ältere Stücke. „Das Paradies“, „Royales Morgenblau“, „Sunnyside“, „Salzwasser“, „Alter Strand“ und „Frankfurt/Oder“ gehörten in Gießen zum Programm.

Bosse brauchte keine lange Annäherung ans Publikum. Er sprach die Menschen direkt an, dirigierte, forderte Bewegung und bekam sie. „Ich will euch tanzen sehen“, rief er in die Menge. Wenige Augenblicke später war aus den ersten Reihen eine hüpfende Masse geworden.

Dabei wirkte der Abend nie wie eine exakt durchgetaktete Popshow. Kleine Fehler durften passieren. Wenn etwas nicht saß, wurde eben neu angesetzt. „Alles auf Anfang“, dann weiter. Gerade solche Momente machten den Auftritt nahbar und verstärkten den Eindruck, hier tatsächlich bei einem Konzert dabei zu sein und nicht bei einer perfekt polierten Wiederholung desselben Abends.

Songlines aus Lich sorgt bei „Ein Traum“ für einen besonderen Moment

Der stärkste lokale Bezug kam von Songlines aus Lich. Bosse hatte für seine „Übers Träumen“-Tour Chöre aus verschiedenen Städten gesucht und den Licher Chor für Gießen ausgewählt. Ausgangspunkt war der Song „Ein Traum“, dessen Albumversion ebenfalls mit Chor gearbeitet hatte.

Als Songlines auf die Bühne kam, wurde es eng. Viele Stimmen standen plötzlich hinter Bosse und seiner Band, und genau diese zusätzliche Wucht gab „Ein Traum“ einen anderen Charakter. Der Sänger überließ den Applaus anschließend demonstrativ seinen Gästen: „Das ist euer Applaus.“

Das funktionierte.

Noch stärker wurde der Gemeinschaftsgedanke, als Bosse auch die rund 2.500 Menschen vor der Bühne in einen Kanon einbezog. Kein halbherziges Mitsingen irgendwo im Hintergrund. Der Schiffenberg machte tatsächlich mit.

Für Songlines war der Auftritt mit Bosse eine Premiere. Der Sänger hatte den Chor nach einer Bewerbung ausgewählt und dessen Offenheit, Vielfalt und musikalische Qualität ausdrücklich hervorgehoben. In Gießen wurde daraus mehr als eine nette lokale Zugabe. Der Chor gehörte zu den Momenten, über die nach dem Konzert gesprochen wurde.

„Schönste Zeit“ wird zum großen Chor vor der Bühne

Zwischen den großen Bandarrangements zeigte Bosse, dass er nicht permanent Vollgas braucht. Für „Augen zu, Musik an“ genügte eine Akustikgitarre. Plötzlich stand nicht mehr Bewegung im Mittelpunkt, sondern der Text.

Genau diese Wechsel hielten den Abend zusammen. Mal sprang Bosse über die Bühne, wenige Minuten später ließ er einen Song fast allein wirken. Und dann kamen natürlich jene Stücke, bei denen ein Großteil des Publikums kaum noch Unterstützung vom Sänger benötigte.

„Der letzte Tanz“ gehörte dazu. Und „Schönste Zeit“ erst recht.

Bei „Schönste Zeit“ gingen vor der Bühne die Arme hoch, Stimmen kamen von überall. Ein Song, der ohnehin von Erinnerungen lebt, traf an diesem Sommerabend ziemlich genau den richtigen Nerv. Bosse stand vorne, sang, das Publikum gab ihm jede Zeile zurück.

Der Gießener Kultursommer hätte kaum lebendiger starten können. Das Lumpenpack hatte vorher für Bewegung und bissigen Humor gesorgt, Songlines brachte den lokalen Gänsehautmoment. Und Bosse auf dem Schiffenberg? Der wollte die Leute tanzen sehen.

Sie taten ihm den Gefallen.

Text & Foto © Jan Heesch

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