Amon Amarth in Gießen beim Kultursommer 2024 auf dem Schiffenberg

Amon Amarth in Gießen: Wikingersturm auf dem Schiffenberg

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Am 23. August 2024 wurde es auf dem Schiffenberg deutlich härter als sonst beim Kultursommer. Die schwedischen Melodic-Death-Metal-Schwergewichte machten mit ihrer „Heidrun Over Europe“-Tour auf der ausverkauften Freilichtbühne am Kloster Schiffenberg Halt. Mit dabei waren Insomnium und Kanonenfieber. Drei Bands, historische Klostermauern und davor eine Menge, die schon früh keinen Zweifel daran ließ, weshalb sie gekommen war.

Vor der Bühne dominierten schwarze Shirts und Kutten, die ersten Reihen rückten dicht zusammen. Wo am Abend zuvor beim Kultursommer noch Bosse getanzt hatte, flogen jetzt Haare durch die Luft. Der Kontrast hätte kaum größer sein können.

Kanonenfieber und Insomnium eröffnen die Metal-Nacht

Schon das Vorprogramm war ungewöhnlich stark besetzt. Kanonenfieber brachte zunächst seinen düsteren, kompromisslosen Metal auf den Schiffenberg. Das Projekt beschäftigt sich in Musik und Inszenierung mit den Schrecken des Ersten Weltkriegs, entsprechend finster fiel der Einstieg in diesen Abend aus. Der Veranstalter hatte Kanonenfieber gemeinsam mit Insomnium ausdrücklich für die Gießener Show angekündigt.

Danach gehörte die Bühne den Finnen von Insomnium. Hier wurde der Sound melodischer, aber kaum weniger schwer. „1696“, „Valediction“, „White Christ“ und „Lilian“ führten schließlich zu „Pale Morning Star“, „Unsung“ und dem starken „While We Sleep“.

Gerade dieser Wechsel funktionierte. Insomnium ließen die Gitarren immer wieder weit aufgehen, dann brachen die nächsten schweren Riffs darüber. Vor der Bühne wurde längst nicht mehr nur gewartet. Die ersten Köpfe kreisten, Fäuste gingen hoch. Der Boden war bereitet.

Amon Amarth lassen den Schiffenberg erbeben

Als schließlich Amon Amarth übernahmen, änderte sich die Dimension. Johan Hegg stand mit breitbeinigem Schritt am Bühnenrand, hinter ihm die Band, davor eine Kulisse, die aussah, als hätte jemand einen Wikingerfeldzug mitten nach Mittelhessen verlegt.

Entgegen mancher späterer Erinnerung begann die Show nicht mit „Heidrun“, sondern mit „Raven’s Flight“. Danach folgte „Guardians of Asgaard“. Spätestens jetzt war auf dem Schiffenberg Schluss mit gemütlichem Sommerabend.

Die Gitarren von Olavi Mikkonen und Johan Söderberg schoben mit massiver Wucht nach vorne, dazu Heggs tiefes Growling. Der Bass drückte spürbar, die Drums knallten über das Gelände. Vorne öffneten sich Moshpits, weiter hinten gingen die Hörner in die Luft.

Und mittendrin grinste Hegg.

„Heidrun“ trifft auf „The Pursuit of Vikings“

Die Setlist setzte nicht allein auf die jüngere Bandphase. „The Pursuit of Vikings“, „Guardians of Asgaard“, „First Kill“ und „Shield Wall“ standen neben Material der vergangenen Jahre. Auch „Heidrun“, Namensgeber der Tour und ein Stück vom 2022 erschienenen Album „The Great Heathen Army“, bekam seinen Platz.

Gerade bei den älteren Hymnen zeigte sich, wie textsicher das Publikum war. Hegg musste einzelne Passagen kaum vollständig selbst übernehmen. Ein Arm nach dem anderen ging hoch, aus den ersten Reihen kam ihm der Refrain entgegen.

Bei „Put Your Back Into the Oar“ passte schließlich alles zusammen, was Amon Amarth live so speziell macht: schwere Riffs, Pathos mit einem kräftigen Augenzwinkern und ein Publikum, das bereitwillig Teil der Inszenierung wird. Die Musik wirkt bei dieser Band nie losgelöst von dem, was davor passiert. Sie braucht Bewegung.

Wikingerkämpfe und Pyro mitten zwischen den Klostermauern

Amon Amarth begnügen sich live längst nicht mehr mit fünf Musikern vor einer Verstärkerwand. Krieger tauchten auf, Schwerter wurden gezogen, Kämpfe auf der Bühne inszeniert. Dazu schossen Pyroeffekte in die Höhe.

Vor den historischen Mauern des Klosters bekam das einen herrlich absurden Reiz. Eben noch Kultursommer in Gießen, Sekunden später Ragnarök.

Das Schauspiel hätte leicht zum Selbstzweck werden können. Tat es aber nicht. Die Figuren und Effekte folgten den Songs, statt sie zuzudecken. Wenn Hegg zwischen den kämpfenden Wikingern stand und die nächste Strophe growlte, wirkte das zwar maximal überzogen, aber genau deshalb vollkommen richtig.

„Raise Your Horns“ bringt tausende Fäuste nach oben

Je näher das Ende rückte, desto stärker konzentrierte sich die Show auf jene Songs, die bei Amon Amarth längst Ritualcharakter besitzen. „Raise Your Horns“ war einer davon. Arme und Trinkbecher gingen hoch, Hegg dirigierte die Menge und vom hinteren Bereich kam der Ruf zurück zur Bühne.

Für die Zugabe blieben schließlich noch zwei schwere Geschütze. „Crack the Sky“ eröffnete den letzten Block, dann setzte „Twilight of the Thunder God“ den Schlusspunkt. „Death in Fire“, das in einigen Rückblicken als Finale genannt wird, gehörte an diesem Abend dagegen nicht zur dokumentierten Setlist.

Noch einmal Pyro. Noch einmal kreisende Haare und geballte Fäuste vor der Bühne.

Dann war Schluss.

Zurück blieb ein Schiffenberg, der für einige Stunden ziemlich wenig mit beschaulichem Klosterambiente zu tun gehabt hatte. Amon Amarth in Gießen brauchten dafür keine nordische Landschaft. Ein ausverkauftes Open Air, ein paar Schwerter, Feuer und tausende Metalheads reichten vollkommen.

Text & Fotos © Jan Heesch

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