
Bülent Ceylan in Mannheim: KЯONK feiert Vorpremiere
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Rockmusik dröhnt durch das Capitol, Nebel zieht über die Bühne und Bülent Ceylan erscheint ausgerechnet in einer Zwangsjacke. Einige Befreiungsversuche später ist das Ding Geschichte, die Haare fliegen beim obligatorischen Headbanging und Mannheim weiß sofort, in welche Richtung dieser Abend geht. Am 30. Januar 2016 präsentiert der Comedian im ausverkauften Capitol erstmals sein neues Programm „KЯONK“ vor Publikum. Es ist die erste von drei Vorpremieren in seinem Mannheimer „Wohnzimmer“, bevor wenige Tage später die reguläre Tour beginnt.
Mit „KЯONK“ legt Ceylan sein inzwischen neuntes Liveprogramm seit 1998 vor und zieht den thematischen Radius deutlich weiter als noch bei „Haardrock“. Natürlich gibt es wieder Figuren, Dialekt, derbe Pointen und reichlich Selbstironie. Gleichzeitig wird der Abend politischer. Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz, fehlende Menschlichkeit und eine Gesellschaft, in der manche Diskussion komplett aus der Spur geraten ist, liefern diesmal einen beträchtlichen Teil des Materials. Ceylans Diagnose ist einfach: Die Welt ist ziemlich kronk.
Im Capitol braucht Bülent keine große Showmaschine
Gerade weil es eine Vorpremiere ist, fällt die Bühne deutlich reduzierter aus als bei der späteren großen Hallentour. Keine gigantische Videoproduktion, kein Effektgewitter. Im Capitol funktioniert ohnehin etwas anderes: die unmittelbare Nähe zwischen Künstler und Publikum. Ceylan spielt damit von den ersten Minuten an und macht sogar das fehlende Tour-Bühnenbild selbst zum Gegenstand seiner Pointen.
Das Capitol ist für ihn längst mehr als irgendeine Station im Tourkalender. Neue Programme hier auszuprobieren, gehört inzwischen fast zum Ritual. Die Reaktionen kommen unmittelbar. Ein Blick, eine Grimasse oder ein kurzes Ansetzen einer bekannten Stimme reichen, und der Saal weiß bereits, wer gleich auftaucht.
Genau diese Vertrautheit macht den Abend besonders. Mannheim kennt Bülent. Und Bülent kennt Mannheim.
Mompfreed, Harald, Hasan und Anneliese sind wieder da
Natürlich lässt „KЯONK“ die bekannten Charaktere nicht zu Hause. Hausmeister Mompfreed Bockenauer darf wieder poltern, Waldhof-Fan Harald bleibt zuverlässig ungehobelt, Hasan liefert seine Macho-Weltsicht und bei Anneliese wird aus Ceylan innerhalb weniger Augenblicke wieder die selbsternannte Society-Dame mit ganz eigenem Blick auf Männer und das Leben.
Die Wechsel passieren teilweise mitten im Satz. Andere Haltung, andere Stimme, eine Handbewegung und plötzlich steht gefühlt eine völlig neue Person auf der Bühne. Gerade im vergleichsweise intimen Capitol kommen diese schnellen Transformationen besonders gut zur Geltung. Ceylan braucht dafür kaum Requisiten. Die Figuren sitzen längst in Körpersprache, Stimme und Gesicht.
Doch „KЯONK“ verlässt sich nicht ausschließlich auf Bekanntes. Ceylan nutzt seine Charaktere vielmehr als unterschiedliche Blickwinkel auf das, was ihn 2016 beschäftigt. Dadurch können politische Themen wenige Sekunden später in einer völlig absurden Alltagsgeschichte landen. Ernst bleibt bei ihm selten lange ernst.
Fremdenhass bekommt keine Schonbehandlung
Deutlich wird das bei einem Thema, das sich durch den Abend zieht: Fremdenfeindlichkeit. Ceylan setzt sich mit Intoleranz und Respektlosigkeit auseinander und formuliert dabei eine klare Haltung. Sein Humor darf hart und manchmal ziemlich schmutzig werden, doch wenn es um Herkunft und das Zusammenleben geht, wird die Richtung eindeutig. Das Programm versteht Lachen nicht als Wegsehen, sondern als Mittel, um den Irrsinn sichtbar zu machen.
Dabei bleibt Ceylan glücklicherweise Comedian und verwandelt die Bühne nicht in einen politischen Vortrag. Kaum wird es ernst, biegt er wieder komplett falsch ab. Klimawandel, Angela Merkel, merkwürdige Alltagssituationen, Beziehungen und Sex landen innerhalb weniger Minuten nebeneinander. Das Tempo ist hoch, die Übergänge manchmal bewusst irrwitzig.
Das passt zum Titel. „KЯONK“ soll gar nicht sauber und ordentlich sein.
Das zweite Wohnzimmer ist restlos ausverkauft
Nicht nur die erste Vorstellung am 30. Januar ist voll. Auch die beiden weiteren Vorpremieren am 31. Januar und 1. Februar sind restlos ausverkauft. Drei Abende im Capitol, bevor das Programm anschließend auf die große Tour geht. Dass Ceylan dafür zuerst nach Mannheim zurückkehrt, ist nach all den gemeinsamen Jahren kaum überraschend.
Während der gut zweistündigen Show zeigt sich auch, wie sehr dieses Heimspiel von spontanen Reaktionen lebt. Zwischenrufe werden aufgenommen, der Oberrang bekommt sein Fett weg und selbst die Eigenheiten des Capitols landen mitten im Programm. Manche Pointe würde in einer anonymen Arena wahrscheinlich anders funktionieren. Hier sitzt sie.
Und Mannheim spielt mit.
Standing Ovations für eine ziemlich „kronke“ Welt
Am Ende steht das Publikum. Standing Ovations für ein Programm, das an diesem Abend noch ganz am Anfang seines Weges steht. Ceylan nimmt den Applaus entgegen und kann sich selbst jetzt den letzten Seitenhieb nicht verkneifen. Genau dieses schnelle Reagieren, das Spiel mit dem Saal und die Mischung aus ausgearbeiteten Figuren und scheinbarer Spontaneität tragen den Abend.
„KЯONK“ zeigt einen Bülent Ceylan, der seine bekannten Figuren nicht verabschiedet, ihnen aber eine Welt vorsetzt, die politischer und unruhiger geworden ist. Fremdenhass trifft auf Männerprobleme, gesellschaftlicher Irrsinn auf Mannheimer Dialekt, klare Haltung auf ziemlich derben Humor.
Und wo könnte eine solche Therapie besser beginnen als hier?
Im Capitol. Mitten in Monnem.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













